In the Code: Von Papierformularen zu MyTaxWorld

Stefan Brunner
Die Eidgenössische Steuerverwaltung zeigt auf, wie sich das Steuerwesen dank FISCAL-IT digitalisiert. Ein Gastbeitrag von Stefan Brunner und David Lehmann.
 
Die Eidgenössische Steuerverwaltung (ESTV) hat Ende 2018 das Programm FISCAL-IT abgeschlossen. Die mit diesem Programm umgesetzten Projekte schaffen die Grundlage für die End-to-End-Digitalisierung zahlreicher Prozesse bei der ESTV. Parallel zu FISCAL-IT hat das Eidgenössische Finanzdepartement (EFD) am 1. Januar 2018 die Plattform Digitalisierung (DIP) in den operativen Betrieb gesetzt. Die dort angestellten Software-Ingenieure nutzen modernste Techniken, um das EFD in der Digitalisierung zu pushen. Bereits in wenigen Jahren sollen zahlreiche Papierformulare abgelöst und via die neu geschaffene Plattform "My-TaxWorld" erreichbar sein.
 
Ziel ist, dass die Steuerpflichten, die Kantone, Finanzinstitute bis hin zu Touristen, die mehrwertsteuerfrei einkaufen wollen, die gleiche Plattform nutzen – sei es auf dem Desktop oder via App auf dem Smartphone.
 
Die Pipeline an Neuentwicklungen ist bereits gut gefüllt. In diesem Artikel zeigt die ESTV auf, welche Neuerungen in naher Zukunft geplant sind und welche Technologien dafür zum Einsatz kommen.
 
Agile Projektentwicklung kombiniert mit modernsten Technologien
Basierend auf der Projektmanagementmethode HERMES hat die ESTV eine massgeschneiderte Vorgehensmethodik "HERMES 5.1 @ ESTV Agile" geschaffen.
 
Die aktuelle Architektur der Plattform "MyTaxWorld" der DIP basiert auf einer Micro-Services-Infrastruktur, die über mehrere Projekte aufgebaut wird. Die Fachapplikationen bestehen aus zwei Teilen: Einer Angular Single Page Applikation mit einem dazu passenden Backend, welches über ein REST API angesprochen wird. Durch die Kapselung von Funktionalität in Micro Services ist eine hohe Wiederverwendbarkeit gegeben. Mit diesem Ansatz kann redundante Funktionalität aus den Fachapplikationen ausgelagert und gemeinsam genutzt werden.
 
Die Micro Services und Backend der Fachapplikationen werden in Go (Golang) geschrieben. Aktuell verwenden die Services primär REST und JSON über HTTPS, möglichst zusammen mit HTTP2. Die Datenhaltung in Form von Datenbanken erfolgt pro Service und es wird keine Integration/Synchronisation der Services über die Datenhaltung angestrebt (Isolation).
 
Die Erfolgsfaktoren
Aufgrund unserer Erfahrung in der agilen Projektentwicklung kombiniert mit dem Einsatz von modernsten Technologien können wir folgende zentrale Erfolgsfaktoren hervorheben:
  1. Sprintabwicklung: Der Dauer und Strukturierung kommt eine zentrale Bedeutung zu. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass sich am besten Drei-Wochen-Sprints eignen. Das erste Projekt für "My-TaxWorld" wurde mit Zwei-Wochen-Sprints abgewickelt. Dabei zeigte sich, dass bei einer so kurzen Sprintdauer einerseits der "Sprint-Overhead" (z.B. Sprint Planning, Sprint Review, usw.) zu hoch ist und dass anderseits zu wenig Zeit für Bugfixing aus dem Testing des vorherigen Sprints bleibt.
  2. Visualisierung: Eine frühzeitige Visualisierung des gewünschten Ergebnisses in Interaktionen mit dem Kunden in einem Vorprojekt hilft, bereits vor dem eigentlichen Projektstart Missverständnisse zu vermeiden und eine gemeinsame Basis zu schaffen. Die Visualisierung erfolgt durch die Entwicklung eines Prototyps. Die Visualisierung des gewünschten Ergebnisses kombiniert mit dem parallelen Aufbau eines initialen Produkt-Backlog im Rahmen des Vorprojektes schafft wichtige und notwendige Voraussetzungen für das Management, um über den Start des Projektes entscheiden zu können. Der Prototyp ist auch im Rahmen der Entwicklung von nicht zu unterschätzender Be-deutung, um einzelne Themengebiete mit den Entwicklern abstimmen und näher bringen zu können.
  3. Erzielen von Ergebnissen: Oftmals werden Ergebnisse erzeugt, weil es die Vorgaben so vorsehen. Bei der Entwicklung der Vorgehensmethodik "HERMES 5.1 @ ESTV Agile" haben wir uns für jedes Ergebnis folgende Fragen gestellt: Warum erstellen wir es? Wozu dient es? Wer hat ein Interesse daran? Was geschieht damit nach Projektabschluss? Wann muss es vorliegen? Aufgrund der Fragen wurde einerseits klar, dass wir auf eine
David Lehmann
Vielzahl von Ergebnissen, die HERMES 5.1 klassischerweise vorsieht, verzichten können und andererseits, dass wir eine Vielzahl von Ergebnissen besser zu anderen Zeitpunkten als bisher vorgesehen erzeugen.
 
End-to-End-Digitalisierung von Prozessen/Produkten
Bei der Digitalisierung geht es nicht darum, ein bisheriges Papierformular eins zu eins elektronisch verfügbar zu machen!
 
