Schweizer Software-Industrie: Ringen um Produktivität

Man hat schon viel zu tun, würde aber gerne noch mehr machen. Nur wie? Die Resultate des Swiss Software Industry Survey 2019.

 
Zum fünften Mal wurde dieses Jahr der Swiss Software Industry Survey durchgeführt. Die Studie, für welche dieses Jahr 591 Unternehmen an einer Online-Umfrage teilnahmen, wird jeweils vom Institut für Wirtschaftsinformatik der Universität Bern im Auftrag des ICT-Dachverbands ICTswitzerland erarbeitet. Medienpartner ist inside-channels.ch.
 
Nun wurden die Resultate interessierten Vertretern der Branche sowie Vertretern der Presse vorgestellt.
 
Ein klares Resultat: Das Jahr 2018 war für Schweizer Softwareunternehmen ein gutes Jahr. Der durchschnittliche Umsatz pro Angestelltem stieg von 221'000 auf 225'000 Franken. Die durchschnittlichen EBIT-Margen stiegen, nach einem Rückschlag im Jahr 2017 wieder, von 6,7 auf 8,2 Prozent.
 
Dementsprechend gross ist die Zuversicht in der Branche. Für das laufende Jahr wird ein Umsatzwachstum von gegen 10 Prozent erwartet, 2020 wird sogar noch etwas mehr Wachstum avisiert. Um die Nachfrage zu bewältigen, braucht man auch mehr Leute: Die befragten Unternehmen glauben, dass die Zahl ihrer Mitarbeitenden im laufenden Jahr um 11,6 Prozent und im kommenden Jahr sogar um 14,9 Prozent steigen wird.
 
Allerdings gibt es da noch dieses Ding mit dem Fachkräftemangel. Die Suche nach geeigneten neuen Mitarbeitenden gestaltet sich oft schwierig. Wenn man trotz fehlender Mitarbeiter mehr machen will, bleibt nur eines: Eine Steigerung der Produktivität der Leute, die man hat. Welche Gedanken sich Schweizer Softwareunternehmen in dieser Beziehung machen sowie weitere Detail-Resultate der Studie finden Sie auf den kommenden Seiten dieser Bildstrecke.

Der Umsatz pro Mitarbeiter ist vor allem bei Standard-Software-Herstellern 2018 deutlich gestiegen.

Die EBIT-Marge ist in den meisten Teilbranchen wieder zurück auf dem Stand von 2016 angekommen. 2017, so die Autoren der Studie anlässlich der Vorstellung der Resultate, war in mancher Beziehung ein besonderes Jahr: Unter anderem haben sowohl Individual- als auch Custom-Softwareunternehmen 2017 überdurchschnittlich viel in Forschung und Entwicklung investiert, was ihre Margen damals gesenkt hatte.

Über mangelnde Nachfrage können sich die Schweizer Softwareunternehmen nicht beklagen: Alle erwartet ein gutes bis sehr gutes Wachstum.

 
Aber das Wachstum ist nur möglich, wenn man auch genügend zusätzliche Mitarbeitende findet.

Aus welchen Tätigkeiten stammen die Umsätze der Softwareanbieter? Für Hersteller von Standardprodukten ist Unterhalt und Wartung weiterhin die wichtigste Umsatzquelle. Auch Anpassungen an Kundenbedürfnisse sind ein wichtiger Teil, vor allem für Hersteller, welche dies nicht mehrheitlich Implementationspartnern überlassen.

Nomen est, in diesem Falle, Omen: Für Individualsoftware-Entwickler ist logischerweise die Softwareentwicklung die weitaus grösste Einnahmequelle.

 
Obwohl vor allem grössere Custom-Software-Entwickler in den letzten Jahren vermehrt auch eigene Standardprodukte entwickelt haben und verkaufen, ist der Umsatz mit Softwarelizenzen im Schnitt weiterhin vergleichsweise tief.

Sowohl Standard- als auch Custom-Softwareentwickler erwarten, dass ihre bisherigen Haupteinnahmequellen in naher Zukunft etwas an Bedeutung verlieren werden.

 
Der "Gewinner" als Umsatztreiber sind Cloud-Lösungen und dies sowohl bei Standard-Softwareanbietern als auch, wenn auch auf tieferem Niveau, bei Individual-Softwareunternehmen.

Je nach Tätigkeitsfeld lagern inzwischen 50 und 70 Prozent der befragten Unternehmen einen Teil ihrer Arbeit an Drittunternehmen aus.

 
Diese Drittunternehmen sind hauptsächlich in der Schweiz selbst (Onshore) oder in einem Umkreis von 3000 Kilometern (Nearshore) angesiedelt. Outsourcing an weiter entfernte Unternehmen, beispielsweise nach Indien oder Vietnam, ist deutlich weniger verbreitet.

Die Nachfrage ist da, nicht unbedingt aber die Mitarbeitenden, um sie zu befriedigen. Eine Steigerung der Produktivität tut not. Aber wie?

 
Wie man aus dieser Übersicht über die von den befragten Unternehmen genannten Ideen ersehen kann, gibt es eine Vielzahl von Ansätzen. "Klassische" Detailarbeit im Bereich der Prozess-Verbesserung wurde am Häufigsten erwähnt, insbesondere Prozessautomatisierung. Auch das Training und die Weiterbildung der Belegschaft ist vielen ein Anliegen.
 
Einen richtig klaren Spitzenreiter unter den Massnahmen zur Produktivitätssteigerung gibt es aber, das ist ebenso ersichtlich, nicht.

Auch bei der Frage nach der Effektivität einzelner Massnahmen zur Produktivitätssteigerung ergab sich kein klarer Favorit. Ins Training der eigenen Angestellten und die Verbesserung von Prozessen werden am meisten Hoffnungen gesetzt. Der Versuch, die Produktivität durch die Anstellung "besserer" Mitarbeiter oder Auslagerung zu erhöhen, stösst dagegen mehrheitlich auf Skepsis.

Eine Diskussion zum Thema Produktivität unter einigen Branchenvertretern schloss sich an die Präsentation der SSIS-Ergebnisse an. Sie ergab vor allem eines: Eine Patentlösung gibt es nicht.

 
Dementsprechend unterschiedlich, und wohl oft auch irgendwie Geschmackssache, sind die individuellen Schwerpunkte, welche verschiedene Unternehmen gegenwärtig setzen.
 
Angesichts der bei der Diskussion entstandenen Grafik könnte man wohl auch sagen: Es ist kompliziert. (Hans Jörg Maron)