"Die Orientierung im SAP-Portfolio ist extrem schwierig"

Jean-Claude Flury ist CIO von V-Zug und DSAG-Vorstandsmitglied.
SAP-Applikationen leiden unter mangelnder Integration und der Funktions­umfang der einzelnen Komponenten ist zu wenig transparent. Diese Kritik äussert DSAG-Vorstand Jean-Claude Flury im Interview mit inside-it.ch.
 
Digitalisierung steht im Fokus des Jahres­kongresses der SAP-Anwender­gruppe (DSAG). Wie gehen die Schweizer Unternehmen dieses Thema an?
Jean-Claude Flury: Man muss zuerst einmal unterscheiden zwischen Digitalisierung zur Steigerung der Effizienz von Geschäftsprozessen und disruptiver Digitalisierung mit völlig neuen Geschäftsmodellen. Projekte zur Effizienzsteigerung laufen in vielen Unternehmen. Das ist aber nicht wirklich neu, denn damit beschäftigt sich die IT seit Jahrzehnten.
 
Interessanter finde ich den Vorstoss in neue Geschäftsmodelle. Hier sind Schweizer Unternehmen recht breit unterwegs und fangen an umzudenken, wie sie ihre Kunden bedienen und welche interaktiven Services sie anbieten, die bisher gar nicht möglich waren. Bald wird niemand mehr Geräte verkaufen können, die nicht über das Internet kommunizieren und sich über eine App steuern lassen.
 
Wo liegen die grössten Probleme und welche Lösungen sind dafür möglich?
Flury: SAP-Anwender haben gerade ein grosses Problem damit, dass die Integration zwischen dem Kernsystem und innovativen Anwendungen zum Beispiel aus SAP Leonardo faktisch nicht gegeben ist. SAPs COO Christian Klein hat in seiner Keynote die Integrationsprobleme damit begründet, dass die von SAP zugekauften Anwendungen wie SAP SuccessFactors mit anderen Datenmodellen arbeiten als S/4HANA. Ähnlich sieht es bei C/4HANA aus, das auch noch nicht völlig mit dem Core integriert ist. SAP arbeitet jedoch bereits daran, die Datenmodelle zu harmonisieren.
 
Welche Hürden treten jenseits der Integrationsproblematik auf?
Flury: Die Orientierung im SAP-Portfolio ist für viele Unternehmen extrem schwierig. Vielfach ist es unklar, welche Funktion sich in welcher Applikation findet. Man kann diese Vielfalt mit dem Produktsortiment eines Baumarkts vergleichen. Dort gibt es hunderte verschiedener Werkzeuge, und die Kunden brauchen eine Beratung, was für welchen Anwendungsfall passt. Unternehmen möchten End-to-End-Prozesse bauen, und sie müssen sich aktuell selbst die Frage beantworten, welche SAP-Komponenten dafür am besten passen.
 
Steigt bei einem so hohen Informationsbedarf der Stellenwert der DSAG?
Flury: Ja. Die DSAG ist zwar kein Beratungsunternehmen, aber sie bündelt die Forderungen der Anwender gegenüber SAP. Wir verlangen beispielsweise, dass die Walldorfer ihre Lösungen konsolidieren und in ein einheitliches Datenmodell bringen. Es darf auch keine lizenzseitigen Hürden geben, welche Transaktionskosten so stark verteuern, dass sich der Prozess nicht mehr rechnet. So etwas kann einen Business Case gefährden und verhindert die Digitalisierung. Hier auf dem Kongress informieren sich Anwender in Breakout-Sessions und an Partnerständen und tauschen ihre Erfahrungen aus.
 
In der IT-Architektur empfiehlt SAP für die Digitalisierung ein Zwei-Schichten-Modell: das ERP-Kernsystem läuft inhouse, innovative Applikationen in der Leonardo-Cloud. Wie muss sich ein Unternehmen aufstellen, um das nutzen zu können?
Flury: Nötig ist zunächst mal ein Umdenken. Viele Unternehmen sind noch nicht geistig dort angekommen, was das bedeutet, hybride Landschaften zu bedienen. Der stabile SAP-Kern wird wohl noch lange inhouse bleiben, weil es für alteingesessene Anwender keinen Grund gibt, diesen in eine Cloud zu migrieren, wo die Prozesse wieder angepasst und standardisiert werden müssen. Allerdings ist Leonardo bislang mehr eine Philosophie als ein Produkt. Prinzipiell kann man mit diesen Komponenten und einer Backend-Integration neue Prozesse und Services aufbauen. Aber dafür müssen die IT-Architekten zuerst mal wissen, welche Funktionalität welcher Komponente innewohnt.
 
Ist hier die Orientierung in Leonardo schwieriger als bei den On-Premise-Produkten?
Flury: Auf jeden Fall. Inhouse-Systeme wie beispielsweise SAP S/4HANA decken die grundsätzlichen logistischen Bedürfnisse für das Steuern der Hauptprozesse ab. Das macht die IT seit Jahren, und hier kennt sie sich aus. Anders ist es bei disruptiven Themen. Hier sind Cloud-Anwendungen besonders nützlich, denn sie erleichtern die Vernetzung mit Partnern und Kunden in einem Ökosystem. Allerdings müssen Unternehmen dafür neue Kompetenzen entwickeln. Zum Beispiel, wie sie End-to-End-Prozesse bauen, die durchgängig abgesichert sind.
 
