Der Blockchain-Hype – braucht es "Ockhams Rasiermesser"?

Gianluca Miscione.
Warum man "Hype" und "Realität" bei Blockchain nicht unterscheiden soll, erklärt Professor Gianluca Miscione in der Kolumne "DSI Insights".
 
Alle paar Jahre erwächst aus dem Internet eine neue Technologie, die einen grundlegenden Wandel der Welt verspricht. Oftmals entwickeln sich diese Hypes jedoch nicht so, wie vorhergesagt wurde. Doch was auch immer am Schluss herauskommt, der globale Rummel um diese neuen Technologien mobilisiert enorme Ressourcen, was eine tiefgreifende und langfristige Wirkung auf Organisationen, Märkte und Gesellschaften haben kann: Das World Wide Web in Kombination mit Kreditkarten haben die Dotcom-Blase ausgelöst, die spektakulär platzte, aber auch die Grundlagen für den aktuellen E-Commerce legte.
 
Peer-to-Peer-Netzwerke schufen die Voraussetzungen für das Comeback von Apple durch iTunes und iPod, was wiederum das iPhone ermöglichte und damit die Smartphones in den Mittelpunkt der Informationsaktivitäten der Menschen setzte.
 
Die Bewegung für Freie und Open-Source-Software versprach, formale Organisationen durch offene Gesellschaften zu ersetzen. Obwohl sie dieses Ziel nicht erreichte, schuf sie mit dieser grossen Vision Technologien, auf die sich heute alle, auch multinationale Unternehmen, täglich verlassen.
 
Und nun ist die "Blockchain" die aktuell hochgelobte Technologie. Alle fragen sich: Wohin führt diese "Kette"? Was bringen ihre Anwendungen den Unternehmen, Mitarbeitern und Menschen? Ingenieure neigen in solchen Fällen dazu, Methoden aus den Naturwissenschaften anzuwenden, um Vorhersagen über die künftige Entwicklung einer Technologie zu machen.
 
Sind aber Menschen in die Phänomene involviert, funktioniert das nicht. Die Zukunft von digitalen Innovationen ist deshalb weitgehend unvorhersehbar – und dennoch bleibt das Bedürfnis, "Hype" von "Realität" zu unterscheiden. Mein Argument hier ist aber, dass diese Dichotomie irreführend ist. Wir sollten sie aufgeben, weil sie uns daran hindert, technologische Innovationen richtig zu verstehen und zu steuern.
 
"Der Hype ist echt"
So muss einem erstens klar sein: der Hype ist echt. Nicht in dem Sinne, dass er die Zukunft korrekt voraussagt, sondern in dem Sinne, dass es eine tatsächlich wirkende gesellschaftliche Kraft ist. Diese verändert die Zukunft, indem sie die Interessen und Ressourcen von Menschen aller Art anzieht, seien dies nun Investitionen oder menschliche Talente. Ohne die Hoffnungen und Erwartungen, die ein Hype weckt und in der Gesellschaft verbreitet, kann eine digitale Innovationen nicht stattfinden.
 
Dies gilt umso mehr, als private Geldgeber die öffentlichen Investitionen in die technologische Entwicklung nach und nach ersetzt haben.
 
Gerade die Blockchain-Technologie kam nicht aus etablierten Forschungszentren, sondern entwickelte sich aus Online-Communities und wurde weitgehend von privaten Geldern wie privaten Unternehmen, Risikokapital, Crowdfunding, oder der Erstausgabe von Crypto-Geld unterstützt. Diese Leute haben auch wegen dem Hype investiert.
 
Der Hype bewegte also echtes Geld und brachte Innovationen hervor, die sonst nicht möglich gewesen wären. Man mag hier zwar einwenden, dass wir immer noch auf umfassende Anwendungen von Blockchain warten und die meisten Menschen keine direkte Erfahrung mit dieser Technologie haben.
 
Doch ganz korrekt ist dieser Einwand nicht, denn Kryptowährungen haben – auch wenn viele dies nicht mögen – bereits global eine gewisse Bedeutung erhalten (siehe dazu z.B. DuPont 2018 und Morabito 2017. Literaturhinweise am Ende des Texts, Anm. d. Red.). An diesem Beispiel lässt sich die Innovation dieser Technologie auch gut erläutern, was nachfolgend kurz geschehen soll (für weitere Erläuterungen siehe Miscione et al. 2018 oder Ziolkowski et al. 2018).
 
