New Business: "Namics will noch mutigere Projekte machen"

Michael Sandmaier, Principal UX Consultant
Was bringt Merkle der neuen Tochter Namics? Ein neues Geschäftsfeld. Der Verantwortliche, Michael Sandmaier, erklärt welches.
 
Namics, kürzlich vom japanischen Digitalmarketingriesen Dentsu Aegis übernommen und dessen US-Tochter Merkle angehängt, will neue Geschäftsfelder erobern. Zuständig für die neue Einnahmequelle namens "Digital Product and Service Design" ist Michael Sandmaier, Principal UX Consultant. Bei einem Redaktionsbesuch erklärt er, was das heisst und wohin die Full Service Digitalagentur mit dem neuen Besitzer steuert.
 
Was ist mit dem abstrakten Term "Digital Product and Service Design" gemeint? Laut Namics-Ankündigung verbirgt sich dahinter "die gemeinsame Erarbeitung, Umsetzung und Vermarktung von digitalen Innovationen". Sandmaier präzisiert: "Es geht darum, mit Kunden digitale Produkte oder Services zu schaffen, die ein neues Geschäft generieren und Nutzer begeistern." In anderen Worten, man will, dass eine Firma bei Namics nicht nur Geld ausgibt, sondern dass die Investition nicht verpufft.
 
Als konkretes Kundenbeispiel nennt Sandmaier den Muttermilch-Pumpenhersteller Medela. Dieser habe seine Produkte bisher im B2B-Markt verkauft, steigt aber neu ins B2B2C-Geschäft ein. Bei diesem Strategiewechsel will Namics ansetzen. "Wir bringen Digital Business Consultants, Experience Designer und Solution Architects in das Projektteam. Das interdisziplinäre Team hilft, Potenziale auszuschöpfen, Gedanken zu schärfen und Ideen greifbar zu machen."
 
Dabei will Namics in unterschiedlichen Projektformen konkrete Resultate erzielen. Das könne ein Google-Design-Sprint – in fünf Tagen zum validierten Prototypen – sein, aber auch die Validierung eines Geschäftsmodells innert drei bis vier Wochen. Sandmaier verspricht, Namics könne zusammen mit dem Kunden in zwei bis drei Monaten auch grössere Business-Innovationsmodelle marktreif machen.
 
Wieviel Branchen-Wissen kann Namics denn bieten? Oder muss man dies gar nicht? Sandmaier glaubt, auch im Bereich Industrie und IoT für "Digital Product and Service Design" alle Voraussetzungen zu haben. "Wir haben Tools und Möglichkeiten, jeden Nutzer zu verstehen und alle Branchen zu bedienen – sei es Automotive, Industrie oder Medizintechnik. Aktuell sind wir sicher im Finanzbereich am stärksten", sagt er. Gilt das auch für den Bereich Industrie 4.0, wenn es darum geht, Daten aus Sensoren auszuwerten? Ja, sagt Sandmaier, und nennt die Namics-Mutter Merkle als wichtiges Argument. Die Firma positioniere sich als Digitalagentur für datengetriebenes Marketing und bringe viel Spezialwissen ein, auf das er für seinen Bereich jetzt schon zählen könne. Sandmaier baut das Geschäftsfeld auf mit hauseigenen Business-, UX- und Technologie-Spezialisten aus Deutschland, der Schweiz und Belgrad. "Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter kann uns helfen, wir können aus der Vielfalt der Skills schöpfen." Noch gilt "Digital Product and Service Design" als strategische Initiative, nicht als Umsatzträger.
 
Aber das soll sich ändern bei "Namics – A Merkle Company", wie die 24-jährige Firma mit ihren rund 550 Mitarbeitenden neu heisst. Merkle könne im Data- und CRM-Bereich viel bringen, wiederholt Sandmaier und sie werde auch Neukundschaft für Namics gewinnen, ist er sich sicher. Die US-Firma beschäftigt über 6000 Mitarbeitende und macht über eine Milliarde Umsatz, so dass dies tatsächlich zu erwarten ist. Ebenso ist davon auszugehen, dass Merkle durch Namics nun auch in der Schweiz Umsätze erzielen will.
 
"Es geht nicht um die Grösse an sich"
Aber wir wollen dennoch klären, warum Namics den Alleingang nicht weiterverfolgte. Die Frage ist auch interessant, da Namics aktuell wegen "angespannter Auftragssituation" Mitarbeiter abbaut, wie inside-channels.ch bekannt machte. Eigentlich hatte Namics den Verkauf an Dentsu beziehungsweise Merkle als strategische Notwendigkeit kommuniziert: Namics könne als Full-Service-Digitalagentur die "strategischen Ziele in der Schweiz und in Deutschland nicht mit organischem Wachstum erreichen (…) dass das nur mit einem starken Partner funktioniert."
 
Eine Strategie "kleiner Fisch in einem grossen Teich" wäre nicht zukunftsträchtig gewesen, sagt Sandmaier. "Wir sehen in der Schweiz und in Deutschland sowohl hinsichtlich Breite als auch Tiefe des Angebots noch ein grosses Potenzial, das wir mit organischem Wachstum – also ohne einen starken Partner wie Merkle – nicht ausschöpfen können. Namics will den Full-Service-Weg fortführen, den auch vergleichbare Agenturen am Markt gehen. Es braucht eine starke Position, um interessante Projekte bei grossen und internationalen Firmen zu gewinnen." Zudem werde der Wettbewerb um grosse Projekte internationaler; so brauchen auch Schweizer Firmen zunehmend globale Dienstleistungen bei geschäftskritischen Digitallösungen. "Es geht nicht um die Grösse an sich, sondern um die Fähigkeiten, die man bieten kann", so Sandmaier. "Bei grossen Kunden und im Mittelstand ist es zentral, dass wir über Experience Design, digitales Marketing und Technologien hinaus auch bei Themen wie CRM, Data Science und digitaler Innovation fundiert unterstützen können. Und gerade bei diesen Themen hat Merkle eine langjährige und globale Expertise." Gerade grosse Firmen würden zudem auch nicht mehr ein Dutzend Dienstleister für ein Digitalisierungs-Vorhaben orchestrieren wollen.
 
Er widerspricht auch der Annahme, Namics habe sich im deutschen Markt nicht wunschgemäss etablieren können. Stolz verweist er auf ein Ranking des Bundesverbands Digitale Wirtschaft, das Namics Deutschland für 2019 auf Rang 15 listet, drei Ränge höher als im Vorjahr. "Wir sind gut aufgestellt, haben ein breites Angebot definiert und unser Können bei Konzernen verschiedener Branchen unter Beweis gestellt", versichert Sandmaier. Mit den neuen Besitzern und unter dem Einfluss von Merkle könne man bei Namics "noch mutigere und noch innovativere Projekte machen." (mag)