Nach Ruf-Verkauf: Viel Bewegung im Markt für Gemeinde-Software

Die einstigen Ruf-Informatik-Flaggschiffe GeSoft und WWSoft verlieren Kunden. Was ist los und wie hat der neue Ruf-Besitzer Axians IT&T reagiert?
 
Zuletzt fiel die Ausschreibung einer neuen Gemeinde-Software für die Zürcher Gemeinde Unterengstringen auf. Die bisher eingesetzte Fachlösung GeSoft von Ruf werde ausgewechselt, weil sie veraltet ist, erklärt Gemeindeschreiber Pascal Brun in einem Telefonat mit inside-channels.ch. Aber die Umsetzung des Projektes sei abgebrochen und um ein Jahr verschoben worden, weil man die mit einer Migration anstehenden internen Arbeiten unterschätzt habe, so Brun. Dies sei erst nach Vorliegen der Offerten aufgefallen.
 
Bei der Kontaktaufnahme mit den in den Offerten genannten Referenzen sei klar geworden, dass die Personalressourcen zur Datenbereinigung und Datenvorbereitung für die Ablösung von GeSoft und den Umstieg derzeit fehlen. Dennoch bleibe es dabei, GeSoft werde abgelöst. Die Ausschreibung werde leicht angepasst wiederholt, um dann bis voraussichtlich Ende 2020 eine neue Gemeinde-Software auszuwählen, so Brun.
 
Die Begründung, die Software sei veraltet und müsse deshalb abgelöst werden, verwundert auf den ersten Blick wenig. Denn schon in den Jahren vor der Übernahme von Ruf durch die Vinci-Tochter Axians IT&T hat die Lösung viele Kunden eingebüsst. Fragt man in der Branche nach, war der Auslöser dieser Entwicklung die von Ruf erstmals 2012 angekündigte Kompletterneuerung von GeSoft. Zwei Jahre später wurde die neue Lösung dann unter dem Namen Publiweb als Service-basierte Cloud- und Mobile-Lösung versprochen, mit der GeSoft und WWSoft bis 2018 abgelöst werden sollte.
 
Bekanntlich hat die einstige Ruf Informatik, deren Software damals bei rund 600 Gemeinden lief und mit Abacus-Nest noch die Nummer eins im Markt für Gemeinde-Software war, das Erneuerungsversprechen nicht eingelöst. Die Firma hat dies auch offen kommuniziert.
 
Wechsel trotz Verbesserungen
Die Folge war, dass im Rahmen der in Gemeinden und Städten inzwischen angelaufenen Digitalisierungsprojekte GeSoft vielenorts abgelöst wurde. In die Liste der Wechsler gehören bis 2018 unter anderem Wetzikon, Pfäffikon, Bubikon oder auch Brig-Glis. Abgesehen vom Fehlen der Weiterentwicklung wurde als Grund zum Wechsel insbesondere der Support der Ruf-Lösung genannt. Er wurde als "lausig" beschrieben.
 
Unter den neuen Besitzern von Ruf hat sich die Situation wohl geändert. Jedenfalls hat Axians Ruf im Oktober 2018 mitgeteilt, dass der Service-Desk reorganisiert, die Erreichbarkeit ausgebaut und die Reaktionszeiten verkürzt worden seien.
 
Allerdings scheint es, dass sich nach wie vor Gemeinden von GeSoft verabschieden. Laut Recherchen von inside-channels.ch hat nicht nur Unterengstringen die Ablösung der Gemeinde-Lösung auf der Agenda. Im Verlauf des letzten Jahres haben beispielsweise auch Münchenstein, Affoltern im Emmental, Erlach, Leuk, Salges oder Thunstetten-Bützberg den Anbieter gewechselt. Ausserdem nennt Axians IT&T auf der eigenen Webseite Umsteiger auf die eigene Lösung "Informa newsystem": Nuglar-St. Pantaleon, St. Niklaus, Neuhausen, Saas-Fee und Saas-Grund.
 
Wieviele haben zu welcher Lösung gewechselt?
Grund genug also, bei den neuen Besitzern nach dem Stand der Dinge zu fragen. Urs Röthlisberger, Managing Director der Business Area Public Software von Axians DACH, stellt zunächst einmal klar: Die heutige Axians Ruf habe vor der Übernahme tatsächlich "viele Kunden verloren". Diese Tatsache sei schon viele Jahre bekannt. Ohne konkret zu sagen, wie viele Kunden Ruf verloren hat, fügt Eugster an, "seit 2012 haben über 100 Gemeindekunden GeSoft oder WWSoft mit Infoma newsystem abgelöst". Heute würden noch "gegen 500 Gemeinden die Produkte GeSoft und WWSoft" einsetzen.

