Prantl behauptet: Die Shareholder-Value-Ära geht ihrem Ende entgegen

Die Chefs von Konzernen wie Amazon und Apple kritisieren das Shareholder-Value-Denken. Kolumnist Urs Prantl sieht Alternativen gerade für KMU.
 
Komplett verblüfft las ich Ende August: "Apple und Amazon wollen sich vom Shareholder-Mantra verabschieden". Im entsprechenden Beitrag des 'Handelsblatt' kann man nachlesen, dass sich gut 180 Unternehmenschefs der USA (davon auch einige aus der IT) im Verband der Unternehmenslenker "Business Round Table" in einer gemeinsamen Proklamation von der Shareholder-Value-Doktrin verabschieden und ihre Prioritäten neu ordnen wollen. Die Erklärung beginnt mit den Worten: "Die Amerikaner haben eine Wirtschaft verdient, die es jeder Person erlaubt, mit harter Arbeit und Kreativität erfolgreich zu sein und ein bedeutungs- und würdevolles Leben zu führen." Weiter wird ausgeführt, dass die unterzeichnenden Wirtschaftsführer allen ihren Stakeholdern – also Kunden, Mitarbeitern, Zulieferern, Gemeinden und Aktionären – verpflichtet seien, und sich somit auch gleichermassen um alle zu kümmern hätten. Wenige Tage später titelte der 'Tages Anzeiger (und andere Medien) zum gleichen Ereignis "Schluss mit Shareholder-Value – das wahre Motiv der US-Bosse".
 
Der "Tagi" legte den Schwerpunkt seines kritischen Berichts auf das Motiv, welches hinter dieser "Revolution" stehen könnte. So kam der Autor und Chefökonom Markus Diem Meier zum Schluss, dass wohl nichts anderes als nackte Angst vor der Rache der Kapitalismusverlierer der Treiber der Proklamation gewesen sein kann. Über 6000 Leser kamen bei der im Artikel integrierten Umfrage "Schluss mit Fokus auf Shareholder Value: Glauben Sie den US-Konzernchefs?" – oh Wunder – zum gleichen Ergebnis.
 
Als geistiger Vater des Shareholder-Value gilt der Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman. In seinem Buch "Kapitalismus und Freiheit" von 1962 kam er sinngemäss zum einprägsamen Ergebnis: "The Business of Business is Business". Daraus wurde ab den 80er Jahren (allerdings nicht von ihm selbst) abgeleitet, dass der alleinige Zweck eines Unternehmens darin besteht, Wert für seine Eigentümer – die Aktionäre – zu schaffen.
 
So weit, so gut. Doch, wieso sollte uns das Shareholder-Value-Konzept (bzw. dessen nahendes Ende) überhaupt interessieren und warum schreibe ich dazu eine Kolumne? In meiner langjährigen Beratungspraxis bei KMU sind mir bisher nur selten Hardcore-Anhänger des Shareholder-Value begegnet.
 
Insbesondere technisch und naturwissenschaftlich ausgebildeten Unternehmerinnen und Unternehmern – und davon gibt es in der IT viele – ist meistens schon intuitiv klar, dass nicht eindimensional gedacht werden darf und, dass ohne Kunden und ohne gute Mitarbeiter kein Blumentopf zu gewinnen ist. Und damit in der Folge auch kein nachhaltiger Wert für Aktionäre geschaffen werden kann.
 
Trotzdem ist der Shareholder-Value-Approach in der Wirtschaft tief verankert. Nicht immer klar erkennbar und offensichtlich, aber dennoch absolut bestimmend. Und zwar für Unternehmen aller Grössen und Couleur.
 
Eine zentrale Prägung, der sich kaum ein Unternehmer entziehen kann, findet bereits über die betriebswirtschaftlichen Ausbildungen statt. Egal, ob beim KV, beim FH- oder Uni-Studium, bei den privaten BWL-Ausbildungen oder beim MBA, nach wie vor wird indoktriniert, dass ein Unternehmen primär dann erfolgreich wird, wenn es seine Zahlen im Griff hat. Ergo müsse sich auch das Management des Unternehmens in erster Priorität auf die Zahlen und daraus folgend auf die Steigerung des Shareholder Value konzentrieren, der Rest ist zweitrangig. Die Aktienmärkte haben mit ihrer kurzfristigen Betrachtung auf die Quartalsergebnisse noch einen draufgesetzt.
 
