AWS wirft mit Neuerungen um sich

Der AWS-CEO Andy Jassy an der re:Invent. Photo: Harald Weiss
Ist es mit dem Cloud-Giganten schon so wie einst mit IBM: Niemand wird gefeuert, weil er AWS kauft?
 
AWS-CEO Andy Jassy konnte auf der diesjährigen re:invent-Veranstaltung erneut mit vielen Rekorden und Superlativen aufwarten. "Wir sind unbestreitbar die Nummer eins im Cloud-Markt", rief er gleich zu Beginn seiner Keynote den über 50'000 Teilnehmern zu. So sei der AWS-Marktanteil inzwischen auf über 51 Prozent angestiegen. Das ist mehr als dreimal so viel, wie der Anteil von Microsofts Azure-Plattform, die mit 13 Prozent auf Platz zwei liegt. Auf den dritten Platz hat sich inzwischen der chinesische Provider Alibaba vorgeschoben, der mit knapp fünf Prozent noch vor Google und IBM platziert ist.
 
Zu dem riesigen AWS-Marktanteil gehören dann auch entsprechende Finanzzahlen. Basierend auf den jüngsten Quartalszahlen ergibt sich ein AWS-Jahresumsatz von 27 Milliarden Dollar, das entspricht einem Plus von stolzen 46 Prozent. Auch bei den Ankündigungen lautete Jassys Motto: Darf‘s ein wenig mehr sein? Über 20 Neuheiten oder Erweiterungen präsentierte er in seiner Keynote, die nicht nur die klassischen IT-Infrastrukturen, wie Datenbanken und Cyber-Sicherheit betrafen, sondern natürlich auch die modernen Buzzwords, wie Künstliche Intelligenz, Machine Learning und Blockchain adressierten.
 
Von den Wolken in den Weltraum
Den Auftakt machte Amazons "Expedition ins Weltall". Zeitlich passend zur jüngsten Landung des Mars-Roboters "Insight" letzte Woche präsentierte man "Satelliten-as-a-Service". Der weniger irreführende Name wäre allerdings "Satellitendaten-as-a-Service". Hinter dem Namen AWS Ground Station verbirgt sich ein globales Gateway zu den immensen Datenbergen, die sowohl von den bereits bestehenden, als auch von den zukünftigen Weltraumsatelliten produziert werden. "Wir übertragen jetzt das Prinzip des Cloud-Computing auf die Nutzung von Satelliten-Daten", schreibt der AWS Chief Evangelist Jeff Barr in seinem zugehörigen Blog.
 
Laut Jassy hat man mit Ground Station eine neue Infrastruktur geschaffen, zu der nicht nur die IT- und Netzwerk-Einrichtungen gehören, sondern auch Antennen-Felder und spezielle Satelliten-orientierte Analytics. Hierzu nutzt AWS ein Netz an Satelliten-Basisstationen, die mit den AWS-Regionen verbunden sind. Einer der Pilot-Partner ist der Rüstungskonzern Lockheed Martin. Dessen Vice President Rick Ambrose sieht vor allem viele Möglichkeiten bei den neuen Low-Earth-Orbit Satelliten (LEO), die bald die Erde mit einem globalen Netz für den Internet-Zugang überziehen werden. Seiner Ansicht nach werden in Kürze 16'000 Satelliten die Erde umkreisen.
 
Neben Ground Station und dem neuen On-Premises-Angebot Outposts, über das wir bereits berichteten, gab es noch folgende bemerkenswerte Ankündigungen:
 
Neue Services für IoT.
Vier neue Dienste sollen die Datenerfassung im Bereich IoT und Edge-Computing vereinfachen. Dazu gehören IoT SiteWise, IoT Events, IoT Things Graph und IoT Greengrass Connectors.
 
EC2 unterstützt jetzt auch ARM-Prozessoren
Amazons Elastic Compute Cloud bietet drei neue Instances an. Die neuen A1-Instances basieren auf selbst entwickelten 64-Bit ARM-Graviton-Prozessoren, die 16 Kerne haben und mit Amazons Linux betrieben werden. Diese Instances sollen laut Amazon 45 Prozent günstiger sein, als die bekannten General-Purpose-Instances.
 
Schnelleres Training von ML-Anwendungen
Mit den neuen P3dn-Instances kann laut AWS die Trainingszeit von ML-Modellen von mehreren Tagen auf unter eine Stunde reduziert werden. Das liegt vor allem daran, dass der Datenaustausch zwischen der GPU und der Storage-Plattform S3 wesentlich verbessert wurde. Bis zu 100 Gbps sollen möglich sein, um acht Nvidia Tesla V100 GPUs, 96 Intel Xeon vCPUs und 1,8 TByte NVMe-based SSD-Units mit Daten zu versorgen.
 
Supercomputing auf AWS
Der neue Elastic Fabric Adapter (EFA) kann mithilfe des Message Passing Interface mehrere zehntausend CPUs verbinden und reicht damit in den Bereich des Supercomputing (HPC). Der Service ist als Preview auf den EC2 P3dn und C5n Instances verfügbar. Das HPC-Angebot soll im nächsten Jahr deutlich ausgeweitet werden.
 
