AWS nimmt die Schweiz ins Visier

Yvonne Bettkober, die neue Chefin von AWS Schweiz, eröffnete den ersten AWS Summit Switzerland.
10'000 Kunden will der Hyperscaler hierzulande haben. Wir haben mit AWS und Partnern über den Schweizer Markt gesprochen.
 
Es war ein eher ungewohnt junges Publikum, dass sich an der ersten Schweizer Grossveranstaltung von AWS in Baden versammelt hatte. Man habe zum ersten AWS Summit Switzerland rund 1500 Kunden und Partner begrüssen können, liess der Cloud-Marktführer wissen. Ohne diese Zahlen im Hinterkopf schien es, als hätten viele Firmen Entwickler geschickt, die den Nutzen des Cloud-Angebots ausloten sollten. Zudem waren gut 25 Partner präsent, die von der Software-Entwicklung bis zur Infrastruktur zeigten, was sie mit der AWS-Plattform zu leisten im Stande sind.
 
Von ihnen war allerdings auch zu erfahren, dass AWS keineswegs ihr einziger Cloud-Partner ist. Bei der Schweizer Software-Schmiede Elca erklärte Cloud-Spezialist Séverin Voisin im Gespräch mit inside-channels.ch zwar, dass man selbst eine Ticketing-Lösung auf AWS laufen habe. Allerdings setze Elca auch auf Konkurrenz-Angebote insbesondere auf Azure von Microsoft. Doch der Chef des Saas-Angebots und -Betriebs bei Elca betonte, dass ihn der Bottom-up-Ansatz von AWS überzeuge. Konkrete Kunden, die Elca über die AWS-Cloud adressiert, nannte er zwar nicht, strich aber heraus, dass man die Lösung schätze, weil sie erlaube, schnell und einfach Apps aufzugleisen.
 
Auch Netcloud-Mann Lukas Egger stellte klar, dass man strategischer Partner sowohl von AWS als auch von Azure sei. AWS zeichne sich jedenfalls durch sein grosses Portfolio aus und überzeuge mit seiner Innovationsstärke, so der Chef des Cloud Engineering und Mitglied der Geschäftsleitung bei dem Infrastrukturspezialisten. Für ihn sei klar, dass man bei einer Cloud-Evaluation an AWS nicht mehr vorbeikomme, nicht zuletzt wegen der vielen verfügbaren Best-Pratices und der breiten Community, die an der Entwicklung der Services beteiligt sei, so Egger.
 
Damit unterstrich auch er den Bottom-up-Ansatz und hob die Bedeutung des Kontakts zu AWS hervor. Da Netcloud schon lange mit internationalen Herstellern zusammenarbeite, sei die im Cloud-Business angetroffene Situation nicht ungewöhnlich. Man müsse mit den Herstellern reden und erklären, warum welcher Service bei einem Kunden zum Zuge komme. Laut Egger wird dabei der RZ-Standort für einen Cloud-Service von Kunden ganz unterschiedlich gewichtet. Würde der Standort betont, ginge es oft um ein spezielles Geschäftsfeld mit besonders schützenswerten Daten. Manchmal werde mit dem Standortthema aber auch Politik und Marketing betrieben, und der Interpretationsspielraum der Regulatorien ausgenutzt, um eine eigene Meinung und Präferenz zu favorisieren.
 
Auf die Frage, warum gerade junge Besucher den ersten hiesigen AWS Summit bevölkern, verwies Egger darauf, wie sehr AWS-Cloud-Services auf die junge Genration fokussiere. Statt Konzipieren und dann Bauen, stehe bei ihnen die einfache Nutzbarkeit und Weiterentwicklung im Vordergrund.
 
