Startup Healthbank will EPD-Silos aufbrechen

Statt die Daten des elektronischen Patientendossiers hinter den Mauern einzelner Player abzuschliessen, will Healthbank ein Bürger-Ökosystem für Patientendaten schaffen.
 
Die Potentiale des elektronische Patientendossiers (EPD), dass ab 2020 zunächst bei den Spitälern eingeführt wird, will das 2014 gegründete Startup Healthbank aus Baar aus der Silofalle befreien. Statt die dereinst anfallenden Patientendaten in den abgeschlossenen Systemen einzelner Player wie Versicherungen und Spitälern vorzuhalten, sollen sie von den Patienten aktiv in einem Ökosystem bewirtschaftet werden können, hiess es gestern in Zürich an der Mitgliederversammlung. Healthbank ist als Genossenschaft organisiert.
 
Laut CEO Reto Schegg hat Healthbank eine "bürgereigene Gesundheitsdaten-Transaktionsplattform" aufgegleist. Jeder Einzelne könne hier seine "Gesundheitsdaten aus unterschiedlichen Quellen und in verschiedenen Formaten speichern". Derzeit seien rund 250'000 Nutzer auf der Plattform registriert. Ihnen steht es offen, ihre Gesundheitsdaten über die Plattform durchaus auch weltweit tätige Institutionen beispielsweise für Forschungszwecke verfügbar zu machen.
 
Schegg streicht heraus, dass in Zeiten wo Apple, Samsung, Google, Facebook, Amazon oder Versicherungen mit unseren Gesundheitsdaten arbeiten, gerade die Neutralität, für die die Schweiz steht, wichtig sei. Und genau diesen Gedanken habe Healthbank aufgenommen. "Denn die Gesundheitsdaten sind unser Eigentum und sollten auch in unserer Obhut bleiben", so Schegg. Dies funktioniere aber nicht über Konstruktionen wo Kantone, Staaten, multinationale Unternehmen oder andere Player die Führung übernehmen: "Nur eine unabhängige Institution die genossenschaftlich organisiert ist und in der stabilen Schweiz steht, kann dies sicher und unabhängig übernehmen".
 
Technisch erfolgt die Datenweitergabe übrigens anonymisiert, so Schegg. Die Zugriffsberechtigung liege allein beim Patienten, wobei eine Zweifaktor-Identifizierung wie beim Online-Zugriff auf ein Bankkonto vorgegeben ist. Zudem sind alle Informationen verschlüsselt abgelegt sind. Laut Schegg garantiere diese Schweizer Lösung neben der Neutralität eben auch Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit.
 
Da die Plattform von der Menge der eingespeisten Datenbestände lebe, eröffne sie nicht nur Forschern sondern auch anderen Playern im Gesundheitsumfeld neue Geschäftsmodelle. Als Beispiel verweist er auf den deutschen Anbieter für Gesundheitslösungen B. Braun, der zusammen mit verschiedenen anderen Partnern via Healthbank dabei sei, ein offenes Diabetes-Ökosystem aufzubauen. Das Unternehmen baue nicht nur Maschinen um Insulin herzustellen, es biete auch Anwendungen zur Blutzuckerbestimmung und eine "Diabetes-Tagebuch" genannte App. Sie erlaubt den Patienten so ihre Daten kontinuierlich auf dem Healthbank-Konto abzulegen. Geben Diabetiker ihre Daten frei, lasse sich daraus ein optimierter Umgang mit der Erkrankung ermitteln.
 
Solche und ähnlich Kooperationen - etwa mit Medikamentenherstellern wie Galenica - will Healthbank kontinuierlich ausbauen. So bestehe inzwischen die Möglichkeit, die Daten von aktuell gut 200 Fitness-Trackern wie etwa Fitbit, Garmin, Misfit, Polar oder Withings den eigenen Informationen von Ärzten, Spitälern und anderen Gesundheitseinrichtungen hinzuzufügen. Noch bestehe aber die Schwierigkeit, die Datenbestände nach Standards auszuwerten. Die Arbeit, solche zu bestimmen, stecke in der Branche noch in den Kinderschuhen.
 
Klar sei jedoch, dass auch in der Schweiz die EPD-Informationen in einen viel breiteren Zusammenhang gestellt werden können, erklärt Schegg. Derzeit sei er oft auch international unterwegs, denn die Nutzung von Gesundheitsdaten mache nicht an Staatsgrenzen halt. Vielmehr seien solche Daten längst für die internationale Forschung interessant. Genauso wie international etablierte Dienstleistungen in der Schweiz genutzt werden.
 
Derweil ist Healthbank in Gesprächen mit weiteren Investoren und startet einen Security Token Offering (STO). "Wir stellten mit diesem digitalen IPO eine völlig neue Art der Finanzierung zur Verfügung", erklärt Schegg. "Damit kann jeder auf einfache Weise Miteigentümer von Healthbank werden und hat die Möglichkeit, vom wachsenden Wert des Ökosystems Healthbank zu profitieren".
 
Die so gesammelten Gelder sollen neben dem Marketing für die User-Gewinnung insbesondere in den Ausbau und die Skalierbarkeit der Plattform fliessen. Weitere Schnittstellen zu Anbietern von Gesundheits-Apps will man erschliessen und die in einem Rechenzentrum abgelegten Daten noch einfacher nutzbar machen. (Volker Richert)