Quantum Ledger und Blockchain
Mit QLDB bietet AWS jetzt einen hochperformanten, kryptographischen nicht rückwirkend änderbaren Ledger, der sich für alle Anwendungen eignet, bei denen mehrere Teilnehmer mit einem zentralen vertrauenswürdigen Ledger arbeiten müssen. AWS Blockchain ist ein komplett gemanagter Blockchain-Service, zum Erstellen und Betreiben von Blockchain-Anwendungen, bei denen viele Beteiligte in einer dezentralen Umgebung miteinander agieren, ohne dass eine zentrale Autorisierung erforderlich ist.
 
Hinzu kamen noch viele weitere Ankündigungen zu Neuerungen in den Bereichen Datenbank- und Storagefunktionen, Entwicklungsumgebungen für Roboter und autonome Fahrzeuge.
 
Schweizer Firmen deutlich progressiver als ihr Ruf
Dem in der Welt weit verbreiteten Vorurteil, dass die Schweizer Firmen sehr konservativ sind und neuen Lösungen gegenüber nicht aufgeschlossen genug seien, widersprach der Schweizer AWS-Chef Jim Fanning aufs schärfste. "Viele Schweizer Unternehmen sind Global Player, das heisst, um konkurrenzfähig zu bleiben müssen sie auf alle neuen Trends reagieren – so auch auf die jüngsten Cloud-Technologien", sagte er in einem Gespräch mit inside-it.ch. So könne AWS in der Schweiz auf eine Reihe solider Referenzkunden hinweisen. Dazu gehören unter anderen Swisscom, die Post, der Bund, Ringier und Endress + Hauser. Als besonders imposanten Anwendungsbeispiel nannte Fanning Novartis. Die Forschungsabteilung des Pharmakonzerns nutzte in einem Projekt 87'000 Prozessorkerne parallel. Früher hätten diese Berechnungen 39 Jahre gedauert – jetzt war der Job in neuen Stunden erledigt.
 
Doch nicht nur diese Mega-Workloads würden die Cloud-Nutzung fördern, sondern auch die einfache Skalierbarkeit, die Agilität bei der Software-Entwicklung und die Flexibilität der IT-Nutzung. Interessant findet Fanning den Trend der Blockchain-Nutzung, der sich in der Schweiz nicht nur auf Krypto-Währungen beschränkt, sondern auch viele Anwendungen in der Logistik und im Vertragswesen aufweist. Als Beispiel nennt er den Zürcher Incubator Trust Square, dessen Fokus auf alle erdenklichen Blockchain-Anwendungen liegt – insbesondere Smart Contracts.
 
Kosten sind ein Dauerproblem
Trotz der beeindruckenden Cloud-Erfolge verdichten sich aber auch die Hinweise auf einen gefährlichen Trend. Immer mehr Unternehmen sind entsetzt, wenn sie die ersten Abrechnungen erhalten, weil die Kosten deutlich über dem liegen, was veranschlagt wurde. Und weil die Kosten auch höher sind, als bei vergleichbaren In-House-Lösungen.
 
Die englische University of Reading hat solche Erfahrungen hinter sich. Für ihre Forschungsprojekte im Bereich der Metrologie benötigen sie häufig wechselnde Computerleistung – also ein typischer Fall für die Cloud. "Wir starteten zunächst mit einigen typischen Forschungsprojekten und alles verlief nach Plan", sagt Ryan Kennedy, IT-Chef für den akademischen Bereich. "Doch dann kam die Rechnung und löste eine Schockstarre aus", so Kennedy weiter.
 
Seiner Ansicht nach lag die Kostenexplosion an einer überzogenen und unnötigen Nutzung der verfügbaren Ressourcen. "Wenn man einem Forscher sagt: 'Hier hast du uneingeschränkte Computerleistung', dann wird gekauft, gekauft, gekauft – wir konnten das einfach nicht mehr managen", berichtet er über seine Erfahrungen und über die Gründe für die Rückkehr zu einer On-Premise-Lösung.
 
Bei AWS weiss man um diese Problematik. "Die Aufgaben unserer Solution Architekten beschränken sich nicht nur auf das Entwickeln von geeigneten Migrations-Strategien, sondern umfassen auch die Einführung geeigneter Governance-Massnahmen, mit denen die Kosten im Griff bleiben", sagt Fanning über die Vorgaben an seine Cloud-Experten. "IT-Kosten senken ist in unserer DNA und wir werden alles Erdenkliche unternehmen, damit unsere Kunden die Einsparungspotenziale auch voll ausschöpfen können", gibt er als Begründung für diesen besonderen Fokus an.
 
Der Höhenflug von AWS dürfte noch eine Weile anhalten. Mit derzeit bereits über 130 Services deckt der Cloud-Service fast alles ab, was eine IT-Abteilung zu leisten hat. Mit dem Hardware-Vorstoss in die Rechenzentren, macht AWS jetzt zudem auch den klassischen On-Premises-Anbietern Konkurrenz. Die Position von AWS ist derzeit vergleichbar mit der von IBM in den 80er Jahren. Das heisst, wer als CIO auf Amazon setzt, wird wohl kaum gefeuert. (Harald Weiss)
 
Ergänzung vom 6.12.2018: AWS liest inside-channels.ch äusserst genau und bittet um folgende Präzisierung: QLDB heisst korrekt "Amazon QLDB". Und im Bereich IoT biete der Gigant nicht "vier neue Dienste", sondern "vier neue AWS-Dienste". Immer um äusserste Korrektheit bemüht, streuen wir Asche auf unser Haupt. (Marcel Gamma)