Die wirkliche Innovation der Blockchain
Ein zentrales Charakteristikum der digitalen Welt ist, dass es bezüglich Daten keinen Unterschied gibt zwischen Original und Kopie. Da die Reproduktion und Verteilung von Informationsgütern fast keine Grenzkosten verursacht, war die Knappheit von Daten kein Thema. Mit anderen Worten, Informationsgüter sind nicht exklusiv, d.h. nutzt jemand ein bestimmtes informationsgut, sind die anderen nicht automatisch davon ausgeschlossen, wie dies bei Gütern der physischen Welt der Fall ist. Dieser grundlegende Sachverhalt ermöglichte denn auch Umwälzungen in bestimmten Wirtschaftszweigen, etwa dem Musik-Business und erlaubte neue Organisationsformen wie Freie und Open Source Software oder Wikipedia. Bei anderen Gütern funktioniert das aber nicht.
 
Gerade Geld sollte fälschungssicher, also von Natur aus exklusiv sein. Die inhärente Schwierigkeit der Eindämmung von Datenreplikation und -verteilung machte die Informationstechnologien effektiv, um die Transaktionskosten zu senken – im Fall von Geld will man aber gerade das verhindern.
 
Die Innovation der Blockchain besteht nun darin, dass sie auch digitale Informationsgüter "knapp" und exklusiv machen kann durch Techniken von so genannter Authentifizierung. Im Fall von Bitcoin bedeutet das beispielsweise, dass eine Blockchain ein einzigartiges und unveränderliches Register bereitstellen kann, dessen Integrität durch eine Kombination aus technischem-Design und Governance geschützt ist. Das Governance-Element besteht darin, dass jede Transaktion öffentlich ist, d.h. jeder im Register wird informiert, wenn eine Person A einer anderen Person B Geld in Form von "Token" gegeben hat.
 
Das technische Element besteht aus einem so genannten Hashing-Algorithmus. Dieser "versiegelt" die Transaktion dahingehend, dass eine schwierige Rechenaufgabe gelöst werden müsste, welche 51 Prozent der gesamten im Register vorhandenen Rechenkraft brauchen würde, damit die Person A gewissermassen das der Person B gegebene Token erneut "errechnen" und damit fälschen könnte. Durch diese zwei Massnahmen lokalisiert dieses Register jedes einzelne Token und unterscheiden es zu jedem Zeitpunkt von jedem anderen. In der Praxis können deshalb solche Token – welche natürlich auch nur aus einem digitalen Datensatz bestehen – nicht einfach kopiert werden, um Gültigkeit beanspruchen zu können. Dies wäre dasselbe, wie "Hundert Franken" auf ein Stück Papier zu schreiben, um damit einkaufen zu gehen.
 
Indem nun die Blockchain auch digitale Daten wieder "exklusiv" machen kann, ermöglicht sie eine Ausweitung der Nutzung digitaler Technologien auf Güter, bei denen diese Eigenschaft gefordert ist – beispielsweise für Transaktionen im Finanzbereich, bei Supply Chains, Rechte an geistigem Eigentum, Märkte von Gebrauchsgütern, Grundbücher etc. Der Vorteil der Blockchain besteht nun darin, dass man nicht auf eine vertrauenswürdige Institution angewiesen ist, welche die Echtheit dieser Güter bestätigt – im Fall des Geldes sind dies beispielsweise die Zentralbanken (diese können "Geld drucken") oder das Grundbuchamt (diese könnten die Einträge fälschen). Wenn immer also das Vertrauen zwischen den Transaktionspartner tief ist, wäre eine Anwendung der Blockchain-Technik grundsätzlich sinnvoll. Ist das Vertrauen aber vorhanden, sind bestehende, zentral beaufsichtigte Datenbanken wohl eine handlichere Lösung.
 
Zusammengefasst bedeutet das, dass Blockchain digitalen Technologien eine neue Eigenschaft verleihen (sie machen Informationsgüter wieder exklusiv). Damit ist keineswegs gesagt, dass in allen Anwendungen, wo diese Eigenschaft wichtig ist, künftig alles über die Blockchain laufen wird. Der Blockchain-Hype triggert aber Diskussionen darüber, wie grundlegende Institutionen und Organisationsformen in unserer Gesellschaft wie Geld, Grundbesitz oder geistiges Eigentum neu organisiert werden könnten. So wird dieser Hype auch dann Auswirkungen auf unsere Gesellschaft haben, wenn viele der heute diskutierten möglichen Anwendungsfelder der Blockchain sich als unpraktisch erweisen sollten.
 
