Schafft Oracle den Turnaround? (Teil 2)

Kyle York im Gespräch: "Die Cloud wurde für die Spotifys und Twitters gebaut".
Ist der Cloud-Rückstand aufgeholt? Ein Oracle-VP antwortet. Dabei öffnen sich Türen. Und es lauert Larry Ellison. Eine Analyse mit Drittmeinungen.
 
Wo steht Oracle im IaaS-Bereich? Hat der Konzern nun in Sachen Datencenters - einer Hybridstrategie aus eigenen RZs und Colocation - zur Konkurrenz aufgeholt? " Kyle York, Vice President, Product Strategy, Oracle Cloud Infrastructure, ist der richtige Ansprechpartner. York ist ein typisch selbstbewusster Oracle-Mann. Er sagt locker, Oracle habe keinen Rückstand aufholen müssen, denn die Cloud für Oracle-Kundenbedürfnisse habe noch gar nie existiert. "Wir mussten über die Oracle-Cloud ganz anders nachdenken als die reinen Cloud-Anbieter. Die Oracle-Stärken sind die Daten und die grossen Unternehmen. Hier geht es um andere Workload-Typen, sie sind datenintensiv, es geht um High Performance Computing und 'Enterprise lift and shift'. Es geht um Legacy-Systeme, Custom-Applikationen und Immobilien und Investitionen der letzten 20 Jahre!"
 
Der ehemalige Startupper wurde von Oracle mitsamt seiner Cloud-Firma Dyn übernommen und sagt: "Früher, als Dyn und Amazon die Cloud bauten, ging es um Websites und mobile Apps. Diese Cloud wurde für die Spotifys, Twitters und Angry Birds gebaut. Public Cloud hatte einfach nicht den Reifegrad, bei welchem sich Enterprise-Kunden wohl fühlen! Und York wiederholt das Mantra wörtlich: "Security, Security, Security!"
 
Nun sei Oracle bereit für den willigen Enterprise-Kunden. Man habe massiv investiert seit dem Launch einer Bare-Metal-Cloud 2016 in einer einzigen Location in Phoenix, Arizona. York sagt: "Wir haben nun globale Abdeckung und haben die Roadmap angekündigt. Und wir machten all diese Aquisitionen wie von Dyn, Zenedged, Wercker, SparklineData oder datascience.com." Zudem sei Oracle nicht im Silicon Valley zuhause, sondern in Seattle und das Oracle-Cloud-Team umfasse nun 16'500 Mitarbeiter.
 
Auf der Infrastruktur-Roadmap steht auch die Schweiz: Noch 2019 werde man ein RZ hierzulande eröffnen, das Banken oder dem Staat den Gang in die Cloud ermöglichen soll. Ob es ein eigenes RZ ist, oder Colocation, kann York nicht sagen und dies sei auch nicht wichtig: "Es geht nicht um das Physische, sondern was drin ist".
 
Also denn konkreter, Herr York: Warum soll eine Schweizer Bank in die Schweizer Oracle-Cloud statt in die angekündigte Schweizer Google-Banking-Cloud? "Wegen unserem Commitment zum Enterprise-Bereich und weil wir im Überfluss Expertise in Financial Services haben", antwortet der Cloud-Infrastruktur-Guru von Oracle.
 
Ob 40 Jahre Erfahrung wichtig sind? 40 Jahre könne man auch nicht so leicht kopieren, sagt jeder befragte Oracle-Vertreter unisono.
 
Nun, eine frische Erkenntnis erhielt man rund um die autonome Datenbank in einem Nebensatz: Mit dieser öffneten sich für die Oracle-Sales-Crews ganz neue Türen: "Businessseitig wollen CTOs und Developer Innovationen machen. Und bislang mussten sie dafür zu den IT-Departments gehen. Nun können sie selbst mit einem Mausklick ein Data-Warehouse provisionieren
Steve Daheb, SVP Oracle Cloud, im Gespräch.
und niemand steht zwischen ihnen und ihrem Coding" sagt der Datenbank-Chef Mendelsohn. Und der Oracle-Marketer Steve Daheb stösst ins gleiche Horn: "Plötzlich reden wir mit HR, Sales, Marketing, Finance über das Deployen von Oracle-Technologie."
 
Ob das stimmt, ist schwer überprüfbar, aber einleuchtend.
 
Der Larry-Ellison-Faktor
Gar kein Thema an den Medientischen oder auf den Rednerbühnen waren Aspekte, welche Oracle ernsthaft gefährden könnten: Das ist zum einen der Ruf von Oracle. Die Produkte sind nicht in der Kritik, aber die Firma schon, sei es mit den komplexen Lizenzfragestellungen, sei es mit Sales- und Audit-Praktiken: "Zumindest bei meinen CIO-Kollegen ist Oracle noch unbeliebter als SAP. Die meisten wollen sich eher unabhängig machen von Oracle-Technologie", sagt ein Schweizer CIO und in London zeigte sich bei einer nicht repräsentativen Umfrage, er ist sicher nicht allein.
 
Zweitens ist da Larry Ellison. Keiner der von uns beim Konferenzbesuch Angesprochenen ist überzeugt, dass der 74-jährige die neue Cloud-Welt und die damit einhergehende Firmenkultur wirklich begreift. "Ellison muss weg", hiess es mehrfach, wenn auch niemand dazu öffentlich stehen will.
 
Und drittens wäre da die Kostenfrage. Oracle war bislang im oberen Preissegment angesiedelt. Nun argumentiert man mit "Bring your own license" (einem Einmal-Gutschein in die Cloud) und dem Versprechen von Einsparpotential durch aaS-Lösungen und speziell dank der autonomen Datenbank. Diese Botschaft geht an die Kunden. Ein Schweizer Standard-Software-Anbieter und Oracle-Kunde sagt, die Preisgestaltung sei allerdings nach wie vor nicht leicht zu verstehen.
 
"Sie zahlen uns drei zu eins"
Investorenseitig klingt die Botschaft dann ganz anders: "Wenn ein Kunde, der unsere Unterstützung on-Premise bezahlt, in die Cloud geht, so bezahlt er uns mehr Geld", versprach CEO Mark Hurd laut 'Seeking Alpha' und 'Forbes' den Analysten schon 2017 rund um Quartalszahlen. "Sie zahlen uns nicht eins zu eins, sie zahlen uns nicht zwei zu eins, sie zahlen uns mehr wie drei zu eins. In einigen Fällen mehr als drei zu eins." Diese Botschaft hören hingegen die Kunden sicher nicht sehr gern.
 
So klingen Strategie, die aDB und die Oracle-Produkt-Präsentationen in sich stimmig. Und doch bleibt grosse Unsicherheit, ob der Konzern den Turnaround rechtzeitig genug schafft. Auch wenn dank des Lizenzgeschäfts und vorsichtigen CIOs noch ein paar Jährchen vergehen werden, bis man weiss, ob Oracle ein normaler Supertanker oder die Titanic ist. (Marcel Gamma, London)
 
Teil 1 vom 31.1.2019: Wie will Oracle seine Kunden in die Cloud bringen? Und was bremst den Durchbruch der "autonomen Datenbank"? Oracle-Verantwortliche antworteten.
 
Interessenbindung: Der Autor wurde von Oracle nach London eingeladen. Oracle zahlte Flug, Unterkunft und Verpflegung.