Hinter geplanter Obsoleszenz steckt oftmals Software

Laut EMPA-Forschern ist am frühzeitigen Verschleiss von Produkten aber meist schlicht der Kostendruck schuld. Sie hegen Bedenken wegen des IoT.
 
Die Legende besagt, dass Unternehmen bewusst die Lebensdauer ihrer Geräte verkürzen, in dem sie Schwachstellen einbauen. Diese geplante Obsoleszenz soll dazu führen, dass Geräte kurz nach Ablauf der Garantie ihren Geist aufgeben, damit neue Waren verkauft werden können. Doch ist das ein Mythos oder Realität?
 
Dieser Frage widmet sich Forscher Peter Jacob mit seinem Team von der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (EMPA). Ihr Befund: Es gebe belegbare Fälle, in denen Firmen gezielt auf geplante Obsoleszenz setzen würden. In den meisten Fällen stecke aber Kostendruck hinter der verkürzten Lebensdauer.
 
Ein bekanntes Beispiel für den geplanten frühzeitigen Verschleiss ist das Kartell der Glühbirnen-Hersteller, die sich in den 1920er-Jahren auf eine kürzere Lebensspanne ihrer Produkte einigte. Die Folge: Der Absatz von Glühbirnen stieg massiv an, bis das Kartell im Zweiten Weltkrieg zur Auflösung gezwungen wurde.
 
Früher Verschleiss wegen des Softwareeinsatzes
Heute, so heisst es in einer Mitteilung der EMPA, stecke hinter geplanter Obsoleszenz oftmals Software: Beispielsweise seien Tintenpatronen mit Chips ausgestattet, die das Drucken verunmöglichen, sobald das Fülllevel unter einen bestimmten Grenzwert fällt. Die Patrone muss ersetzt werden, obwohl noch Tinte vorhanden wäre.
 
Bei Smartphones, etwa bei Apple und Samsung, wurden mittels OS-Updates ältere Geräte so verlangsamt, dass sie häufig von den entnervten Nutzern ersetzt wurden. Die beiden Firmen wurden 2018 mit Millionenbussen bestraft. Doch Software verkürze auch ungeplant die Lebensdauer von technischen Produkten, so die EMPA. Dies geschehe etwa wenn Updates neue Anforderungen an die Hardware stellen würden.
 
Dies könnte noch häufiger werden, wenn das IoT sich weiter verbreitet, befürchtet Jacob. Das habe er mit vielen tadellos funktionierenden Mikroskop-Kameras erfahren müssen, als sie wegen eines Windows-Software-Updates reihenweise ersetzt werden mussten. Die Befürchtung: Künftig könnte es auch nötig sein, einen perfekt kühlenden Kühlschrank ersetzen zu müssen, weil die Schaltkreise nicht mehr mit der neusten Software kompatibel sind.
 
Der Kostendruck tut das übrige
Zu dieser Problematik kommt der Spardruck: Denn die kürzere Lebensdauer von Produkten sei in den meisten Fällen keine bösartig geplante Obsoleszenz, sondern hauptsächlich einem enormen Kostendruck geschuldet. Vor allem bei hohen Stückzahlen seien die Kostenvorgaben oft sehr strikt und die Bauteile an ihren Grenzen spezifiziert.
 
"Ein Kondensator wird heute oft hart an seiner Grenze belastet, auch wenn der Ingenieur eine Sicherheitsmarge bevorzugen würde", so Jacob. Und zwar nicht nur in Billigelektronik, sondern auch bei professionell angewandten Geräten, wie etwa in Autos. (ts)