Prantl behauptet: UPC auf dem Weg zurück zu Cablecom

Kolumnist Urs Prantl fragt sich, wer als grösserer Verlierer vom Platz geht – Sunrise oder UPC?
 
Sunrise wollte UPC kaufen und ist am erbitterten Widerstand seines Grossaktionärs Freenet gescheitert. Einmal mehr werden wir aktuell Zeugen der Anatomie eines M&A-Deals in der ICT-Branche. Auch dieses Mal waren die Treiber des Deals – wie so oft in diesen Grössenordnungen – primär Manager- und Shareholder-Fantasien. Und genau daran ist er – voraussichtlich – auch gescheitert. Einerseits an den Egos der beteiligen Manager, andererseits an der Gefahr eines serbelnden Unternehmenswerts. Bloss vorgeschoben wurden hingegen strategische Gründe.
 
Ich frage mich jetzt noch zwei Dinge.
 
Wer geht als grösserer Verlierer vom Platz, Sunrise oder UPC, und was heisst das für ihre Zukunft? Und, zweitens, was sind die Folgen für die Kunden beider Unternehmen? Eine Frage, die ich übrigens in keinem Beitrag, den ich in den letzten Wochen zum geplanten Deal gelesen habe, thematisiert wurde. Ganz im Gegenteil. So schreibt der 'NZZ'-Wirtschaftsjournalist Stefan Häberli am 22. Oktober in seinem Beitrag "Sunrise kapituliert im Streit um UPC" sogar unverblümt: "Nun ist das Wohl der Kunden für eine gewinnorientierte Aktiengesellschaft nur Mittel zum Zweck. Letztlich geht es darum, den Unternehmenswert im Sinne der Aktionäre zu steigern. Offensichtlich glaubte die Mehrheit der Sunrise-Eigentümer nicht, dass die Übernahme von UPC – zu den ausgehandelten Konditionen – diesem Ziel gedient hätte." Heisst also: Die Kunden – ob die von Sunrise oder UPC – sind egal, denn sie sind ohnehin nur Mittel zum Zweck. Was ich übrigens als lang-langjähriger UPC-Cablecom-Kunde aus Erfahrung bestätigen kann.
 
Wer von den beiden Akteuren, die Käuferin Sunrise oder das Kaufobjekt UPC hat nun also eine Zwei auf dem Rücken?
 
Das ist klar UPC. Ihr wurde vom Sunrise-Grossaktionär Freenet mehrfach "attestiert", ein Unternehmen ohne Zukunftsfähigkeit zu sein. Obwohl UPC fast 60 Prozent der Schweizer Haushalte mit einem Kabelnetz versorge, sei ihre Technologie dennoch veraltet und klar ein Auslaufmodell, war stets die Argumentation. Diese wurde gestützt durch die Prognose, dass auch die stationäre Internetversorgung der Zukunft über die Luft (also 5G bzw. XG) stattfinden würde. So mache es keinen Sinn, für 6,3 Milliarden Franken ein Festnetz mit Verfalldatum zu kaufen. Dieses öffentlich ausgesprochene und vielerorts diskutierte Prädikat "Nicht-Zukunftstauglich" ist ein strategisches Desaster und wiegt tonnenschwer. Da nützt auch die kürzlich lancierte 1 Gbit-Initiative von UPC wenig. Dieses Etikett haftet der UPC jetzt an und wird sie bis ans Ende ihrer Tage begleiten. Es wird mit Sicherheit auch dazu führen, dass sich der effektive Verkaufspreis von UPC beim nach wie vor angestrebten Verkauf noch massiv nach unten bewegen wird. So meint ein in der 'NZZ am Sonntag' befragter Investmentbanker, dass nach Sunrise realistischerweise nur noch ein Finanzinvestor als Käufer in Frage komme – und der könne UPC nach der Übernahme dann auch gleich wieder in "Cablecom" umbenennen.
 
Die Sunrise-Bücher andererseits werden nicht mit einer gigantischen Netzinfrastruktur belastet, die ja schliesslich auch für teures Geld regelmässig up-to-date gehalten werden muss. Kommt hinzu, dass keine Post-Merger-Integration inklusive Kulturzusammenführung mit äusserst unsicherem Ausgang gemanagt werden muss. Eine PMI, welche mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit bei den Mitarbeitenden – allen voran bei UPC – zu einem Gemetzel geführt hätte. Anstelle dessen "darf" sich das Unternehmen nun ganz auf seine Standalone-Strategie konzentrieren, wie sich Sunrise-CEO Olaf Swantee in einer Medienmitteilung ausdrückt. Diese funktioniere zum Glück gut, meint Swantee an gleicher Stelle. Wenn die besagte Standalone-Strategie dann wieder aus dem Archiv herausgekramt wurde, wird das Management wohl feststellen, dass Sunrise ohne Festnetz und ohne alle anderen Altlasten und Leichen im Keller von UPC wesentlich agiler und flexibler wird funktionieren können. Gehört doch Sunrise zu den 5G-Pionieren und damit zu den Trendsettern im Internetgeschäft der Zukunft.
 
Wenn nun aber strategisch gesehen die Vorteile eines Nicht-Deals so offensichtlich sind, wieso wollte dann das Sunrise-Management unbedingt UPC kaufen? Ich glaube aus zwei Gründen. Einerseits, weil dies das Unternehmen nahezu verdoppelt hätte (von gut 1600 Mitarbeitenden auf über 3000), andererseits, weil Sunrise damit auf einen Schlag zu einer vollwertigen Swisscom light mit Fest- und Mobilnetz gewachsen wäre. Beides Entwicklungen, die einem Manager-Ego extrem schmeicheln. Last but not least hätte sich das Sunrise-Management ein perfektes Spielfeld für einen intensivierten Konkurrenzkampf mit Swisscom schaffen können.
 
Noch kurz zu meiner zweiten Frage. Was bedeutet der geplatzte Deal für die Kunden beider Firmen? Realistisch gesehen wohl wenig. UPC-Kunden werden weiterhin als "Mittel zum Zwecke der Steigerung des Unternehmenswertes" benutzt, und die von Sunrise vermutlich auch. Wenn auch mit deutlich tieferen Preisen. Eine strategisch vollwertige Konkurrentin des Staatsbetriebs Swisscom entsteht leider nicht, was zweifelsohne einer der offensichtlichsten Vorteile der Übernahme von UPC durch Sunrise gewesen wäre. Das Swisscom-Management wird daher mit der aktuellen Entwicklung mehr als zufrieden sein.
 
So ganz tot ist der Deal allerdings doch noch nicht. Der Aktienkaufvertrag sei weiterhin bis Ende Februar 2020 gültig, heisst es in der Pressemitteilung zur Absage der ausserordentlichen Sunrise-GV vom 23. Oktober. Die UPC-Eigentümerin Liberty Global will sich offensichtlich besser gestern als morgen von ihrer Tochter trennen und – wer weiss – möglicherweise findet das Sunrise-Management doch noch eine Einigung mit ihrem renitenten Grossaktionär Freenet. Dann bekäme es ihr Spielzeug trotzdem und müsste ihre "gut funktionierende" Standalone-Strategie nicht entstauben. Oder gar noch neu entwickeln? (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (57) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit 2012 kreiert er als Mentor für ICT-Unternehmer zukunftssichere Unternehmen. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.