Begleitend dazu hat sich die Shareholder-Value-Doktrin in den vergangenen Jahrzehnten zu einem quasi Naturgesetz entwickelt. Sie wird im Mainstream nicht in Frage gestellt, sondern als gottgegeben hingenommen. Dem stetigen Wachstum und einer (theoretisch) unendlichen Steigerung des Unternehmenswerts wird alles andere untergeordnet. Das gilt ganz ausgeprägt an den Aktienmärkten, das gilt aber indirekt ebenso in der Politik, wenn es um die Sicherung von Arbeitsplätzen geht. Ganz besonders gilt es aber für die Wachstumsziele vieler Unternehmen, welche unter Hinweis auf den Shareholder-Value so hochgesteckt werden, dass daraus Oligopole wachsen, welche den Kleinen die Luft abschnüren. Von liberal gewolltem Wettbewerb kann dann kaum noch gesprochen werden.
 
Doch zurück zur Proklamation der US-Wirtschaftsführer. Die Manager haben also erkannt, dass die alleinige Verfolgung des Shareholder Value falsch ist, bzw. zu Kollateralschäden wie einem, im Umkehrschluss "unbedeutenden und unwürdigem Leben" führen kann. Dies müsse nun korrigiert werden, indem auch alle anderen Anspruchsgruppen rund um das Unternehmen im gleichen Masse mitberücksichtigt werden. Die Lösung liegt also darin, dass das Management seine Aufmerksamkeit nicht mehr nur den Eigentümern zuteilwerden lässt, sondern sie gleichmässig über alle Stakeholder verteilen muss.
 
Zu den Stakeholdern zählt die Proklamation die Kunden, die Mitarbeiter, die Lieferanten und Partner, die Kommunen, aber auch die Umwelt und das soziale Umfeld der Unternehmen.
 
Mit Verlaub – dies wird auf lange Sicht genauso wenig funktionieren, wie der alleinige Fokus auf die Eigentümer des Unternehmens. Wenn auch aus anderen Gründen. Spätestens seit Eisenhower und seinem nach ihm benannten Prinzip wissen wir, dass, wer Wirkung erzielen will, Prioritäten setzen muss. Alle Stakeholder mit dem gleichen Mass an Aufmerksamkeit zu bedenken wird mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit zur Verzettlung und damit in die totale Wirkungslosigkeit führen. Damit sind dann wahrscheinlich die Unternehmen einer noch grösseren Gefahr ausgesetzt, als wenn sie kompromisslos auf Shareholder Value getrimmt werden.
 
Oder, einfach auf den Punkt gebracht: Es braucht rein aus Gründen der Effektivität eine klare Priorisierung einer Anspruchsgruppe. Daran führt kein Weg vorbei. Es sollten einfach nicht die Aktionäre sein. In diesem Punkt gehe ich mit den US-Managern einig. Eigentlich kommen dafür nur zwei Gruppen in Frage.
 
Erstens die Kunden: Es ist sicher keine schlechte Idee, die Kunden an die erste Stelle zu setzen. Wer der Überzeugung ist, dass sein Unternehmen keinem Selbstzweck dient, gelangt rasch zum Schluss, dass seine Existenzberechtigung direkt mit der Erbringung eines Kundennutzens verknüpft sein muss. So ist es in aller Regel auch der Kunde, der Rechnungen bezahlt und damit sicherstellt, dass das Unternehmen seinerseits Löhne und Rechnungen bezahlen kann.
 
Zweitens die Mitarbeitenden: Ganz besonders in Dienstleistungsunternehmen, wo die Qualität der Kundenleistung eins-zu-eins von der Professionalität und Motivation der Mitarbeiter abhängt, funktioniert auch diese Priorisierung. Hat man nämlich überwiegend demotivierte und überforderte Mitarbeiter, so wird man auch kaum je wirklich zufriedene Kunden haben können. Und somit – als logische Folge davon – auch keine (passablen) Gewinne und am Ende des Tages auch keinen Shareholder Value.
 
Ist nun die Erklärung der US Konzernchefs tatsächlich der Beginn der Abschaffung des reinen Shareholder-Value-Denkens? Ich sehe das mehr als kritisch. Ich kann mir schlicht und einfach nicht vorstellen, dass eine über Jahrzehnte entwickelte, weltweit nahezu kritiklos rezipierte und fest ins ganze Wirtschafts-Ausbildungssystem verankerte "Ideologie" durch eine einfache Absichtserklärung nur schon ins Wanken gebracht werden kann. Nun, wie dem auch sei. Wir können uns als Unternehmer und Führungskräfte ungeachtet dessen jederzeit für eine der oben vorgeschlagenen Prioritätenreihenfolgen entscheiden. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (56) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Seit 2012 begleitet er inhabergeführte ICT-KMU auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.