Das ist Ingrams Cloud-Strategie

Renee Bergeron. Foto: zVg
Ingram Micro bietet viel mehr als einen Cloud-Marktplatz, sagt Cloud-Chefstrategin Renee Bergeron.
 
Es gibt nicht viele Frauen in Management-Positionen in der IT-Distribution. Und wohl keine ist so einflussreich wie Renee Bergeron. Die Kanadierin verantwortet im Range eines Senior Vice Presidents die globale Entwicklung des Cloud-Business des weltweit grössten IT-Distributors Ingram Micro. Bergeron war vor einigen Tagen in Zürich. Inside-channels.ch nutzte die Gelegenheit zu einem exklusiven Hintergrundgespräch.
 
Wie relevant ist das Cloud-Business für den weltweit grössten Distributor wirklich? Natürlich nennt Renee Bergeron keine Zahlen und schon gar keine aus der Schweiz. Ingram Micro mache über eine Milliarde Dollar Umsatz mit mit Diensten aus der Public Cloud. Bergeron: "Cloud Computing wird für uns relevant". Ingram Micro hat gemäss Bergeron in den letzten Jahren über eine halbe Milliarde Dollar in den Aufbau des Cloud-Business investiert. Wichtig war die Übernahme von Odin im Dezember 2015. Mit der Service-Automation-Plattform kamen 500 Cloud-Spezialisten zu Ingram. Zusammen mit weiteren zugekauften Lösungen, etwa für die automatisierte Programmierung von APIs, wurde nicht nur der Cloud-Marktplatz aufgebaut, sondern Ingram positioniert sich mit Cloud Blue unterdessen selbst als Software-Anbieter.
 
CloudBlue: SRF und Telcos als Kunden
CloudBlue ist die Lösung, die den Ingram Cloud-Marktplatz antreibt. Sie kann aber auch als Software gekauft und selbst betrieben oder als SaaS-Lösung eingesetzt werden. Kunden sind zum Beispiel Telcos, die eigene Cloud-Marktplätze betreiben wollen. In der Schweiz gibt es mit SRF einen prominenten Kunden, wie uns Bergeron verriet.
 
Übrigens: Ingram Micro betreibt die Serverinfrastruktur für CloudBlue nicht selbst, sondern bezieht die eigene Plattform aus der Azure-Cloud.
 
Self-Service für lokale Software-Hersteller
Alle Cloud-Marktplätze der Distis haben ein Problem: Ihr Angebot ist nicht komplett. Sie können Resellern zwar helfen, die Komplexität als Drehscheibe zwischen Kunden Hyperscalern zu reduzieren, in dem sie Tools für Onboarding und Verrechnung anbieten. Doch es fehlen die wichtigen Business-Lösungen lokaler oder internationaler Hersteller wie Abacus oder Sage. Service-Provider haben deshalb trotzdem mit mehreren verschiedenen Anbietern und Cloud-Providern zu tun.
 
Das sieht man auch bei Ingram Micro so. Das Ziel ist, möglichst alle Lösungen, auch solche der "local heros", anbieten zu können. "Das zu erreichen ist komplex und sehr teuer. Die Progammierung eines APIs, um eine Lösung in einen Cloud-Marktplatz einbinden zu können, kann bis zu 100'000 Dollar kosten", sagt Bergeron.
 
Um Software-Hersteller und SaaS-Anbietern den Zugang zum Marktplatz von Ingram zu erleichtern, hat der Mega-Disti die Plattform "Connect" entwickelt. "Connect" soll als Portal für Software-Anbieter dienen, die ihre Lösungen damit auf den Marktplatz portieren können. Bergeron: "Wir sind noch nicht soweit, dass ein Software-Hersteller seine Lösung zu 100 Prozent selbst auf den Marktplatz bringen kann. Aber etwa 80 Prozent der Arbeit kann er selbst machen. Mit "Connect" kann man sehr einfache APIs für einfache Use Cases automatisiert entwickeln. Und später kompexere Use Cases dazufügen."
 
Wir nicht, die anderen schon...
Grössere und / oder aufs Cloud-Business fokussierte ICT-Dienstleister bauen eigene Cloud-Marktplätze und investieren viel in Automatisierung. Manche von ihnen empfinden die Cloud-Aktivitäten der Distributoren je länger desto mehr als Konkurrenz.
 
Bergerons Antwort auf den Vorwurf: "Einige Distributoren haben damit begonnen, ihre Partner zu konkurrenzieren. Wir machen das nicht. Unsere Rolle kann je nach Bedürfnis des Partners unterschiedlich sein. Sehr grosse Partner haben eine direkte Beziehung zu den Cloud-Providern und setzen nur unsere Software ein. Andere haben eine direkte Beziehung zu strategischen Herstellern, beziehen aber die anderen Lösungen durch Ingram Micro. Kleinere Service-Provider können alle unsere Lösungen brauchen. Wiederum andere können uns als Inkubator einsetzen. Sie beziehen eine Lösung erst durch uns und gehen dann eine direkte Beziehung zum Hersteller ein, wenn die Lösung wichtiger wird." Ingram Micro werde in einer Multi-Cloud-Welt für Managed-Service-Provider wichtiger, ist Bergeron überzeugt.
 
Und was bedeutet es für Ingram, dass Google und Microsoft eigene Cloud-Infrastrukturen in der Schweiz betreiben und selbst wieder Partner suchen? Auch auf diese Frage ist die Top-Managerin um eine Antwort nicht verlegen. "Unsere Beziehung zu Microsoft und Amazon ist gut. Dass beide sowohl direkt an Reseller wie auch über Distis verkaufen, ist Teil des Geschäfts. Microsoft hat nicht die Organisation, um eine Masse von KMU zu bedienen." Die grossen SaaS-Anbieter hätten tiefere Kosten, wenn sie über Ingram verkauften, als direkt an Service-Provider zu gelangen, so Bergeron. Sie nennt ein interessantes Beispiel: Obwohl Microsoft in Deutschland eine eigene Cloud-Infrastruktur anbietet, werden 95 Prozent der Microsoft-Cloud-Dienste, die über den Ingram-Marktplatz verkauft werden, aus dem grossen Datacenter in Holland bezogen.
 
Ingrams neuer Cloud-BU-Manager kommt von Bechtle
Bergeron stellt im Cloud-Business einen Trend zurück zum Distributionsmodell fest. "Vor drei Jahren wurden erst 50 Prozent der Cloud-Dienste über Partner bezogen. Heute sind es 75 Prozent. Die Enduser sehen die wachsende Komplexität und wollen sie los werden."
 
Dass das Cloud-Business auch bei Ingram Micro in der Schweiz an Gewicht gewinnt, wird aus einer Personalie ersichtlich. Neu gibt es den Posten des BU-Managers Cloud Solution. Michael Teniz, der den Job im April angetreten hat, ist ein Insider. Er war zuletzt Director Expert Sales bei Bechtle Clouds und zuvor Leiter der BU Managed Services bei Bechtle Friedrichshafen. (Christoph Hugenschmidt)