Es braucht Kreativität und neue Denkmuster, um herauszufinden und zu bestimmen, wie der neue Prozess oder das Produkt aufgebaut werden soll, um von den Möglichkeiten der Digitalisierung möglichst stark profitieren zu können. Insbesondere dann, wenn es darum geht, einen bestehenden Prozess oder ein bestehendes Produkt zu digitalisieren. Zu diesem Zweck plant die ESTV in Zukunft sogenannte "Digital Agents" aufzubauen, die das Fach bei diesen Schritten unterstützen sollen.
 
Es gilt, auch Personen ausserhalb des Unternehmens, die eine bestimmte Rolle / Funktion ausüben, in den Prozess oder das Produkt einzubinden. Hierzu benötigt es eine nachvollziehbare und möglichst eindeutige Klärung der Identität der Personen. Die rechtlichen Voraussetzungen und Aspekte müssen genau betrachtet werden. Was bis dato in einem "Papier-Prozess" eines Produktes gelöst wurde und als rechtlich verbindlich angesehen wurde, kann in einem zu digitalisierenden Prozess zu einem echten Problem werden.
 
Wie stelle ich in einer digitalisierten Form die rechtliche Verbindlichkeit her? Diese Frage beschäftigt die ESTV derzeit stark.
 
Ein Beispiel anhand der Produkte SIA und AIA
Der "Spontane Informationsaustausch von Steuerrulings" (SIA) sowie der "Automatische Informationsaustausch über Finanzkonten" (AIA) sind im Kern ähnliche, aber in Teilgebieten doch verschiedenartig gelagerte Produkte.

Insbesondere der Aspekt, dass für SIA die betroffenen Unternehmen durch die ESTV und die Kantone eruiert und angeschrieben werden können. Dies ist bei AIA nicht der Fall. Beim AIA müssen sich die betroffenen Finanzinstitute selber registrieren und die geforderten Daten liefern.
 
Bei beiden Themen war es uns ein Anliegen, dass die Unternehmen die notwendigen Daten nur einmal oder nach Möglichkeit maschinell übergeben können. So wird für AIA eine "M2M"-Schnittstelle (M2M: Machine-to-Machine) angeboten, die es den Unternehmen erlaubt, die Daten direkt aus Ihren Applikationen an die ESTV zu übergeben.
 
Bei beiden Produkten hat geholfen, dass sogenannte "Greenfield"-Ansätze gefahren werden konnten, da es sich um neue Produkte handelt. So konnten die rechtlichen Voraussetzungen – im Fall AIA mit dem AIA-Gesetz sowie der AIA-Verordnung – geschaffen werden, die eine komplette Digitalisierung mit Ausnahme der Identifikation von Personen von Beginn weg ermöglichten.
 
Die Klärung der Identität der Personen muss mit einem einmaligen Fluss eines Dokumentes sichergestellt werden, da hierfür keine anderen Mittel bereitstehen:
  • Erstellung Benutzerkonto auf MyTaxWorld
  • Antrag auf Registrierung für AIA
  • Prüfung des Antrages (automatisiert oder halb-automatisiert; abhängig von den Angaben)
  • Automatisierte Erzeugung und Versand eines Dokumentes mit einem Code für einmalige Einlösung in der Applikation AIA in MyTaxWorld
  • Einlösung Code und fortlaufende Benutzung der Applikation AIA
Die in SIA und AIA aktiven Unternehmen können die Benutzerverwaltung selbst durchführen. Initial wird ein Benutzer berechtigt und diesem stehen dann verschieden Rollen und Rechte sowie Funktionen für die Benutzerverwaltung zur Verfügung.
 
Wohin führt die Reise für die Steuerpflichtigen?
Das Produkt MyTaxWorld soll langfristig als Plattform alle für den Steuerpflichtigen der ESTV notwendigen Produkte als eGovernment-Applikationen über einen einzigen Account verfügbar machen.
 
Seit Sommer 2018 ist SIA in MyTaxWorld verfügbar. Ab April 2019 wird AIA in MyTaxWorld verfügbar sein.
 
Geplant ist, dass im Laufe des Jahres 2019 ein Formular im Bereich Rückerstattung der Verrechnungsteuer sowie eine vereinfachte Abrechnung der MWST und ab 2020 CbCR (Country-by-Country-Report; ALBA-Gesetz; BEPS) den Steuerpflichtigen in MyTaxWorld zur Verfügung steht.
 
Gerade im Bereich der Rückerstattung der Verrechnungssteuer erhofft sich die ESTV viel. Jedes Jahr senden Personen aus aller Welt mehrere 100'000 Rückerstattungsformulare an die ESTV mit der Post. Schon mit den Ende 2017 neu eingeführten Systemen aus FISCAL-IT können heute gewisse Vorgänge innerhalb der ESTV (teil-)automatisiert abgewickelt werden, was vorher nicht möglich war.
 
Zurzeit müssen aber die eintreffenden Formulare allesamt noch gescannt werden, was fehleranfällig ist. Das gleiche gilt für die MWST-Formulare. Rund 64 Prozent der Unternehmen benutzen derzeit noch nicht den bestehenden Online-Service (SuisseTax). Diese Unternehmen will die ESTV mit MyTaxWorld adressieren. Gelingt es, in diesen zwei Bereichen den grössten Teil End-to-End zu digitalisieren, bedeutet dies für die Partner und die ESTV einen enormen Effizienzgewinn. (Stefan Brunner, David Lehman)
 
Über die Autoren:
Stefan Brunner ist Mitarbeiter ESTV Informatik und Programmmanager, David Lehman ist bei ESTV Informatik tätig als Leiter Softwareentwicklung DIP
 
Über "In The Code"
Wir laden monatlich eine Firma oder eine Organisation ein, aus der eigenen Praxis einen Diskussionsbeitrag für die Schweizer ICT-Community zu publizieren.