Weltes Welt: You dreamer du

Die Schweizer Cloud? Nur ein Luftschloss, so Kolumnist Beat Welte. Und die Azure-Cloud der UBS ist eine Kapitulation.
 
Das Zitat ist legendär: "An diesem Bankgeheimnis werdet ihr euch noch die Zähne ausbeissen", verlautete der damalige Bundesrat Hans-Rudolf Merz am 19. März 2008 an die Adresse der EU. Bekanntlich kam dann alles ganz anders: Nur ein gutes Jahr später (!) musste die Grossbank UBS die Daten von 4450 Kunden in die USA schicken – das Bankgeheimnis war faktisch tot und ein jahrzehntelang gehegtes Luftschloss zerplatzte wie eine Seifenblase.
 
So quasi als Kompensation wird momentan eifrig eine neue Fiktion kultiviert: Nämlich diejenige vom sicheren Schweizer Cloud-Datenluftschloss. Nicht anders ist zu erklären, dass die Grossen der Branche helvetische Cloud-Datencenter lancieren – und auf viel Gegenliebe der sicherheitsbewussten Schweizer stossen. Google und Microsoft machen den Anfang, chinesische Anbieter werden folgen.

Um es klar zu sagen: Es gibt für In- und Ausländer sehr viele Gründe, die Daten in der Schweiz zu lagern. Politische und wirtschaftliche Stabilität, Neutralität, solide und ausreichende Netzkapazität, sichere Stromversorgung bis hin zu tektonischen Überlegungen sind anzuführen. Nur einer Illusion sollten sich die (Schweizer) Kunden nicht hingeben: Dass nämlich die Daten vor ausländischem – sprich: Trumpschem – Zugriff sicher sind.
 
Zwar meint die nationale Microsoft-Chefin Marianne Janik im Interview mit der 'NZZ am Sonntag' sportlich: "Unsere Kunden setzen sich im Rahmen ihrer Risikosysteme stark mit diesem Thema auseinander. Allesamt sind sie aber zum Schluss gekommen, dass das Risiko, dass die USA auf einer Datenherausgabe bestehen könnten, sehr gering ist." Indes dürfte der schön gedrechselte PR-Satz falsch sein: Die meisten Kunden haben sich wohl kaum damit auseinandergesetzt – sie geben sich der Illusion hin, dass die Daten in der Schweiz sicher sind – wie es auch der Titel des Interviews "Die Schweiz wird als sicherer Datenhafen angesehen" suggeriert. Oder sie haben kapituliert, wie die UBS, die Applikationen in die Schweizer Azure-Cloud von Microsoft veschieben will: Warum wohl, wird sich die Grossbank fragen, sollten wir uns vor dem US-Zugriff schützen – wenn die doch schon alles von uns gekriegt haben?
 
Die Illusion der "sicheren" Daten in einer Schweizer Cloud wird von Clara-Ann Gordon, Partnerin in der renommierten Schweizer Anwaltskanzlei Niederer Kraft Frey, nach Strich und Faden zerpflückt. Die USA haben letztes Jahr die Cloud Act (Clarifying Lawful Overseas Use of Data Act) in Kraft gesetzt. Vereinfacht gesagt verbirgt sich dahinter ein globaler Freipass für US-Behörden: Das Gesetz erlaubt es den USA, Cloud-Daten anzufordern, und dies völlig unabhängig vom Standort der Server. Als Vorwand dafür genügt ein auch nur vager Bezug zu den USA, etwa eine Web-Site auf Englisch, wie Gordon im Interview mit 'Radio SRF' betont. Noch deutlicher ist der US-Bezug und noch massiver sind die Druckmittel, wenn es sich beim Cloud-Anbieter um US-Unternehmen wie Microsoft oder Google handelt.
 
Ob ausgerechnet die Schweiz dem Druck der übermächtigen USA (oder nur schon dem viel weniger mächtigen Frankreich) standhalten würde, wenn es denn hart auf hart käme? Frei mit Martullo Blocher lässt sich dies kurz und knackig mit drei Worten beantworten: You dreamer du! (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche. Für 'inside-it.ch' und 'inside-channels.ch' kommentiert er monatlich Marktveränderungen, bedeutsame Trends und Ankündigungen.