Channel-Business: Schlachtfelder und Goldgruben

Steve Brazier am Canalys Channels Forum. Foto: Christoph Hugenschmidt.
Viel Optimismus im europäischen Channel. Themen: Die Schlacht um die Schnittstellen zu den Public Clouds, AWS Outposts und viele, viele Wachstumschancen.
 
Die Aussichten für den europäischen ICT-Channel sind glänzend. Er hat im vergangenen Jahr alle politischen Unsicherheiten unbeschadet überstanden und wird dies auch weiterhin tun. Dies sagt einer, der es wissen muss: Steve Brazier, Gründer von Canalys und Gastgeber des Channels Forums, das diese Woche in Barcelona über die Bühne ging. Brazier gilt als einer der besten Kenner der IT-Industrie und insbesondere deren Vertriebsmodelle überhaupt.
 
Der charismatische Speaker begründete den Optimismus in seiner Keynote mit zwei Zahlen. So ist der Umsatz der Top-10 IT-Service-Provider, zu denen beispielsweise Bechtle gehört, letztes Jahr im EMEA-Raum um dreizehn Prozent gewachsen. Der deutsche IT-Gigant hat übrigens zum ersten Mal überhaupt das britische Unternehmen Computacenter überholt und ist nun die Nummer 1 Europas in diesem Sektor. Die andere Zahl: Die Zahl der mit dem Internet verbundenen Geräte wird von 16,7 Milliarden im Jahr 2018 auf über dreissig Milliarden im Jahr 2023 steigen. Brazier: "Deshalb werden wir (der Channel) überleben. Weil wir diese Geräte verkaufen, installieren, warten, für ihre Sicherheit sorgen und recyclen werden. Die Zukunft des Channels ist stark und wird noch heller werden," so Brazier.
 
Schlachtfelder
Weniger optimistisch ist der Brite bezüglich der Hersteller. Er identifizierte mehrere Auseinandersetzungen, die die IT-Industrie 2020 prägen werde. "Battle of the year" nennt er die Auseinandersetzung um die Vorherrschaft im Markt der Interfaces zwischen Rechenzentren und Public Clouds. Die Auseinandersetzung spielt sich zwischen VMware, Red Hat und Nutanix ab. Brazier: "Die Firma, die kontrolliert, wo Daten sind und wie Applikationen zwischen Clouds migriert werden, wird am wertvollsten sein."
 
Eine weitere Auseinandersetzung spielt sich zwischen VMware und Cisco ab. Man werde Pat Gelsinger und Chuck Robbins 2020 kein einziges Mal auf der gleichen Bühne antreffen, witzelte Brazier. VMware Europachef Jean-Pierre Bruland bestätigte auf der Bühne Braziers Einschätzung eher unfreiwillig: Er sprach zwar von Partnerschaft mit Cisco und einer normalen Coopetition, sagte aber auch, dass VMware dieses Jahr einerseits einen Spezialisten für Load Balancing übernommen hat und andererseits "eines Tages vielleicht" auch Router und Switches "software defined" anbieten könnte. Damit stünde der Software-Anbieter, der zum Dell-Konzern gehört, mit grossen Füssen in Ciscos Garten.
 
Und dann ist da natürlich der Handelskrieg zwischen den USA und China. Die chinesische IT-Industrie werde ohne US-Technologie auskommen müssen und sei deshalb gezwungen, in bestimmten Themen die Führung zu übernehmen. Brazier nennt KI, Smart Cities, Gesichtserkennung, 5G, Exascale Computing und bargeldlosen Zahlungsverkehr als Beispiele.
 
Goldgruben
Doch eben: Für den Channel gibt es gemäss Brazier, der heute vor rund 1000 Top-Leuten der europäischen IT-Branche sprach, Geschäftschancen zuhauf. Die meisten davon sind bekannt, einige Ideen aber neu.
 
Brazier betone wiederholt (und nicht zum ersten Mal), das Wachstumspotential von IT-Security. Security-Dienstleistungen werden heute meistens von Spezialisten erbracht, stellt (nicht nur) Brazier fest. Übernahmen seien absehbar und es sei auf jeden Fall eine gute Idee, Hacker anzustellen. Ausserdem wachsen Gebäudesicherheit und IT-Security zusammen. Brazier: "Übernehmen sie jetzt Firmen, die Türschloss-Systeme installieren."
 
Systeme für Gesichtserkennung seien in China bereits Alltag, während die europäische Datenschutz-Regulierung in Europa für Business sorgte und noch mehr sorgen werde. Natürlich durfte auch Künstliche Intelligenz in der Liste der Wachstumsfelder nicht fehlen. Originell, aber für die Schweizer wegen Swico vielleicht nicht relevant, war Braziers Hinweis, dass Recycling ein wachsendes Businessfeld darstellen werde.
 
AWS Outposts ante portas
Sehr viel erwartet Brazier vom Launch von "AWS Outposts". Die Cloud-Tochter von Amazon könnte sich mit den "Vor-Ort-Clouds" unter die Top Vier der klassischen Server-Hersteller mischen, glaubt Canalys.
 
Auch für AWS wird es nicht ohne Channel gehen, der Einstieg des Cloud-Giganten ins On-Premise-Geschäft wird also mehr Chance als Gefahr. Hingegen erklärt diese Einschätzung auch, warum Brazier die Zukunft der Hersteller weniger rosig sieht, als diejenige des Channels. (Christoph Hugenschmidt, Barcelona)