Das war das Schweizer Channel-Jahr 2018

Neue Businessideen, das Rennen im Cloudbusiness, Turbulenzen im Markt für Online-Buchhaltung und ein schnell drehendes Personal-Karussell.
 
Das Channel-Jahr 2018 war durch zwei Trends geprägt: Einerseits eine hervorragende "IT-Konjunktur", andererseits den Wandel des Marktes. Die Nachfrage nach Manged Services steigt rasant, das Projektgeschäft hingegen schrumpft. Die Welt der ICT-Anbieter, der VARs, Reseller, Berater, Outsourcer und Distributoren verändert sich deshalb rasant. In der neuen Rubrik "New Business" haben wir im vergangenen Jahr mit Unternehmern und Managern aus der ICT-Welt über innovative Ansätze, veraltete Businessmodelle und Ansätze der Transformation gesprochen.
 
Giulio Poli, Head of Project Management bei Also Schweiz, erzählte im Januar vom Startup-Feeling beim Grossdistributor: Um neue Geschäftsfelder anzugehen, bildet man beim Disti kleine Teams, die sich mit Methoden aus dem Lean-Management wie kleine, bewegliche Startups verhalten sollen.
 
VRP Thomas Baggenstos und Geschäftsführer Michael Kistler vom Service-Provider Baggenstos boten im März Einblick in den radikalen Umbau des einstigen IT-Händler. Baggenstos hat nicht in eigene Infrastrukturen investiert, sondern setzt seit mehreren Jahren ganz auf die Microsoft-Cloud. Zwischenzeitlich stagnierte der IT-Dienstleister, doch seit zwei Jahren legt der Umsatz wieder zu.
 
Beim Klotener Service-Provider Entec empfing uns Geschäftsführer Marco Denzler im September betont optimistisch. Entstanden ist die Firma aus der Telematik-Abteilung der Schibli Gruppe und war vorerst ein Anbieter von Videokonferenz-Anlagen. Der CEO erzählte uns wie man sich zum IT-Full-Service-Provider entwickelte und dabei den Verkäufer abschaffte.
 
Diso-Gründer Peter Vögeli und Verkaufsleiter Daniel Meienberg erzählten im November, wie der Berner ICT-Dienstleister Diso ein modernes Cloud-Produkt auf den Markt gebracht hat. Der Weg dahin war nicht einfach: Denn das Produkt musste definiert und die richtigen Technologiepartner gefunden werden. Die beiden zeigten auf, welche Hindernisse sie angetroffen und wie sie diese überwunden haben.
 
Dauerbrenner war auch 2018 die Schweizer Welt der Cloud, die mit einigen Knüllern aufzuwarten hatte.
 
Im März kündigte Hiag Data mit grossem Knall an, ins Cloud-Business einzusteigen. Zusammen mit Microsoft und HPE lancierte die Tochter des finanzstarken Immobilienkonzerns Hiag die "Network Centric Multi Cloud 4.0". Unter dem seltsamen Begriff versteckt sich die Kombination von Glasfasernetz, einer eigenen Azure-Cloud und Zugang zu den Public Clouds.
 
Ebenfalls im März kündigte Microsoft an eigene Clouds in der Schweiz aufbauen zu wollen. Mittlerweile wurden auch einige Details dazu bekannt. Frühestens ab März 2019 wird es einfache IaaS- und PaaS-Services aus dem Zürcher und Genfer Rechenzentrum geben. Inside-chennels.ch weiss, in Zürich wird Microsoft seine Cloud bei E-Shelter und in Genf bei Safehost bauen. Im Dezember meldete der amerikanische Konzern dann bereits einen ersten Riesendeal: Demnach geht die UBS in die Schweizer Microsoft-Cloud.
 
Mit Google meldete ein zweiter Hyperscaler Ambitionen in der Schweiz an: Im Mai meldete der Internetgigant, dass er ab 2019 Cloud-Services aus Schweizer RZs heraus anbieten wolle. Details dazu sind noch nicht bekannt, aber laut Gerüchten, wird Google bei Green in Lupfig einziehen. Schliesslich gab Technologiechef Urs Hölzle im Oktober zu Protokoll, dass man mit dem geplanten Angebot vor allem die Schweizer Banken im Visier habe.
 
Auch Amazons Cloud-Tochter AWS wird in der Schweiz eine eigene, physische Cloud aufbauen, weiss man in der Szene. Dies alles scheint Six nicht zu beeindrucken: Im Oktober gab der Schweizer Finanz-Infrastrukturbetreiber bekannt, dass man ein Cloud-Angebot schaffen werde, wie es derzeit nur von "globalen Anbietern aus Amerika und China" zur Verfügung
gestellt werde. Neben einer "hochsicheren" Schweizer Cloud soll auch eine skalierbare globale Cloud lanciert werden, die strikt vom hiesigen Angebot getrennt werde. Im Dezember gab Six dann bekannt, dass man dafür mit Hiag Data eine Partnerschaft eingegangen sei.
 
Klara, Bexio, Swiss21.org, Run my Accounts: Das Gedränge im Online-Buchhaltungsmarkt wurde grösser.
 
