Das neue RZ: klein, unterirdisch, dezentral

Eröffnung des RZs im Versuchsstollen Hagerbach. Bild: SCAUT
Ein Schweizer "Edge-RZ" soll neue Perspektiven und Geschäfte erschliessen, hoffen der Industriekonzern Dätwyler und das Bauunternehmen Amberg.
 
Dätwyler Cabling Solutions und Amberg Engineering haben im Ostschweizer Versuchsstollen Hagerbach ein "Edge-Rechenzentrum" eröffnet. Die beiden Partner, die das Projekt zusammen mit dem Swiss Center of Applied Underground Technologies (SCAUT) durchgeführt haben, versprechen sich vom Ansatz kleiner verteilter RZ unter Tage Enormes, wie aus einer Mitteilung hervorgeht.
 
2017 seien rund zehn Prozent aller Daten ausserhalb zentralisierter Rechenzentren produziert und verarbeitet worden. Bis 2022 soll dies gar für 50 Prozent der Daten gelten, werden die Marktforscher von Gartner zitiert. Von diesem Kuchen wollen sich Dätwyler und Amberg mit dem Ansatz des unterirdischen "Edge-RZ" ein gutes Stück abschneiden.
 
"Wir erwarten, dass es in Zukunft eine grosse Nachfrage nach kleinen dezentralen Rechenzentren geben wird", erklärt Dieter Rieken, Kommunikationsleiter von Dätwyler Cabling Solutions, auf unsere Anfrage.
 
Vor allem für datenintensive Bereiche sollen Teile der Daten-Verarbeitung an den Rand – eben die Edge – der Netzwerke verlagert werden. Das bringt vor allem Vorteile in Sachen Latenz, aber kann etwa auch Kosten, Stromverbrauch und Security zu optimieren helfen.
 
Die konkrete Umsetzung und Ausgestaltung des Edge-Ansatzes ist derweil nicht klar definiert und variiert von Firma zu Firma. Das hat mancherorts auch zur Folge, dass die Grenze vom sachlichen Wortgebrauch zum Marketing oftmals überschritten wird.
 
Wieso heisst das Projekt "Edge Computing – Underground"?
Edge-Rechenzentrum nennt man das neue Projekt bei Dätwyler und Amberg, weil das "Mini-RZ" in der Nähe eines Netzwerks platziert werden könnte. Besonders im Bereich Smart Citys erwarten die Firmen grosses Potential.
 
Die Städte und die urbanen Räume der Zukunft verfügten über ein begrenztes Platzangebot an der Oberfläche, so SCAUT in der Mitteilung. Um dieses Problem zu überwinden, habe man das Konzept "Edge Computing – Underground" entwickelt, dessen erste Frucht das neue RZ im Versuchsstollen ist.
 
Micro- beziehungsweise Edge-RZ hat Dätwyler Cabling Solutions bereits seit rund zwei Jahren im Portfolio, wie Rieken erklärt. Das Neue am Projekt ist eigentlich "nur", das man nun in den Untergrund gegangen ist, räumt Rieken ein.
 
Dies biete neben dem Platz unter den Städten nahe der Netzwerke auch einen besonderen Schutz und ein konstantes Klima. Hier könne die Rechenlast in der Nähe der Datenquellen bewältigt werden.
 
Das neue RZ liegt aber in Flums, also nicht gerade in der Nähe einer grösseren Stadt. Es soll vor allem als Demostrations-Objekt dienen, wie Antonia Cornaro, Business Development Manager beim Bauunternehmen Amberg, auf unsere Anfrage festhält. Es dient zudem zu Testzwecken, um künftig Rechenzentren in brachliegenden Tunnels, Kellern und unterirdischen Hohlräumen in den Städten nutzen zu können.
 
Die Nachfrage sei gross: Eröffnet wurde das Projekt mit rund 50 Besuchern. Man habe es aber bereits im Vorfeld verschiedenen potenziellen Kunden vorstellen können. Sogar eine Delegation aus China sei für das Projekt angereist, erklärt Cornaro.
 
Ein Mini-RZ mit sechs Racks à fünf MW
In Kürze soll das RZ, das derzeit noch ein reiner Showcase ist, produktiv gehen, hält Cornaro fest. Vorerst sind die Kunden jene Firmen, die im Versuchsstollen forschen und ausbilden. Zu den Shareholders und Partnern gehören namhafte Bau- und Industrieunternehmen. Hier wurden etwa auch Materialien getestet, die für den Bau des Gotthard-Basistunnels eingesetzt wurden.
 
Amberg war für den Tiefbau zuständig. Dätwyler Cabling Solutions hat für die Ausrüstung des Test-RZ verantwortlich gezeichnet. Zum Portfolio des Kabel- und Wireless-Spezialisten zählen Lösungen für Kühlung, Stromversorgung, Brandschutz, Monitoring, Überwachung, Verkabelung, Racks, Innenausbau sowie Services für Aufbau und Betrieb.
 
Die sogenannten "Mini-RZ" umfassen nur eines oder einige Racks. Dätwyler verspricht ein Tier-Level, das jenem eines zentralen Tier-III-RZs ebenbürtig sei. Jenes in Flums zähle sechs Racks à fünf Megawatt, sagt Cornaro. Das sei für die aktuellen Zwecke ideal, könne aber jederzeit modular ausgebaut werden.
 
SCAUT: Grossfirmen gemeinsam für Untergrund-RZ
Der Förderverein Swiss Center of Applied Underground Technologies (SCAUT) erfüllt die Funktion einer "neutralen" Plattform, die Partner zusammenbringen soll. SCAUT hat seinen Sitz in Sargans, in direkter Nachbarschaft zum Flumser Versuchsstollen. Gegründet wurde der Verein am Tage der Gotthard-Basistunnel-Eröffnung. Der Zweck: Industrielle Lösungen im Untergrund sollen vorangetrieben werden, so eben auch unterirdische Rechenzentren.
 
Mittlerweile zählt der Verein einige gewichtige Mitglieder wie Implenia, Microsoft Schweiz, Sika und verschiedene Spezialisten für Tiefbau und RZ-Planung und -Realisierung. Es hätten aber auch schon weitere grosse Unternehmen Interesse bekundet, so etwa Siemens, wie Cornaro erklärt. (Thomas Schwendener)