New Business: Wenn Game Designer auf die Industrie treffen

Das Zürcher Jungunternehmen Side Effects widmet sich der Visualisierung von 3D-Daten. Use Cases gebe es viele, sagt CEO René Krebs im Gespräch.
 
Schon wenige Jahre nach der Gründung hat sich Side Effects neu erfunden. Und in den vergangenen gut zwei Jahren wuchs das Startup von zwei auf acht Mitarbeitende an. "Unsere Kunden sind in der Maschinenindustrie zuhause", erklärte René Krebs, Mitgründer und CEO im Gespräch mit inside-channels.ch. Es handle sich um traditionelle Firmen, teilweise auch mit einer "digitalen Staubschicht versehen". Aber, so fügte er an, sie seien auch Technologie-affin und müssten sich aufgrund des starken Drucks in der Branche neu orientieren. Ein Maschinenhersteller müsse seinen Kunden gegenüber viel Überzeugungsarbeit leisten, warum sich eine Investition lohne. Marketing und Sales greifen hierfür unter anderem auf Visualisierungen und 3D-Animationen der Maschinen zurück.
 
Diese Visualisierungen zu erstellen, sei aber aufwändig und koste eine Firma Zeit und Geld. Habe man endlich eine gute Animation müsse man sie – beispielsweise für einen neuen Markt – wieder anpassen. Aus solch einer Situation eines Kunden sei dann vStage von Side Effects entstanden.
 
Mittlerweile sind drei Jahre Entwicklungsarbeit in die Lösung geflossen. "Was Kunden anbelangt haben wir in den letzten Jahren ein starkes Wachstum verzeichnet", sagte Krebs und nennt unter anderem Geberit, den Textilmaschinenbauer Rieter und Maag Gear aus Winterthur als Referenzkunden.
 
"Wir kommen aus dem Game Design und fragen zuerst, was macht dem User Spass zu bedienen?", erklärt der Firmengründer. Es soll eine Lösung entstehen, die einfach zu nutzen sei und nicht ein Produkt, auf das man die Mitarbeitenden lange schulen muss. Diese Usability zeichne vStage aus. Ein Ziel des Startups sei es gewesen, Applikationen bereitzustellen, mit denen Unternehmen ohne 3D- oder Animationserfahrung innert weniger Stunden eine Visualisierung erstellen können. Dies könne ein Sales-Mitarbeitender sein, der eine Präsentation vorbereite, oder ein Ingenieur, der mit dem Tool kurze Erklärvideos produziere.
 
Im Kern von vStage stecken 3D-Daten, etwa CAD- und Konstruktionsdaten einer Maschine, die direkt und automatisch in 3D-Darstellungen umgewandelt werden. Der User könne dann verschiedene Komponenten anzeigen oder ausblenden oder verschiedene Perspektiven – etwa eine Innenansicht – präsentieren. Das Ganze bleibe flexibel und wenn ein Kunde eine Frage zu einer anderen Komponente habe, könne der Anwender diese jederzeit aufrufen und vergrössern. Im Prinzip liesse sich jede einzelne Schraube anzeigen.
 
Auch das Ausgabegerät sei schliesslich irrelevant. Eine in vStage erstellte Präsentation oder Anleitung könne auf dem Smartphone, PC oder auch einer VR- oder AR-Brille angezeigt werden.
 
Mit 3D ins virtuelle Shopping Center
Die Daten liegen im Hintergrund auf dem Server. "Wie die Daten verwaltet und ausgeliefert werden, das ist unser Herzstück", so der CEO. Bei diesem Herzstück handelt es sich um vHub, eine Lösung, die firmen-intern oder in der Public Cloud betrieben werden könne. Die Regelwerke, die Algorithmen, die bestimmen was in welchem Detailgrad an wen ausgeliefert wird, sind die 3D-Services, die Side Effect anbietet. "Wir sind kein Tool, wir sind eine Software-Pipeline", hält Krebs fest. Ein Kunde gehe durch diese Pipeline und habe dann ein auf ihn zugeschnittenes Produkt aus einer Bibliothek von Modulen. Diese Modularität, fügt er an, mache das Tool für Kunden auch preislich interessant.
 
Die Maschinenindustrie bleibe für die Zürcher Firma sicher eine wichtige Branche, der Firmenchef kann sich aber eine Vielzahl von Business Cases vorstellen. Geberit habe eine komplette, virtuelle Stadt erstellt, um Produkte und Lösungen zu präsentieren. Auch im Immobilien- oder Consumer-Bereich seien Angebote denkbar. "Warum noch in einen Shop gehen", fragt Krebs, wenn ein ganzes Einkaufszentrum im Browser oder mit einer VR-Brille besucht werden könne. 3D-Daten werden immer verfügbarer und mit 5G sowie der rasanten Entwicklung von Endgeräten würden die Use Cases nur zunehmen, ist er überzeugt.
 
In welche Richtung es für sein Unternehmen konkret gehe, müsse sich nun zeigen. Eine Herausforderung sei es, die Stellen in seiner Firma richtig zu besetzen. Der Kampf um Fachkräfte sei hart und gerade in einem kleinen Unternehmen sei es essenziell, die Schlüsselpositionen richtig zu besetzten. Man bauche vor allem Allrounder. "Sie müssen grafisches Flair haben, stark in der Programmierung sein, die Game-Engine kennen, sich mit verschiedenen Output-Devices auskennen und ein starkes Know-how für Datenstrukturen haben", zählt der CEO auf. Die ETH würde zwar Spezialisten ausbilden, die in grossen Unternehmen gefragt seien, aber noch brauche man eben Allrounder. Für ihn gehe die Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK) mit der Game- und Interaction-Design-Vertiefung in die richtige Richtung.
 
Kritik am Standort Zürich
Konkurrenz um die gut ausgebildeten Fachkräfte gibt es in Zürich zu genüge – man denke nur an Google. Deswegen und beispielswiese auch wegen der höheren Miet- und Lohnkosten verliere der Standort Zürich an Attraktivität. Outsourcing oder Nearshoring seien trotzdem noch nicht wirklich ein Thema. Auch wenn es denkbar sei, gewisse Fleissarbeiten ins Ausland zu verlagern. Aber als ehemalige "Outsourcing-Opfer" wollen er und sein Geschäftspartner, Martin Tuor, die Arbeitskraft in der Schweiz leisten. Gleichzeitig erhalte Side Effects mit den Konstruktionsdaten "das Allerheiligste der Kunden" und müsse den Datenschutz gewährleisten. Und, so schliesst er, "Made in Switzerland" sei schliesslich auch ein Verkaufsargument. (Katharina Jochum)