IBM und Red Hat machen Open Source salonfähig

Red-Hat-CEO Jim Whitehurst im Gespräch mit Ginni Rometty.
IBMs diesjährige Kundenveranstaltung "Think" in San Francisco stand ganz im Zeichen der Übernahme von Red Hat und der damit verbundenen Öffnung des Portfolios.
 
Open Source wurde in der etablierten IT-Welt über Jahre hinweg als eine Art Subkultur betrachtet. Doch mittlerweile hat sich diese Technologie auf breiter Front etabliert und das Jahr 2019 könnte zu einem Meilenstein bei der weiteren Open-Source-Nutzung werden. Diese Entwicklung zeichnete sich schon im vorigen Jahr ab, als viele Open-Source-basierte Startups auf den Markt kamen und es bemerkenswerte Akquisitionen gab. Dazu gehörte Microsofts Übernahme von GitHub, für die der einstmals erklärte Verfechter von proprietärer Software 7,5 Milliarden Dollar zahlte. Doch allen voran verursachte die 34 Milliarden Dollar schwere Übernahme des Open-Source-Spezialanbieters Red Hat durch IBM viel Wirbel.
 
Offenes Business-gerecht anpassen
In der Vergangenheit war IBM nur Kooperationspartner von Red Hat und fokussierte sich auf die Entwicklung von gemeinsamen Cloud-Lösungen und auf das Linux-Geschäft. Jetzt aber geht man davon aus, dass die Erweiterung des Portfolios um die Red-Hat-Produkte IBMs Position im Cloud-Markt stärken wird.
 
So sagte IBMs CEO Ginni Rometty auf der jüngsten Kundenveranstaltung "Think" in ihrer Keynote: "Die Übernahme von Red Hat hat uns zum weltweit führenden Hybrid-Cloud-Anbieter gemacht." In einem anschliessenden Gespräch mit Red-Hat-CEO Jim Whitehurst hob dieser vor allem die neue Marktbreite hervor: "Diese Übernahme ist ein Quantensprung für uns. Wir haben jetzt eine grössere Reichweite und erhalten Zugang zu vielen Ressourcen und Einrichtungen." Als er von Rometty nach dem speziellen Know-how von Red Hat befragt wurde antwortete er: "Als Open-Source-Provider sind wir es gewöhnt, verschiedene Technologien Business-gerecht aufzubereiten und komplett zu betreuen, das lässt sich dann auch auf andere Anwendungsfelder übertragen, denken wir nur an künstliche Intelligenz. Viele dieser Algorithmen sind völlig frei verfügbar und es gibt dazu auch eine ganze Menge Open-Source-Programme. Doch der entscheidende Punkt ist die Anwendung dieser Systeme und Techniken in einem gegebenen Business-Case – und genau da setzen wir mit unserem Wissen und unseren Erfahrungen an."
 
Open Source im Aufwind
Derzeit erfreut sich Open Source bereits einer breiten Akzeptanz. Laut der Linux Foundation nutzen 72 Prozent aller Unternehmen Open Source für nichtkommerzielle Zwecke und 55 Prozent setzen Open Source in kommerziellen Produkten ein. Dabei sei es für grössere Unternehmen offenbar leichter, ein Open-Source-Programm zu starten, als es bei kleineren Unternehmen der Fall ist. "Meist beginnen Open-Source-Projekte informell in einer kleinen Arbeitsgruppe oder mit einigen führenden Entwicklern und werden erst später offiziell eingerichtet", heisst es in einem Bericht der Foundation.
 
Cloud Foundry: Open Source für Multi-Cloud-Umgebungen
Neben der Linux Foundation zählt die Cloud Foundry Foundation (CFF) zu den weiteren Promotern von Open Source. Deren Ziel ist die Förderung der Inter-Operabilität
Egon Steinkasserer von Swisscom.
über viele Cloud-Plattformen hinweg, eine schnellere Software-Entwicklung und letztlich eine äusserst flexible Skalierbarkeit. "Unsere Plattform erfreut sich einer immer grösseren Beliebtheit, was sich mit vielen Zahlen belegen lässt. In den knapp vier Jahren seit unserem Bestehen haben wir es geschafft, dass die Hälfte der Fortune 500 Unternehmen mit unserer Plattform arbeitet", sagte Abby Kearns, Executive Director der Foundation in einer Podiumsdiskussion mit Rometty und anderen Open-Source-Experten. Hierin ging es auch um die Open-Source-Nutzung in den Rechenzentren, die in der Vergangenheit häufig sehr schleppend verlief, da sie von Sorgen und Ängste geprägt war. Dazu gehörte unter anderem die Ansicht, dass Open Source nicht sicher sei. "Das ist der grösste Unsinn, den man über Open Source sagen kann, denn es gibt keine andere Software, die von so vielen Experten genauestens unter die Lupe genommen wird, wie Open Source", sagte dazu Jim Zemlin, Chef der Linux Foundation während der Podiumsdiskussion.
 
IBM und Cloud Foundry – zwei Powerhäuser
In mehreren Fachvorträgen berichteten IBM-Experten über ihre Arbeiten im Rahmen der OS-Community. Ein Beispiel dafür ist die Zusammenarbeit mit der neuen Cloud Foundry Enterprise-Umgebung. Das ist eine Art On-Demand, Single-Tenant PaaS-Angebot, das in der IBM-Cloud angeboten wird. Damit lassen sich alle IBM-Cloud-Dienste in die CFF-Umgebung integrieren. Zu den Features gehören unter anderen eine Tenant-spezifische Umgebung mit optionaler Hardware-Isolation, Self-Service, On-Demand Bereitstellung innerhalb der IBM-Cloud, vollständige Administration der Cloud-Foundry-Plattform, Verfügbarkeit in vielen Regionen sowie die Möglichkeit, alle Cloud-Foundry-Applikationen innerhalb des IBM-Accounts auszuführen, "Wir bringen hier mit IBM und der CFF zwei Power-Häuser zusammen", sagte Tammy van Hove, Director Engineering bei IBM.
 
Einer der grossen Anwender der CFF-Plattform ist übrigens Swisscom. Laut Product-Officer Egon Steinkasserer basiert der Container-Service für die Swisscom-Unternehmenskunden auf einem von Pivotal modifizierten Kubernetes-Service der CFF-Plattform. Er nennt diesen neuen Service "Container-as-a-Service” (CaaS) mit dem Swisscom inzwischen über 30'000 Container hoste.
 
Geben ist wichtiger als Nehmen
Eines der bezeichnenden Merkmale von Open Source ist das "Nehmen und Geben". Was besagt, dass die Nutzer von Open Source diese auch weiterentwickeln und die Ergebnisse ihrerseits dann an die Community zurückgeben sollen. Doch die OS-Gemeinde besteht in erster Linie aus Menschen – und die nehmen bekanntlich lieber, als dass sie geben.
 
Rometty fragte deshalb in der Open Source Podiumsdiskussion in die Runde, was die einzelnen Mitglieder unternehmen, um die Entwickler auch zum Geben zu animieren. "Wichtig ist der Faktor Zeit. Entwickler stehen immer unter Strom, deshalb muss man ihnen die Zeit geben, damit sie bereit sind, Teile ihrer Arbeit so zu gestalten, dass sie der Community überstellt werden können", sagte Kearns über ihre Erfahrungen mit der CFF-Community. (Harald Weiss, San Francisco)
 
(Interessenbindung: Der Autor wurde von IBM an die Konferenz nach San Francisco eingeladen.)