Prantl behauptet: Erfahrung wird völlig überschätzt

Lösen blutige Laien Probleme besser? Soll man mit erfahrenen Leuten Neuland betreten? Kolumnist Urs Prantl über seine Erfahrungen.
 
Man stelle sich ein Stelleninserat für einen Softwareentwickler vor. Dort steht unter anderem: "Erfahrungen mit den von uns eingesetzten Technologien, mit Softwareentwicklung im Team und mit dem Design von Programmen und Apps sind nicht erwünscht. Wir wollen Sie komplett neu formen und ziehen daher blutige Laien vor."
 
Oder man stelle sich einen Freelancer Projektleiter vor, der auf seiner Website schreibt: "Ich verfüge absichtlich über keinerlei Erfahrung in irgendeiner Branche, mit irgendeiner Projektmethodik und mit irgendwelchen Projekten, damit ich ihr Projekt unvoreingenommen zum Erfolg führen kann."
 
Zuletzt stelle man sich ein Unternehmen vor, das auf seinem Webauftritt formuliert. "Wir haben keine Referenzen. Und wenn wir welche hätten, dann würden wir sie hier keinesfalls erwähnen. Denn Sie sind als Kunde einmalig und so wollen wir Sie auch behandeln."
Alle diese Beispiele klingen in unseren Ohren vollkommen abstrus. Im Gegenteil, Berufserfahrungen, Referenzen und Skills kann man beim Verkauf seiner Leistungen – oder seiner Arbeitskraft – nie genug haben. Alle schreien danach, und wer noch keine hat, der findet oft nur sehr schwer den ersten Job oder den ersten Kunden. Erfahrungen sind in der Praxis oftmals das absolut entscheidende Kriterium, ich nenne sie "kaufentscheidend", für den Zuschlag.
 
Das ist grundsätzlich auch in Ordnung. Unter zwei Voraussetzungen.
 
Erfahrung darf nicht mit Wissen, auf neudeutsch "Skills", verwechselt werden. Skills, also die Beherrschung mindestens einer Programmiersprache für Softwareentwickler, die Beherrschung mindestens einer Projektführungsmethodik für Projektleiter oder die Beherrschung der Basics für nutzenstiftende Unternehmensführung sind diskussionslos. "Wer nichts weiss, der kann auch nichts." Wohingegen Erfahrung weniger mit dem Wissen selbst, als vielmehr mit dessen praktischer Anwendung zu tun hat. Zusammengefasst also: Wissen ist notwendig, Erfahrung kann helfen.
 
Zweitens darf Erfahrung keinesfalls als Rezept verstanden werden. Nach dem Motto, "ich programmiere diese App so, wie ich es immer getan habe", "ich führe dieses Projekt so, wie ich es immer getan habe" oder "wir bedienen diesen Kunden so, wie wir es schon immer getan haben" – "da ich/wir ja über die entsprechende Erfahrung verfügen, die uns dazu legitimiert". Das funktioniert solange einigermassen, wie sich an den Rahmenbedingungen nichts ändert. Ist dem aber nicht mehr so, was man häufig gar nicht realisiert, dann wird Erfahrung auf einmal brandgefährlich.
 
Und damit wären wir beim Stolperstein der Erfahrung angelangt. Sie hilft nämlich nur dann, wenn die neu zu lösende Aufgabe im gleichen Umfeld wie die vorher Gelösten stattfindet. Wenn also alle Rahmenbedingungen, das Jobumfeld, das Projektumfeld oder das Kundenumfeld sich nicht ändern. Doch, wo ist das heute noch der Fall?
 
Bei der täglichen Routine mag dies meistens noch zutreffen. Bei neuen Herausforderungen – und dazu zählen die zu Beginn aufgeführten Beispiele fast ausnahmslos – jedoch, liegt die Sache völlig anders. Diese zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie gezielt Neuland betreten und Lösungen für neue Probleme suchen. Es geht dann darum, in einer zunehmend komplexen und unvorhersehbaren Welt Ergebnisse zu produzieren, die es in dieser Art vorher noch gar nie gab. Im Extremfall werden disruptive Ansätze gesucht, um dem steigenden Wettbewerbsdruck und der zunehmenden Austauschbarkeit zu entfliehen und damit der Konkurrenz den entscheidenden Schritt voraus zu sein. Doch genau das funktioniert mit "platt" angewendeter Erfahrung nicht mehr.
 
Dort, wo also neues Blut, wo neue Lösungen, wo neue Ansätze in einer veränderten Welt gesucht werden, hilft Erfahrung nur noch sehr bedingt weiter. Sie kann sogar richtiggehend hinderlich, wenn nicht gar gefährlich sein, da sie den Blick über den Tellerrand völlig vernebelt. Wer auch jetzt noch energisch auf Erfahrung pocht, macht einen entscheidenden Gedankenfehler und begibt sich – ohne Not – ins Offside.
 
Viel wichtiger sind an dieser Stelle Kreativität und die Fähigkeit, einmal Gelerntes und Erfahrenes zu "ent-lernen". Sich also aktiv von Erfahrung frei zu machen. Natürlich gelingt das nur sehr bedingt, das kenne ich selbst "aus Erfahrung" nur zu gut. Erfahrung sollte dann nicht mehr als unverrückbares "how-to", sondern vielmehr emphatisch als etwas, was man schon x-mal "er-lebt" hat verstanden werden.
 
Mein Plädoyer an Arbeitgeber und Kunden: Nehmt Erfahrung nicht mehr so wichtig und achtet vielmehr darauf, dass eure neuen Mitarbeitenden oder eure neuen Partner das bei euch zu lösende Problem verstehen und anschliessend kreativ lösen wollen. Dass sie dazu einiges wissen – und damit können – müssen, ist klar. Dass sie das aber schon hundert Mal gemacht haben müssen, ist Unfug. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (56) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Mit seiner Mission „wir kreieren zukunftssichere Unternehmen“ begleitet er als Strategiementor seit Ende 2011 inhabergeführte KMU aus der ICT auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.