Exklusiv: Der Zürcher Balluun-Traum ist geplatzt (Update)

Die Balluun Management AG ist insolvent. Die Dachgesellschaft Balluun, die einst ein "Facebook für Geschäftskunden" lancieren wollte, wird restrukturiert. Was steckt dahinter?
 
Die Balluun Management AG ist Konkurs: Der Gerichts-Schreiber des Bezirksgerichts Zürich hat am 11. Juni seine Unterschrift unter das Urteil gesetzt. Es ist das jüngste Kapitel eines ehemals Hoffnung versprühenden Schweizer Startups.
 
Der 2013 gegründete Anbieter für Social-E-Commerce-Lösungen für den B2B-Markt war mit grossen Ansprüchen angetreten. Der ehemalige CEO Roland Kümin nannte sein Ziel das "Facebook für Geschäftskunden". Und auch in jüngerer Vergangenheit ruderte man kaum zurück: Noch im März erklärte der seit Januar amtende CEO Roger Müller in einem Interview mit 'Moneycab', dass mit Balluun eine Lösung "ein bisschen wie LinkedIn, Facebook und Alibaba zusammen" entstehen solle.
 
Die Balluun Management AG gab sich "die Entwicklung und den Unterhalt einer Internet-Plattform" zum Zweck, die "aufgrund von sozialen Kommunikation- und Netzwerkstrukturen den Grosshandel und die damit verbundenen Geschäftsaktivitäten auf weltweiter Basis abbilden kann".
 
Die Aktiengesellschaft stellte die Mitarbeiter an, die in der Schweiz für Balluun arbeiteten. Diese sind nun entlassen worden. Löhne seien noch ausstehend, wie mehrere informierte Quellen unabhängig voneinander bestätigen. Müller widerspricht: Die Löhne seien bis Ende Mai bezahlt worden – mit einer Ausnahme, die beim Arbeitsgericht hängig sei.
 
Daneben gibt es die Balluun AG. Die Holding bezweckt das Halten und Verwalten von Beteiligungen. Diese werde derzeit restrukturiert, erklärt CEO Müller auf Anfrage. Über ihre Zukunft will er nächste Woche unterrichten.
 
Wenig Umsatz, grosse Versprechen
Der vormalige CEO von Balluun, Roland Kümin, stellte gegenüber der 'Bilanz' noch vor knapp zwei Jahren einen Börsengang "spätestens bis 2019" in Aussicht. Dazu kam es nie. Auf der Warnliste von 'Saldo' findet sich mittlerweile ein Hinweis, dass er potenziellen Investoren unrealistische Aktienpreise versprochen haben soll. Der "Startup-Junkie", wie er sich selbst nennt, hat das Unternehmen Ende 2018 verlassen und den Chefposten an den damaligen CFO Müller übergeben.
 
Zu erreichen war Kümin bis Redaktionsschluss nicht, an seiner Stelle dementiert Müller heftig: Er sagt, dass sich Balluun "mit normalen Kapitalerhöhungen finanziert hat und sich diverse nicht von Balluun mandatierte Vermittler auf dem Platz Zürich mit Balluun eine reiche Nase verdient haben." Diese hätten Versprechungen abgegeben und das Pricing der Aktien selbst bestimmt. Kümin habe lediglich im Rahmen der von der Generalversammlung genehmigten Kapitalerhöhung Aktien platziert, so die Aussage des heutigen CEOs.
 
Die Berichte und Gerüchte um schlechte Zahlen von Balluun rissen derweil nie ab: Laut 'NZZ' machte das Unternehmen 2018 rund acht Millionen Franken Umsatz, allerdings ginge der grösste Teil von rund sieben Millionen auf die im Sommer 2018 akquirierte Softwarefirma Saigara zurück. Der Rest basiere vor allem auf Aktienrückgaben des Gründers, so die Tageszeitung. Der Umsatz mit dem Kerngeschäft soll kaum über 100'000 Franken jährlich hinausgekommen sein, während das Startup rund dreissig Mal mehr Geld verbrannt haben soll, sagen informierte Quellen. Müller weist dies pauschal zurück und spricht von einem Umsatz von rund 330'000 Franken. Dazu kämen 6,2 Millionen Euro, die man mit Saigara umgesetzt habe.
 
Laut 'Crunchbase' wurden seit Bestehen von Balluun in drei Finanzierungsrunden rund 53 Millionen Dollar aufgetrieben. Die letzte hat im Jahr 2016 stattgefunden, so das Infoportal für Tech-Unternehmen. Auch dieser Betrag ist laut Müller weit übertrieben, man habe 26 Millionen Franken gesammelt.
 
Der Kauf von Saigara im Sommer 2018 machte offenbar frisches Geld nötig, in der Verhandlungsphase plante man eine Kapitalaufnahme: Es sollten neue Aktien zum Preis von 2.75 Franken ausgegeben werden. Allerdings wurden nur zwei Prozent des Kapitals tatsächlich gezeichnet, wie Recherchen der 'NZZ' ergaben.
 
Daraufhin sollten Darlehensgeber ihre Kredite zu einem Vorzugspreis in Aktien umwandeln können. Es kam zum Zoff zwischen VR und Management gegen eine Gruppe von Aktionären. Letztere sprachen laut 'NZZ' von "dreisten Machenschaften und der systematischen Bevorzugung des Verwaltungsrates und der Geschäftsleitung". Sie haben sich nun offenbar an der GV durchgesetzt und die Umwandlung zu Vorzugspreisen verhindert.
 
CEO Roger Müller steht vor der grossen Aufgabe, Balluun durch die "schwierige Phase" zu führen, wie er sagt. Dabei muss er sich auch mit dem vielköpfigen Aktionariat befassen, das historisch entstanden ist. (Thomas Schwendener)
 
Update 15:00: Der Text wurde mit zusätzlichen Aussagen von CEO Roger Müller ergänzt.