"Neues Geschäft fängt häufig mit kleinen Projekten an"

Gabriela Keller, CEO von Ergon Informatik
Ergon verzeichnet einen Umsatzrückgang von acht Prozent. CEO Gabriela Keller erklärt, warum. Und ob Ergon nun Nearshoring und Body Leasing machen wird.
 
51 Millionen Franken Umsatz erzielte Ergon im Geschäftsjahr 2018. Dies sei rund acht Prozent weniger als 2017, meldet der Zürcher Software-Entwickler.
 
Umsatzrückgang? Nachdem Ergon für das Geschäftsjahr 2017 noch eine Steigerung um 5,6 Prozent auf 56 Millionen Franken vermelden konnte? Umsatzrückgang, nachdem die Firma im ersten Halbjahr 2018 25 Millionen Franken Umsatz gemeldet hatte (minus 1,2 Prozent) und solides Wachstum bei den Bestandskunden bilanzierte? "Der Abschluss des grössten Kundenprojektes Ende 2017 stellte Ergon vor die Herausforderung, Umsatz und Auslastung entsprechend zu kompensieren. In diesem Kontext ist auch der im Jahr 2018 erzielte Umsatz zu lesen", lässt sich Gabriela Keller, CEO Ergon Informatik, in einer Mitteilung zitieren.
 
Schaut man sich 2018 an, so war das erste Halbjahr ziemlich stabil, trotz dem "Projektabschluss", aber das zweite Halbjahr lief offenbar viel schlechter. Darum die Frage an die CEO: Gibt es eine Erklärung dafür? "Unser Umsatz ist über die beiden Jahreshälften nicht immer gleich verteilt, dies ist stark von Verrechnungszyklen abhängig. Wir bestimmen jeweils nach fixen Kriterien Mitte Jahr den Halbjahresumsatz und kommunizieren diesen freiwillig aus Überzeugung für Transparenz. Aber ja, unser Umsatz ist im Vergleich zum Vorjahr um acht Prozent zurück gegangen", antwortet Gabriela Keller auf Anfrage von inside-channels.ch.
 
13,6 Prozent des Umsatzes mit Neugeschäft
Gleichzeitig gelang es Ergon laut Mitteilung, die Kundenbasis um 51 neue Kunden zu erweitern und insgesamt wurden 13,6 Prozent des Umsatzes mit Neugeschäft erwirtschaftet. Das bedeutet ein Neugeschäft von 6,94 Millionen Franken mit neuen und Bestandeskunden. Bei all den Neukunden scheint Ergon im Schnitt eher viele kleine Projekte zu erhalten. Können Sie hierzu etwas mehr sagen? "Viele der Neukunden stammen aus dem Airlock-Umfeld", so Keller. "Neues Geschäft bringt Vielfalt mit sich und fängt häufig mit kleineren Projekten an. Dazu gehören Beratungsmandate, Vorprojekte, oder auch Workshops, um die Kundenbedürfnisse zu identifizieren und konkretisieren. Das wichtigste ist natürlich der daraus gewonnene Kundennutzen. Oder auch Co-Innovationen, die gemeinsam mit Kunden betrieben werden, wo nicht der unmittelbare Profit, sondern die Innovation im Zentrum steht. Oftmals entstehen aus kleinen Projekten grosse Vorhaben", antwortet Keller.
 
Im Produktgeschäft stieg der Umsatz mit Airlock um 13 Prozent. Neben Neukunden aus der DACH-Region, UK und Luxemburg habe man auch in Singapur, China und Thailand Kunden akquiriert.
 
Sucht ihr weitere Vertriebspartner, falls ja, wo? "Ja, wir suchen weitere Vertriebspartner im Ausland, mit Fokus auf Deutschland, Österreich und Luxemburg. Auch die Romandie ist interessant. In Deutschschweiz sind wir gut aufgestellt. Unsere Partnerstrategie hat sich bestätigt: rund 70 Prozent des Airlock-Umsatzes wurden durch Partner geleistet. Über 100 Personen erwarben allein letztes Jahr an der Airlock Academy mehr als 150 Zertifizierungen", erläutert die Chefin.
 