Bei diesen Angaben muss offen bleiben, ob unsere Zahlen von 2014, wonach damals 600 Gemeinden auf die Ruf-Lösung setzten, richtig oder falsch waren. Denn, wie oben gezeigt, wurde GeSoft inzwischen nicht nur mit Infoma newsystem, sondern auch mit den Lösungen von Hauptkonkurrent Nest (Abacus, KMS, innosolv) oder der Dialog Verwaltungs-Data abgelöst.
 
Röthlisberger schreibt weiter, dass heute den Kunden der damaligen Ruf Informatik "mit dem neuen, gemeinsamen Produkteportfolio gute Zukunftsaussichten aufgezeigt" worden seien. Konkret hätten "die Kunden der Axians Ruf die freie Wahl, ihre heutigen Produkte GeSoft oder WWSoft auch weiterhin und langjährig einzusetzen oder bei entsprechendem Wunsch auf Infoma newsystem zu wechseln".
 
Ausserdem, fügt Röthlisberger an, "gibt es aber auch viele Kunden (bei weitem die Mehrzahl) welche gerne auch noch weiterhin auf ihrem langjährig vertrauten System weiterarbeiten möchten. Was sie dazu in erster Linie benötigen ist – neben einer garantieren Weiterentwicklung und Pflege des bestehenden Systems – ein guter und kompetenter Support."
 
"Support merklich verbessert"
In Sachen Support, schiebt er nach, habe "Axians Ruf unter dem aktuellen Geschäftsleiter Stefan Reiner bereits vor unserer Übernahme grosse Anstrengungen unternommen, den Support merklich und für alle Kunden spürbar zu verbessern". Es sei "vor allem dieser Tatsache zu verdanken, dass sich auch die Kundenverluste der Ruf im letzten halben Jahr seit der Integration in unseren Konzern auf ein tiefes Niveau eingependelt hat." (Die Übernahme wurde im August 2018 gemeldet).
 
Der schlechte Support von Ruf ("ein strategischer Fehler") habe Axians früher nicht gross gestört, sagt Röthlisberger, wohl mit einem Lächeln auf den Lippen. Er betont dann aber: "Heute freuen wir uns darüber, dass der jetzige Geschäftsleiter die richtigen strategischen Entscheidungen erkannt und kompetent umgesetzt hat".
 
Die Relevanz einer Steuerlösung
Die Roadmap von Axians sehe vor, dass "alle unsere Public-Software-Produkte (GeSoft, WWSoft und Infoma newsystem) in der Schweiz garantiert auch in zehn Jahren noch betrieben und in dieser Zeit auch konsequent weiterentwickelt werden". Als zwei Beispiele nennt Röthlisberger die "Umsetzung des neuen Zahlungsverkehrs ISO 20022 in oder die Anbindung des eUmzug an alle drei Produkte-Linien".
 
Das bedeute allerdings keine Vereinheitlichung des Produktportfolios. Dies sei weder "kurz- noch mittelfristig geplant, noch wäre eine solche Vereinheitlichung überhaupt kurzfristig möglich oder sinnvoll".

Ein wichtiger Faktor für die Wahl eines Anbieters sei die Verfügbarkeit einer Steuerlösung. Und diese fehle, heisst es im Markt. Unrichtig, schreibt Röthlisberger, sei es, dass Infoma newsystem über keine Steuerlösung verfüge. Richtig sei vielmehr, "in vielen Kantonen benötigen die Gemeinde ein Modul für die Steuerfakturierung. Selbstverständlich enthalten alle unsere Produkte inklusive dem Produkt Infoma newsystem diese Funktionalität vollumfänglich."
 
Dieses Modul sei beispielsweise seit 2018 in Grenchen produktiv im Einsatz und in diesem sowie im nächsten Jahr würden "mehrere Axians Ruf Kunden in den Kantonen Solothurn, Freiburg, Thurgau und Wallis auf Infoma newsystem (wechseln) und werden dabei, neben vielen anderen Modulen auch das Modul Steuerfakturierung in Betrieb nehmen."

Schliesslich fügt er noch an, dass Axians Ruf eine geeignete Steuerlösung auch im Kanton Zürich bereitstelle, wie dies "einige unserer Mitbewerber ebenfalls bereits heute produktiv tun". Laut Röthlisberger laufen bereits heute "mit diversen Gemeinden im Kanton Zürich entsprechende Gespräche und es ist absehbar, dass schon bald Zürcher Gemeinden mit Infoma newsystem als Gesamtlösung arbeiten werden." (Volker Richert)