Prantl behaup­tet: Sparen ist keine Strategie

Wer Sparen zum Sport macht, dem fehlt die Energie für die wichtigen Dinge, findet Kolumnist Urs Prantl.
 
Im Rahmen eines Projektes zur Entwicklung einer neuen Unternehmensvision stiess ich vor kurzem auf ein Video von UMB. Dort zeigt das IT-Systemhaus unter dem Motto "Zu einem starken Team gehört eine klare Vision für die Zukunft" in einem kurzen Film die Entstehung ihrer Vision 2025. Nach eineinhalb Minuten ist das Bild vollständig. Eine Aussage in der unteren Bildhälfte traf mich dabei wie ein Schlag. "Investieren statt Sparen", steht dort prominent geschrieben.
 
Im Rahmen einer Vision eigentlich eine Selbstverständlichkeit und damit kaum einer Erwähnung wert, dachte ich im ersten Moment. Wieso also räumt UMB dieser Feststellung einen solch prominenten Platz ein? Für UMB kann ich nur spekulieren, allgemein hingegen wurde mir nach etwas Reflexion meiner Erfahrungen der letzten Jahre schnell klar, wieso diese Aussage zwingend dort hingehört.
 
So rühmen sich gerade KMU oftmals für ihre Sparsamkeit. Vor allem bei den kleinen Dingen, beim Mieten von Seminarräumen, bei der Bestellung von Büromaterial, bei der Bewilligung von Spesen der Mitarbeiter oder bei der Buchung einer Geschäftsreise und vielem mehr wird "gemärtet", was das Zeug hält. Nicht nur von denen, die wenig Geld haben, auch – oder sogar vor allem – von denen, die keinerlei finanzielle Engpässe zu beklagen haben. Soweit so gut. Was ich allerdings auch schon oft sah, dass Sparen dann bei den wirklich grossen Dingen auf einmal kein Thema mehr war. Da werden Projekte gigantischen Ausmasses (z.B. ISO-Zertifizierung, schnell mal eine eigene Software entwickeln, neue Website lancieren und ähnliches), die betriebswirtschaftlich gerechnet schnell mal x Tausend, Zehntausend oder gar sechsstellige Beträge kosten, fast schon aus der Hüfte heraus angestossen. In der Regel eng begleitet von Meeting-Marathons und umfangreichen Projektorganisationen, die nochmals Unsummen verschlingen. Eigentlich schizophren.
 
Das hat vor allem mit einem völlig falschen Verständnis von Sparen zu tun. So wird nämlich Sparen mit Sparsamkeit verwechselt. Wer sein Unternehmen "nur" sparsam führt, der wird nicht in die oben geschilderte Falle tappen, sondern sich auch bei grossen internen Projekten genau überlegen (und möglicherweise berechnen), welche Kosten und welcher Nutzen dabei abfällt. Wer hingegen nur spart, der macht sich einen Sport daraus und versucht überall den letzten 5er rauszupressen. Das Dumme daran ist bloss, dass dieser Sport, wie jede andere Sportart auch, Zeit, Aufmerksamkeit und Energie kosten, die dann für wichtige Dinge nicht mehr zur Verfügung stehen. Oder anders ausgedrückt. Wer intensiv spart, kommt rein kapazitätsmässig gar nicht mehr dazu, gleichzeitig auch noch klug investieren zu können.
 
Es hat aber auch damit zu tun, dass KMU noch zu oft "kleinteilig" denken und dann auch so handeln. Eine Geisteshaltung (viele nennen sie eine Tugend), die bis zu einer gewissen Grösse und Komplexität einigermassen funktioniert, in einer (bewusst gewählten) Wachstumsphase aber reines Gift sein kann.
 
Wer spart bewirtschaftet Risiken, wer investiert nutzt Chancen.
So wird primär gespart, um eh schon kleine Risiken noch weiter zu minimieren. Am besten auf Null. Allein das steht schon im völligen Widerspruch zum Unternehmertum. Andererseits besteht die nicht unwesentliche Gefahr, dass dabei die Erkennung und Nutzung von Chancen zu kurz kommt, wenn nicht sogar komplett auf der Strecke bleibt.
 
Die zu Beginn erwähnte unmissverständliche Aussage in der UMB-Vision ist vor allem vor dem Hintergrund der hier dargestellten KMU-Seele zu verstehen. Die klare Deklaration gegen das Sparen ist – in meinem Verständnis – ein ausgezeichnetes Mittel dafür, bewusst Gegensteuer zu geben. Gegen KMU-Kleingeistigkeit und gegen eine Geisteshaltung, die bereits für sich alleine eine ambitionierte Wachstumsstrategie zum Erliegen bringen kann.
 
Weiter darf nicht vergessen werden, dass Sparen in der Wahrnehmung der Mitarbeitenden immer etwas Negatives ist. Sie setzen – rein intuitiv – Sparen mit Stellenabbau und Auspressen bestehender Ressourcen gleich. Nicht zuletzt auch deswegen, wirkt Sparen auf das Unternehmensklima geradezu toxisch.
 
Wer hingegen sein Unternehmen mit einer langfristigen Strategie ausstattet und diese erfolgreich umsetzen will, muss in erster Linie investieren. In Zeit, in Wissensaufbau, in Markt- und Produktentwicklung und vieles mehr. Nicht jede dieser Investitionen benötigt finanzielle Mittel, oftmals reichen Kreativität und Entschlossenheit. Was hingen mit Sicherheit nicht funktionieren, ist das Unternehmen "zum Erfolg zu sparen". Nicht mal teilweise.
 
Daher darf Sparen nie Teil einer Strategie sein. Bestenfalls darf Sparsamkeit ein Unternehmenswert und damit ein kultureller Bestandteil sein. Explizit erwähnen würde ich ihn aber nie. Oder, um es wie die UMB zu tun, sogar das Gegenteil davon an prominenter Stelle der Strategie für alle sichtbar formulieren. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (57) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit 2012 kreiert er als Mentor für ICT-Unternehmer zukunftssichere Unternehmen. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.