1100 Personentage für neue Geschäftsfelder
Ergon ist ein spezielles Unternehmen mit eigenen Strukturen und einer aussergewöhnlichen Betriebskultur. Dementsprechend wurde auf den Umsatzrückgang nicht mit Stellenabbau reagiert. Stattdessen habe man die Zeit genutzt, um neue Bereiche und Geschäftsfelder aufzubauen. Wie schon im Rahmen des Halbjahresberichts gemeldet, interessiert sich Ergon speziell für AI, AR und IoT. Total habe man rund 1100 Personentage – umgerechnet mehr als vier Vollzeitstellen – für den Aus- und Aufbau investiert, so die Mitteilung.
 
Wie entwickeln sich die drei Zukunftsbereiche, wenn man sie einzeln betrachtet? Stimmt mein Verdacht, dass auch Ergon mit AR nicht so rasch viel Business macht? Gabriela Keller: "Wir sind zufrieden mit unserem Umsatz in diesen Bereichen. Wir erleben die Adaption von modernen Technologien analog zur Markt-Entwicklung. Technologie allein ist nicht alles, es braucht einen Bedarf, eine übergeordnete Digitalisierungsstrategie und natürlich Innovationsfreude des Kunden. Wir verkaufen selten einzelne Technologien. AR ist manchmal Türöffner, aber auch Teil eines Gesamtprojekts. Wir erleben, dass wir mit Kunden beispielsweise an einem IoT-Projekt arbeiten und Themen wie AR oder AI als zusätzliche Aspekte dazu kommen."
 
Im letzten Jahr, das man auch als Übergangsjahr sehen möchte, hat Ergon zudem Kompetenzzentren für IoT, Consulting, UX, Cloud und AR neu geschaffen beziehungsweise ausgebaut.

Und die Firma sagt, die Philosophie "Veränderungsbereitschaft, Flexibilität und Unternehmertum" zahle sich auch aus. "Das zeigen die vollen Auftragsbücher und alles deutet darauf hin, dass diese Entwicklung anhält," so die Mitteilung.
 
Bei allem Optimismus und der aktuellen Auslastung bedeutet weniger Umsatz schlicht weniger Umsatz. Es könnte länger dauern, bis man dies mit den neuen Einnahmequellen wettmacht. Und vielleicht könnte gerade Ergon mit Nearshoring und/oder Body Leasing auf Wachstumskurs finden.
 
Darum die Frage an Keller: Sind Nearshoring/Offshoring in der aktuellen Strategie vom Tisch oder bleibt dies noch ein Thema? "Wir entwickeln auch in Zukunft selbst und in der Schweiz. Die lokale Nähe ist Teil unseres Leistungs- und Qualitätsversprechens: direkte Zusammenarbeit mit den Kunden, das Vermeiden von unnötigen Schnittstellen. So kommen wir schneller und effizienter zum Ziel. Wenn wir mit eigenen Leuten kein adäquates Angebot machen können oder wollen, erwägen wir für Teilaspekte Partnerschaften", antwortet Keller.
 
"Mit Airlock sind wir international tätig", ergänzt sie und sagt: "Was wir nicht wollen: In der Schweiz Arbeitsplätze abbauen, um sie an einem anderen Ort 'günstiger' aufzubauen."
 
Und wie steht Ergon aktuell zum Thema Body Leasing? "Wir machen unverändert den grössten Teil der Projekte Inhouse und profitieren von der sofort verfügbaren Know-how-Dichte der verschiedenen Teams. Klassisches Body Leasing steht bei uns auch in Zukunft nicht auf der Agenda." (Marcel Gamma)
 
(Interessenbindung: Ergon ist seit 2004 (!) geschätzter Technologiepartner von inside-it.ch.)