Fast die ganze Roadmap bestimmen die Kunden
Ähnlich stellt übrigens AWS selbst die Situation dar. Die soeben erst als General Manager Switzerland inthronisierte Yvonne Bettkober durfte zwar die Gäste begrüssen, stand den Medien aber noch nicht Rede und Antwort. Das übernahm Michael Hanisch, Head of Technology bei AWS EMEA. Für international agierende Konzerne nicht ungewöhnlich, waren ihm allerdings keine konkreten Zahlen zu Umsatz und Mitarbeiterzahlen in der Schweiz zu entlocken. Immerhin erwähnte er, dass man hierzulande bereits über gut 10'000 Kunden verfüge und global derzeit um jährlich 37 Prozent beim Umsatz wachse. Zudem bestätigte Hanisch wie die Partner die Bedeutung der Best Practices und den Entwicklerfokus.
 
Zudem betonte er, dass man bereits in 117 der derzeit gut 165 Services eine Verschlüsselung integriert habe und 54 Services den Unternehmen die Möglichkeiten bieten würden, ihre eigene Verschlüsselung zu nutzen. Wobei Hanisch aber nicht nur die Priorität in Sachen Sicherheit betonte, sondern auf die grosse Bandbreite an Workloads hinwies, die sich vom klassischen Computepower auch für Lastspitzen und Storage über Key-, Lizenzen- oder Containerworkload-Absicherung und Managementservices zur Ver- und Entschlüsselung erstrecken würden.
 
Wobei die AWS-Plattform zum Beispiel auch Features liefere, mit denen, wären sie genutzt worden, die falsch konfigurierte Firewall beim Angriff auf die US-Bank Capital One sehr schnell entdeckt worden wäre, wie Hanisch exemplifiziert. Hier liefere man höhere Sicherheit als normale RZ, könne also beispielsweise nicht nur schnell die Angriffe identifizieren, sondern auch nachvollziehbar darstellen, welche Prozesse und Daten betroffen seien.
 
Mehrmals strich Hanisch zudem die Kundenbedürfnisse hervor. "90 Prozent unserer Roadmap sind direkt von Kunden beeinflusst". Dazu habe man das Ohr eng am Kunden respektive an seinem Partner, fügte er an. Hier käme AWS zugute, dass man rund sechs Jahre Erfahrungsvorsprung vor den anderen Hyperscalern habe.
 
Natürlich weiss er, dass viele Kunden und Partner auch Konkurrenz-Angebote nutzen. Je mehr Cloud-Anbieter man nutze, desto komplexer werde aber die Integration und Verwaltung, so der AWS-Mann.
 
Hohe Sicherheit statt speziellem RZ-Standort
Nicht äussern wollte er sich hingegen zum Bau eines RZ in der Schweiz. Man orientiere sich auch hierzulande an neuesten Regularien oder Cloud-Leitfäden, die eben nicht den Datenstandort, sondern die Absicherung und Kontrolle der Daten in den Vordergrund stellen würden. Man könne nachweisen, dass man als amerikanisches Unternehmen keinen Zugriff auf Kundendaten habe, sie nachvollziehbar verschlüssle und als vielfach zertifiziertes Unternehmen regelmässig überprüft werde. Kurz gesagt, so Hanisch, aktuell stehe kein Aufbau eines RZ-Standorts Schweiz an. Oft könne man durch die Diskussion der hier vermeintlich schlummernden Probleme solche Vorbehalte ausräumen. Aber, so Hanisch weiter, "wir hören auf das, was unsere Kunden in der Schweiz wollen."
 
"Denn der hiesige Markt ist wichtig für uns", fügt er an. Man wachse hier stark und investiere weiter, um die Betreuung der Kunden zu intensivieren. Neue Leute seien gesucht. Dazu gehöre auch, dass die Partnerlandschaft ausgebaut werde. Schon ein kurzer Blick auf die Job-Angebote in der Schweiz zeigt, dass allein bei AWS gut 20 Stellen offen sind. Gefragt sind Spezialisten für das Account Management in der Finance- und Health-Branche genauso wie etwa Big-Data- und Solutions-Architects. (Volker Richert)