Soll man auf einen Blockchain-"Königsweg" hoffen?
Mein zweiter Punkt ist, dass die Dichotomie "Hype" versus "Realität" aufgegeben werden sollte, weil sie verhindert, dass technologische Innovationen richtig gesteuert werden. In einem aktuellen Bericht eines grossen multinationalen Beratungsunternehmens wird vom "Blockchain's Occam Problem" gesprochen. Der Bericht verweist auf die berühmte These des mittelalterlichen Scholastikers Wilhelm von Ockham, wonach jeweils möglichst einfache Theorien zur Erklärung von Phänomenen anzustreben sind.
 
Oder mit anderen Worten: Wenn man mit konkurrierenden Hypothesen zur Lösung eines Problems konfrontiert wird, sollte man die Lösung mit den wenigsten Annahmen wählen.
 
Im Fall von Problemen, bei denen eine Blockchain anwendbar wäre, würde das bedeuten, dass man immer die einfachste verfügbare Lösung anwenden sollte. Dieser Gedanke ist an sich korrekt – doch die Frage ist, auf welchem Zeithorizont man sie anwenden sollte. Man gerät sonst in die Gefahr, dass die technischen Komplexitäten einer Blockchain dazu verführen, gleich jedes Blatt im sich bildenden Blockchain-Busch abzurasieren. Ein solcher kurzfristiger "Ockham-Rasierer" würde viele mögliche Innovationen gleich von Beginn weg unterbinden. Ein Verweis auf einen – negativ konnotierten – Hype ist deshalb kein zuverlässiger Leitfaden für den Rasierer.
 
Wie aber sonst sollen wir – Menschen, Organisationen und Gesellschaften – Blockchain und digitale Innovationen im Allgemeinen managen?
 
Offensichtlich ist eine unkritische Orientierung an den Verheissungen des Blockchain-Hypes falsch. Ein zu scharfes "Ockham-Rasiermesser" wiederum trägt die Gefahr in sich, neue, noch unerkannte Innovationen im Anfangsstadium abzuschneiden.
 
Wir müssen auch bedenken, dass Prognosen realweltliche Auswirkungen haben: Jemand nimmt den Regenschirm am Morgen mit, weil die Person der Wetterprognose glaubt, nicht weil sie weiss, dass es regnen wird. Verabsolutiert man den Glauben, dass eine bestimmte Blockchain-Anwendung funktioniert (oder nicht funktioniert), wird dies das tatsächliche (Nicht-)Funktionieren der Technologie in Zukunft beeinflussen.
 
Es bleibt uns deshalb nur die am wenigsten schlechte Möglichkeit: Raum für Experimente offenlassen und schauen, wie sich die Dinge entwickeln.
 
Wir sollten beobachten, wie sich die Blockchain-Szene in Zug, New York, oder Irland entwickelt – Woche für Woche, Jahr für Jahr, ohne auf einen "Blockchain-Königsweg" zu hoffen. Diesen Weg haben wir schliesslich mit allen anderen Technologien auch begangen, sei dies nun Elektrizität, Antibiotika, oder Kernkraft. Indem wir diese Technologie kontinuierlich weiterentwickeln, tragen wir am besten dazu bei, dass sie die Welt positiv verändern. (Gianluca Miscione)
 
Der Autor dankt Alexandra Palt, Stefan Klein, Tobias Goerke, Rafael Ziolkowski, Markus Christen und Daniela Landert für ihre hilfreichen Anmerkungen zu diesem Text.
 
Gianluca Miscione ist Tenured Assistant Professor der University College Dublin School of Business und aktuell Fellow der DSI. Er forscht seit über 15 Jahren zu Information und Organisation.
 
Zu dieser Kolumne: Unter "DSI Insights" äussern sich regelmässig Forscherinnen und Forscher der "Digital Society Initiative" (DSI) der Universität Zürich. Die DSI fördert die kritische, interdisziplinäre Reflexion und Innovation bezüglich aller Aspekte der Digitalisierung von Wissenschaft und Gesellschaft.
 
Literatur
 
DuPont, Quinn (2018). Cryptocurrencies and Blockchains. Cambridge: Polity. Link
 
Miscione, Gianluca; Ziolkowski, Rafael; Zavolokina, Liudmila; Schwabe, Gerhard (2018). Tribal Governance: The Business of Blockchain Authentication. Zugang: Link
 
Morabito, Vincenzo (2017). Business Innovation Through Blockchain. Cham: Springer International Publishing.
 
Ziolkowski, Rafael; Miscione, Gianluca; Schwabe, Gerhard (2018). Consensus through Blockchains: Exploring Governance across interorganizational Settings. In: International Conference of Information Systems (ICIS 2018), San Francisco, USA, 12 Dezember 2018 - 16 Dezember 2018.: Link