Die Deutsche Börse vertraut sich Azure an

Auch "wesentliche" Dienstleistungen sollen ausgelagert werden. Setzt der Vertrag mit Microsoft einen neuen Standard in der europäischen Finanzindustrie?
 
Gestern berichteten wir, dass JPMorgan Chase, die grösste US-Bank, zukünftig auch hochvertrauliche Daten in die Public Clouds von Amazon, Google und Microsoft auslagern will. Nun plant mit der Deutschen Börse auch ein wichtiger Vertreter der europäischen Finanzindustrie ähnliches.
 
Allerdings macht die Deutsche Börse dies vorerst nur mit einem exklusiven Partner, nämlich Microsoft. Schrittweise sollen auch regulierte Anwendungen auf die Microsoft-Cloud-Plattform Azure ausgelagert werden. Solche "wesentlichen Auslagerungen" definiert die Deutsche Börse als Dienstleistungen, die Finanzinstitute in der Regel selbst erbringen und die als wesentlich für ihr Kerngeschäft gelten. Diese Anwendungen in einer Cloud-Umgebung zu betreiben, erfordere die Einhaltung nationaler und EU-weiter Regulierungsvorschriften. Und genau dies soll der neu mit Microsoft abgeschlossene Vertrag ermöglichen.
 
Dieser Vertrag, so sagt die Deutsche Börse, sei deshalb auch ein "wichtiger Meilenstein für den Finanzdienstleistungssektor" und werde einen neuen Vertragsstandard in der europäischen Finanzbranche setzen.
 
Kollaborative Audit-Gruppe für europäische Finanzunternehmen
Bei einer "wesentlichen Auslagerung" an einen Cloud-Dienstleister sind europäische Finanzinstitute verpflichtet, zuständigen Behörden uneingeschränkt die Möglichkeit zu geben, Audits durchzuführen. Um dem Rechnung zu tragen habe man schon 2017 die Collaborative Cloud Audit Group (CCAG) gegründet, zu der grosse europäische Finanzinstitute und Versicherungsgesellschaften gehören würden. Das erste Gruppen-Audit mit Fokus Microsoft Azure sei 2018 abgeschlossen worden und erfolgreich verlaufen. Die CCAG und Microsoft würden nun jährlich weitere Audits durchführen.
 
Wie uns Leticia Adam, Sprecherin der Deutschen Börse, bestätigte, wurde die Existenz dieser Gruppe bisher noch nicht kommuniziert. Welche Unternehmen gegenwärtig dabei mitmachen – und ob sich auch Schweizer Unternehmen darunter befinden – soll erst im Verlauf des Sommers bekannt gegeben werden.
 
Die Deutsche Börse will wie sie erklärt künftig unter anderem neben Azure-Services auch Microsoft 365 einsetzen.
 
Wesentliche Anwendungen in einem zweiten Schritt
In einem ersten Schritt werde man dieses Jahr die Migration von Arbeitsprozessen in die Cloud vorantreiben. Darunter werde auch das Entwickeln und Testen von Geschäftsanwendungen und Teilen des SAP-Systems fallen.
 
Wesentliche Dienstleistungen, darunter Kerndienstleistungen für die Verteilung von Daten, sollen im nächsten Schritt folgen. Dies werde man aber in "enger Abstimmung" mit relevanten Regulierungsbehörden tun.
 
Regulierungen sind der grosse Bremsklotz für Unternehmen aus dem Finanzbereich, wenn sie Public Clouds nutzen wollen. Die Treiber, dies dennoch zu tun, sind dagegen ähnlich wie bei Unternehmen aus anderen Branchen. Die Deutsche Börse erhofft sich von der Nutzung von Azure mehr Agilität, eine höhere Qualität sowie Kosteneinsparungen. Man rechnet damit, neue Funktionen schneller implementieren und die Bereitstellung von Infrastruktur und Services beschleunigen zu können. Ausserdem hofft man auch bei der Weiterentwicklung in Bereichen wie Distributed Ledger und Blockchain, Big Data und Analytics sowie Automatisierung und künstliche Intelligenz profitieren zu können. (Hans Jörg Maron)