Von Hensch zu Mensch: Das Chaos bricht ein

Kolumnist Jean-Marc Hensch zeigt auf, was er vom inter­nationalen Hackertreffen 35C3 mitgenommen hat.
 
Hacker, das sind doch diese bösen Kerle, die in Computer einbrechen und Daten stehlen. Was hat dann der Exponent eines ICT-Wirtschaftsverbands um Himmels Willen an einem internationalen Hacker-Treffen zu suchen? Zugegeben: Am 35. Congress des Chaos Computer Club Deutschland (kurz: 35C3) läuft alles ein wenig anders als bei den übrigen Anlässen in der Leipziger Messe: Statt Anzugträger dominieren dunkle Hoodies mit wilden Parolen, statt Hostessen im Deux-Pièces wuseln freiwillige Helfer ("Engel") mit farbigen Warnwesten (Gilets jaunes!) herum. Und nachts behängen sich viele mit Lichtgirlanden oder verbreiten mit Leuchtdioden wichtige Botschaften (Typ "FCK AFD").
 
Wieso nachts? Die ersten Referate starten in der Regel um 11.30 Uhr – für die Frühaufsteher. Das Programm auf den fünf Bühnen geht aber pausenlos durch bis 03.00 Uhr. Wobei die Hallen sowieso so verdunkelt sind, dass auch tagsüber die flackernden Bildschirme neben fantasievollen Installationen die wichtigsten Lichtquellen sind.
 
Hacken wird hier natürlich in einem sehr umfassenden Sinn verstanden: Zwar gibt es die Referate darüber, wie man eine Smartcard knackt oder via Telefonleitung am All-in-one-Printer mit Faxfunktion in Netzwerke eindringt (wobei es konkret immer um schon gestopfte Sicherheitslücken geht). Aber unter Hacken fällt auch politische Arbeit (Hacken der Gesellschaft), gewaltfreie Kommunikation oder Yoga. Einen festen Platz hat seit langem schon das Lockpicking, sozusagen physisches 3D-Hacken, das man hier erlernen kann. In Deutschland ist der CCC mittlerweile (es gab auch andere Zeiten!) eine geachtete NGO, die in Sicherheitsfragen auch von offiziellen Stellen einbezogen wird (oder sich von sich aus lautstark äussert).
 
Die Teilnehmenden stammen – soweit ich das überblicken kann – mehrheitlich aus dem "progressiv-linksurbanen" Milieu. Ich fiel wohl nicht nur altersmässig aus dem Rahmen. Ich sah Langzeit-Studierende, Künstler, Paradiesvögel ohne festen Job, aber auch einen grossen Anteil an Profis für IT, Netzwerk, Telefonie etc. Letztere lassen sich die Kongress-Teilnahme als Bildungsurlaub abstempeln, so dass keine Ferientage draufgehen. Ein regelmässiger Teilnehmer, selbstständiger Unternehmer, berichtet mir, dass der Kongress für ihn von unschätzbarem Wert sei, weil er die besten Cracks in Spezialdisziplinen identifizieren und ansprechen kann, an die er sonst nie heran käme.
 
Viele dieser Menschen arbeiten in der ICT-Branche. In den IT-Abteilungen sind sie oft die hochqualifizierten Underdogs, welche unsichtbar ihre Arbeit verrichten, Support sicherstellen und bei Zwischenfällen eingreifen; sie sind der Backbone der Digitalisierung. Und am 35C3 findet ihr jährliches Klassentreffen statt, wo sie den Brotjob hinter sich lassen und sich ihren wahren Interessen widmen. Der Kongress ist weit mehr als ein verbandsinterner Anlass: Der CCC hat insgesamt 9'000 Mitglieder. Am diesjährigen Kongress nehmen jedoch 17'000 Personen teil – auch eine zünftige Anzahl aus der Schweiz. Der Talk der digitalen Gesellschaft Schweiz über Netzpolitik zwischen Bodensee und Matterhorn war übrigens vom Publikumsinteresse und vom Inhalt her eines der Kongress-Highlights.
 
Auffällig war für mich, wie rücksichtsvoll und höflich alle miteinander umgehen: Das ist man sich sonst weder von Messen noch von Deutschen gewohnt. Es gibt hier das Bewusstsein, zu einer bestimmten Community zu gehören, zu der alle Anwesenden automatisch gehören. Eine Serviererin in der Kongressgastronomie erklärte mir, dass der Unterschied für sie frappant sei, und dass dieser spezielle Geist schon im öffentlichen Verkehr auf dem Weg in die Messe zu spüren sei. Kinder sind nicht nur willkommen, sondern haben auch ihren eigenen Bereich. Riesen-Lego und Bällebad finden grossen Anklang, auch bei den Erwachsenen. Und abends dann gibt es auch Hacker, die das Bällebad nach Farben sortieren.
 
Am meisten allerdings hat mich beeindruckt, wie man ohne fest angestelltes Personal eine solche viertägige Grossveranstaltung nur mit Freiwilligen organisieren und ohne offensichtliche Pannen und Zwischenfälle durchführen kann. Die Zahl der Helfer dürfte vierstellig sein. Die Einrichtung besteht nicht nur aus Standbauten, sondern vor allem aus viel Technik. Die braucht es für die Video-Mitschnitte und das Streaming der Referate, mit separater Übersetzungsspur und Untertiteln; für die Signaletik, für das eigene interne Post- und Telefonnetz, für unbeschränktes Wifi und viel weiteren digitalen Schnickschnack. Und dann wacht noch das CERT (Chaos Emergency Response Team), zuständig für Brandschutz, technische Hilfeleistung und medizinische Versorgung.
 
Es gibt aber auch ein spezielles "Schiedsgericht", das Fälle von Belästigung intern prüft und entscheidet – #MeToo lässt grüssen.
 
Logischerweise habe auch ich dort gehackt, und zwar mich in den 35C3. Ich habe mich spontan als "Engel" gemeldet und mehrere Referate simultan mit-übersetzt. Oft habe ich mit meiner Kollegin in der Kabine Blut geschwitzt, wenn der Referent plötzlich von den Folien abwich und ein völlig unbekanntes Akronym verwendete, oder wenn das Englisch des Referenten sich als sehr russisch und superschnell erwies. Aber es war ein Erlebnis, auch selbst zur Veranstaltung beizutragen. Mein persönliches Fazit: Die Re:publica ist für Social-Media-Sissies, wer es wirklich drauf hat, geht zum CCC. Auch wenn natürlich Leipzig mit Berlin sonst nicht mithalten kann. (Jean-Marc Hensch)
 
Jean-Marc Hensch (59) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen, Hosting, Webkreativität und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.