Die Schlacht um die Digitalisierung der Schweizer KMU ging bereits im April in eine neue Runde. Eingeläutet wurde sie durch Klara, einem Startup, das der Axon-Firmengruppe gehört: Bislang hatte es beim Abacus-Bexio-Sage-Konkurrenten nur Lohnbuchhaltung gegeben. Nun kam die Fibu. Aber Klara hatte und hat viel grössere Pläne und investiert Millionenbeträge. Klara-Chef Renato Stalder erklärte uns im Gespräch im September die Hintergründe und die Strategie.
 
Ebenfalls im April verkündete Valiant, dass man das Online-Buchhaltungs-Angebot BusinessNet, das Swisscom und Run my Accounts zusammen entwickeln, rausschmeissen werde. Stattdessen ersetze man die Lösung mit Klara, werde aber auch Bexio einbinden, hiess es damals.
 
Für Bexio dürfte die Partnerschaft mit der Bank Valiant, die dann im September konkretisiert wurde, eine besondere Genugtuung sein, denn BusinessNet war der Versuch, eine direkte Konkurrenz aufzubauen. Bexio war im Juli von Mobiliar gekauft worden, tritt aber weiterhin unabhängig auf. Gerüchten zufolge liess sich der Versicherer den Deal 115 Millionen Franken kosten, um seine Position im KMU-Markt auszubauen.
 
Im Juni brachte ein Konsortium der drei Schweizer Software-Hersteller Abacus, Orphis und Glarotech ein komplettes, kostenloses Paket von Cloud-Lösungen für Kleinfirmen auf den Markt: Swiss21.org habe man "mit Funktionen und User-Experience deutlich aufgeholt. Wir werden gut dabei sein", sagte Geschäftsführer Damian Thurnheer damals. Live ging die Lösung dann aber doch erst im November. Die Verzögerung sei vor allem auf einen Umbau der Adresserkennung zurückzuführen, den man noch vor dem Launch durchziehen wollte, sagte uns der Co-Geschäftsführer Martin Regli.
 
Von Run my Accounts, das im August den ehemaligen Chef von Sage Schweiz als VRP geholt hatte, hörte man 2018 nicht so viel. Das Unternehmen betonte aber nach dem Rauswurf von BusinessNet bei Valiant, dass dies keine Bedeutung für das Weiterbestehen der Buchhaltungslösung von Run my Accounts habe. Man sei im Gegenteil "weiterhin sehr erfolgreich".
 
Zu allem Überfluss kam im Oktober mit der deutschen Online-Buchhaltungslösung "Buchhaltungsbutler" ein weiterer Anbieter auf den Markt. Die Schweizer Version der deutschen Cloud-Buchhaltung hat aber bislang noch keine Anbindung an Zahlungsverkehrslösungen.
 
Auch das Personalkarussell drehte sich 2018.
 
Bereits im Februar verliess Also-Urgestein Harald Wojnowski die Firma. Tom Brunner rückte per 1. März als Chief Customer Officer nach. Im September wurde dann bekannt, dass Wojnowski als Delegierter des Verwaltungsrates und CEO der Logic Group angeheuert hat. "Ich war nun relativ lange in der IT-Branche, aber Energie war immer ein zentrales Thema in meinem Leben und jetzt mache ich es zum Beruf", erklärt er den Wechsel in die Industrie.
 
Im März gab die Competec-Gruppe umfassende Änderungen im Management bekannt: Martin Lorenz wurde neuer CEO der Competec Holding und Marc Isler CEO von Brack.ch. Roland Brack fungiert weiterhin als Präsident des Competec-Verwaltungsrates. Markus Mahler, bis anhin CEO von Brack.ch und dem Distributor Alltron, zog sich aus dem operativen Geschäft zurück. Damit sei ein grosser Veränderungsprozess angestossen worden, hiess es von Seiten Competec. Der erste Schritt fand letzten November statt, als man beschloss, das Unternehmen aufgeteilt in B2B und B2C neu aufzustellen.
 
Ein weiterer branchenbekannter Manager machte sich im April selbständig: Andrej Golob, den man in der Szene als langjährigen Manager bei HP und später Swisscom kennt, gründete das Unternehmen Karldigital. Er habe bei HP, bei Swisscom und später auch bei Equatex immer wieder mit Transformation zu tun gehabt, so der 52-Jährige. Nun habe er keine Lust mehr, als Manager die Strategien von Grosskonzernen oder Investoren umzusetzen, sondern wolle sein eigener Herr sein.
 
Im Dezember verliess schliesslich Bedag-CEO Felix Akeret das Unternehmen Knall auf Fall. Er war erst seit September 2017 als CEO für Bedag tätig. Akeret wurde damals als Idealbesetzung angekündigt. "Der Grund für die Trennung sind unterschiedliche Auffassungen über die Geschäftsführung", so nun die offizielle Begründung. Mittlerweile wurden gleich zwei Interims-CEOs ernannt: Peter Schori, CFO, und Fred Wenger, Leiter Rechenzentrum, übernahmen gemeinsam die Aufgaben der vakant gewordenen Stelle.
 
In der VAD-Szene kam es ebenfalls im Dezember zum grosssen Knall. NetApp schmeisst Abo-Storage als Distributor raus. Künftig werden noch Tech Data und Also die Produkte des Storage-Herstellers vertreiben. AboStorage, der einen sehr grossen Anteil seines Umsatzes mit NetApp macht, wurde vom Entscheid völlig überrascht. In der Branche fragt man sich, welche Zukunft der VAD ohne den Löwenanteil des Umsatzes noch hat. Wir hatten die Story exklusiv. (Thomas Schwendener)