Huawei: "Wir könnten Android in Smartphones sofort ersetzen"

Der chinesische Konzern präsentiert Harmony OS und will es "global etablieren". Das Open-Source-System soll auf verschiedensten Geräten laufen.
 
Huawei hat an der hauseigenen Entwicklerkonferenz sein Betriebssystem präsentiert. Im Vorfeld war viel über den "Plan B" von Huawei nach den Boykott-Ankündigungen aus den USA spekuliert worden.
 
Nun hat Huawei bekannt gegeben, dass das Betriebssystem "Harmony OS" heisst und neben Smartphones auch auf Computern, Tablets, Smartwatches und IoT-Devices laufen soll. Medienberichten zufolge war es zunächst für vernetzte Geräte im IoT gedacht. Der Konzern betonte, dass man jetzt schon in der Lage wäre, in seinen Smartphones Android durch die eigene Software zu ersetzen.
 
Für Huawei könnte das eigene System zum Lebensretter werden: Dem Konzern droht der Verlust des Zugangs zu Android, weil er von US-Präsident Donald Trump auf eine schwarze Liste gesetzt wurde. Die Android-Sperre wurde zunächst bis Ende August ausgesetzt. Offen ist aber noch, wie es danach weitergeht.
 
Ein steiniger Weg zum "globalen Betriebssystem"
Mit Harmony OS könnte Huawei aber auch eine vollwertige Alternative zu Android etablieren und somit die Doppelhegemonie von Google und Apple brechen: "Wir wollen ein globales Betriebssystem etablieren, das nicht nur von Huawei genutzt wird", sagte jedenfalls Huawei-Manager Richard Yu.
 
Ein neues Betriebssystem zu etablieren, ist aber ziemlich anspruchsvoll. Die Schwierigkeit besteht vor allem darin, genügend App-Entwickler für die neue Plattform zu gewinnen. So ist etwa Microsoft in der Vergangenheit daran gescheitert, sein Windows-Betriebssystem für Smartphones erfolgreich zu machen. Die App-Entwickler fokussierten sich auf iOS und Android. Alternativen wie Firefox OS, webOS von Palm/HP oder das Blackberry-System wurden aus dem Markt gedrängt.
 
Ein zusätzliches Problem für Huawei im Westen wäre auch der Verlust des Zugangs zu vorinstallierten Google-Diensten auf den Smartphones, die in den USA und Europa populär sind. Denn hierzulande werden die Android-Geräte nahezu immer mit Apps wie Google Maps oder Gmail verkauft.
 
Ein Next Generation Betriebssystem?
Huawei will die App-Entwickler unter anderem damit locken, dass das Betriebssystem übergreifend auf verschiedensten Geräten laufen kann und diverse Programmiersprachen unterstützt. Möglich werden soll dies durch die Nutzung eines Mikrokernels, der nur einen Tausendstel der Menge des Linux-Kernels an Code brauche, so Huawei.
 
Die erste Version von Harmony OS soll aber noch einen Linux-Kernel verwenden. Dies soll die Kompatibilität mit Android-Apps garantieren. Eine Version 2.0, die für 2020 geplant ist, setze dann auf den Mikrokernel. Mittels eines Compilers sollen aber auch dann noch Android-Anwendungen sowie weitere Programmiersprachen unterstützt werden.
 
Harmony OS wird zudem wie Android quelloffen sein. Das hatte seinerzeit den Aufstieg von Android zum meistbenutzten Smartphone-System mit mehr als 80 Prozent Marktanteil beflügelt. Auch in China laufen die meisten Smartphones mit Android - wenn auch im Gegensatz zum Westen ohne Google-Dienste.
 
Huawei entwickelte sein Betriebssystem mit der Vision, dass ein grosser Teil der Arbeit über schnelle Netze an Rechenzentren abgegeben wird. Harmony OS repräsentiere damit wahrhaft die nächste Generation von Betriebssystemen "für alle Szenarien", schwärmte Yu.
 
Vorerst setzt Huawei weiter auf Android
Vorerst nutze man für seine Smartphones aber weiterhin Android, um das Ökosystem aus Apps und anderen Diensten nicht aufzuspalten, sagte Yu. Er betonte zugleich: "Aber wenn wir in der Zukunft keinen Zugang mehr dazu haben sollten, können wir sofort auf Harmony OS umsteigen". Man könne das in wenigen Tagen bewältigen. "Von Android auf Huawei OS umzusteigen, ist nicht so schwierig. Eigentlich ist es sogar sehr einfach."
 
China ist der grösste Smartphone-Markt der Welt – und das US-Vorgehen gegen Huawei hatte dort angesichts des Handelskonflikts zwischen den beiden Ländern auch eine Patriotismus-Welle bei der Technik-Auswahl ausgelöst. So wäre es denkbar, dass auch andere chinesische Smartphone-Anbieter auf ein einheimisches Betriebssystem umsteigen. Huawei ist beim Smartphone-Absatz die weltweite Nummer zwei nach Samsung, unter anderem auch dank der starken Position im Heimatmarkt. (ts/Keystone-sda)