Wie kommen Schweizer Unternehmen in der Praxis mit SAP Leonardo klar?
Flury: Schweizer Unternehmen sind typischerweise eher konservativ. Sie wollen sich erstmal an Praxisbeispielen ansehen, was Leonardo wirklich kann. Wenn sie überzeugt sind, dass ihnen eine Technologie Wettbewerbsvorteile bringt, dann investieren sie dort relativ rasch.
 
SAP versucht gerade die Unternehmen in die Cloud zu locken. Fühlen sich die Anwender in eine Richtung gedrängt, in die sie nicht wollen?
Flury: Gedrängt ja, denn es heisst ja stets Cloud first, Cloud hier und Cloud dort. Aber es wird nichts so heiss gegessen, wie es gekocht wird. SAP-COO Christian Klein hat in seiner Keynote bestätigt, dass SAP neben den Cloud-Anwendungen auch On-Premise-Lösungen weiterentwickelt.
 
Das Gefühl der Bedrängnis kommt bei den Unternehmen auch daher, dass das Bezahlmodell in der Cloud alles andere als interessant ist. Früher hat man Lizenzen gekauft und als abzuschreibendes Asset in die Bücher genommen. Bei einer Cloud-Applikation gehört dem Unternehmen gar nichts. Hören die Lizenzzahlungen auf, ist das Produkt von heute auf morgen weg. Hier muss sicher auf beiden Seiten noch ein Umdenken stattfinden. Für innovative Themen, die sich schnell drehen, passen Cloud-Apps sehr gut. Aber die Kern-Applikationen und Prozesse müssen stabil bleiben. Ich würde es eher als Nachteil empfinden, diese Systemkomponenten komplett in die Cloud migrieren zu müssen.
 
In der Cloud möchten die Unternehmen im Rahmen von Pay-as-you-go klein starten, und die Lizenzgebühren sollen nicht nur bei einer Mehrbenutzung anwachsen, sondern auch wieder schrumpfen, wenn die Nutzung geringer wird. Wie kommt die DSAG mit dieser Forderung voran?
Flury: Zufrieden sind wir noch nicht. Unternehmen können beispielsweise in verschiedenen Bereichen zwar Blöcke lizenzieren, aber diese sind teilweise viel zu gross. SAP muss hier mit besser skalierenden Lizenzmodellen nachlegen. Solche Modelle hat es allerdings auch in der On-Premise-Welt nur bedingt gegeben. Dort war und ist es auch extrem schwierig, eine Lizenz stillzulegen. Will man diese wieder nutzen, müssen die Lizenzen praktisch neu gekauft oder die Wartung nachgezahlt werden. Wir kommen also nicht aus einer heilen Welt ohne Fehl und Tadel.
 
Wie gehen Unternehmen vor, die mit ihren Daten generell nicht in die Cloud wollen oder dürfen?
Flury: Der Begriff Cloud ist sehr unscharf. Wenn ein Unternehmen die Daten im Rechenzentrum eines Outsourcers lagert, dann ist das Cloud-ähnlich. Weiterhin muss man zwischen Private und Public Cloud differenzieren. Am strengsten reguliert sind sicher die öffentliche Verwaltung, Banken oder die Life-Science-Industrie. Aber auch hier kenne ich kein Gesetz, das die Cloud generell verbietet.
 
Viel wichtiger als die Frage nach der Cloud ist neben der selbstverständlichen Sicherheit der Standort der Daten. Bestimmte Daten müssen in der Schweiz verbleiben. Geht nun ein Unternehmen in die Cloud eines globalen Anbieters, lässt sich das allerdings kaum sicherstellen. Einige Anbieter errichten zwar Rechenzentren in der Schweiz, aber man muss dann vereinbaren, dass die Daten nicht redundant in Dublin oder Amsterdam gespeichert werden. Ein weiterer Aspekt ist, dass die USA über den CLOUD Act (Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act) den Zugriff auf diese Daten erzwingen können. Somit sind die betroffenen Unternehmen unter Umständen nicht mehr compliant.
 
Wie sieht es ansonsten mit der Datensicherheit in der Cloud aus?
Flury: Wenn man den Anbieter sorgfältig auswählt und die entsprechenden Prinzipien für Cyber-Security beachtet, ist die Cloud nicht per se unsicherer als das Rechenzentrum eines mittelständischen Unternehmens. Einen grossen Cloud-Anbieter können Hacker vermutlich schwerer angreifen. Zusätzliche Sicherheit lässt sich über das Verschlüsseln der Daten erzielen. Der Gang in die Cloud ist also immer auch eine unternehmerische und nicht rein technische Entscheidung. Generell verspüre ich aber immer weniger Widerstände gegen Cloud-basierte Dienste. (Interview: Jürgen Frisch)
 
Zur Person:
Jean-Claude Flury ist seit September 2016 DSAG-Fachvorstand Marketing und Vertrieb. Seit März 2012 ist er Sprecher für den CIO-Kreis Schweiz und Mitglied des DSAG-CIO-Beirats. Hauptberuflich ist Flury seit 2018 beim Haushaltsgeräte-Hersteller V-ZUG als CIO tätig.
 
(Interessenbindung: Wir sind Medienpartner der DSAG.)