Microsoft nimmt "NAV" wieder ernst

Microsoft und Schweizer Partner haben die neue Version von Dynamics 365 Business Central vorgestellt. Das ehemalige "NAV" ist mit Office 365 und Power BI verzahnt und wird teurer.
 
Fünf Microsoft-Partner der Gruppe "KMU Perspektiven" haben zusammen mit Microsoft Schweiz die neue Version von "Dynamics 365 Business Central" vorgestellt. Das Interesse war gross, der Saal im Oltener Neubau der Fachhochschule Nordwestschweiz gut gefüllt. Falls alle Anwesenden waren Vertreter von KMUs, die bereits die eine oder andere Version des ehemaligen "Navision" einsetzen. Eingeladen haben Acommit, Alpha Solutions, Boss Info, Data Dynamic und RedIT.
 
Am meisten Reaktionen aus dem Publikum rief eine Bemerkung von Angela Munz von Boss Info hervor. Sie sagte während ihrer Demonstration "die F8-Taste funktioniert noch" und löste erleichtertes Gemurmel im Publkum aus.
 
Beidseitige Integration in Office 365 und Power BI
Ihre Präsentation kam im Publikum durchaus gut an. Die neuen KMU-Komplettlösung mit dem unmöglichen Namen "Dynamics 365 Business Central" läuft vollständig im Browser. User oder Implementierungspartner können die Oberflächen flexibel und einfach durch Drag & Drop anpassen. So kann man beispielsweise grafisch dargestellte Kennzahlen auf dem Startbildschirm integrieren.
 
Auffallend und eine zentrale Qualität der neuen, "kleinen" KMU-ERP-Lösung von Microsoft ist die ganz enge Integration in Office 365. Wer eine Offertanfrage per Mail erhält, kann noch im Outlook-Client ein Angebot erstellen. Die Integration ist zweigleisig: Office 365 und Microsofts Reporting-Tool Power BI schreiben ohne Zutun in Dynamics 365 Business Central zurück. Das ist zum Beispiel für die Bearbeitung von Produktekatalogen äusserst nützlich.
 
Auswertungen mit Power BI sind in der Lösung integriert. Die Daten können auf Knopfdruck in Excel oder Sharepoint exportiert werden. Man hat an der Veranstaltung mehrfach betont, die Software nun auf ein durchgehendes Datenmodell aufbaut.
 
Wie Abacus: Business Central kann Rechnungen lesen
Zufälligerweise hat diese Woche auch Abacus die Neuerungen seiner ERP-Lösung den Partnern vorgestellt. Ein wichtiger Teil davon ist der Einsatz von KI-Funktionen für die automatische Verbuchung von Kreditoren-Rechnungen und Spesen, haben wir gehört.
 
Eine ganz ähnliche Lösung zeigt gestern nun Christoph Gehrig von RedIT. Business Central kann Rechnungen scannen, in Text umwandeln und (teilweise) automatisiert verbuchen.
 
Achtung: Steigende Preise
Lizenzen für die aktuelle Version "2018" von Business Central gibt es nur noch bis Ende März 2019. Die neue Version scheint gut anzukommen, Dynamics-Partner könnten vor einer Migrations-Welle stehen und tun gut daran, ihre Mitarbeitenden gut zu behandeln. Sie dürften sie in den nächsten 24 Monaten brauchen...
 
Für Anwender gibt es allerdings ein grosses "Aber". Die neue Version wird nur nach Anzahl User berechnet. Den Terminus "Concurrent User" gibt es nicht mehr. Ausserdem bekommen Microsoft-Partner keine Runtime-Version der Datenbank MS SQL-Server mehr. Kunden und Hoster müssen also eine Vollversion der Datenbank abonnieren. Um die Schmerzen etwas zu lindern, wird Microsoft bei der Umwandlung der Lizenzen zwei Concurrent User als ein neuer User berechnen, so Microsofts ERP-Chef Tom Plewniak.
 
Lohn und Zahlungslösung von Partnern
Weil Microsoft in Business Central selbst bisher keine Zahlungslösung nach dem neuen Standard ISO 20022 angeboten hat, haben die fünf Partner der Gruppe KMU-Perspektiven die Zahlungslösung selbst programmiert. Eine solche wird aber auch von Microsoft kommen, so Plewniak im Gespräch. Einzig eine lokale Lohnlösung wird es von Microsoft nicht geben.
 
Business Central "ganz wichtig"
In den letzten drei, vier Jahren konnte man den Eindruck bekommen, Microsoft glaube nicht mehr so richtig an die Zukunft des ehemaligen "Navision" und setze ganz auf AX als Technologie für die neuen Cloud-ERP-Lösungen.
 
Diese Wahrnehmung hatten wir gestern nicht mehr. Es gibt eine klare Roadmap für Business Central (halbjährliche Updates) und eine klare Partnerstrategie. Microsoft wird die Lösung nicht selbst vertikalisieren und setzte wieder ganz auf Partner, die sie anpassen und Zusatzlösungen im App-Marktplatz AppSource verkaufen sollen.
 
Angeboten wird Dynamics 365 Business Central von Microsoft selbst aus der Azure-Cloud, vorläufig aus Irland oder Holland. Partner können die Lösung selbst hosten oder Kunden können eine On-Premise-Version selbst betreiben. Diese ist am einfachsten anpassbar, weil es pro Kunden eine einzige, direkt angesprochene Datenbank gibt. Die Code-Basis von allen drei Versionen ist die gleiche, versicherte Plewniak. (Christoph Hugenschmidt)

Unser Kommentar:

Microsofts neuer Anlauf im KMU-ERP-Markt
 
Als Laie lässt man sich von einer Produktankündigung leicht überzeugen. Schliesslich erzählt der Anbieter nichts von all den Funktionen, die es noch nicht gibt und die man in der Schweiz aber unbedingt braucht. Und er sagt auch nichts über Nachteile und breitet den Mantel des Schweigens über – um ein Beispiel zu nennen – exorbitante Migrationskosten.
 
Trotzdem wage ich die Behauptung, dass Microsoft mit Dynamics 365 Business Central als ernstzunehmender Player in den KMU-ERP-Markt zurückkehrt.
 
Meine Argumente:
Erstens: Die Partnerstrategie stimmt wieder. Microsoft macht die Kernsoftware, die Partner lokalisieren die Lösung und passen sie an Branchen an. Möglicherweise stehen diejenigen Partner, die die Kraft haben, Migrationsprojekte zu stemmen, gar vor einem Boom.
 
Zweitens: Business Central sieht gut aus und ist in Office hoch integriert. Man kann ohne den Outlook-Client zu verlassen, schnell die Zahlungsmoral eines Kunden checken, um nur ein Beispiel dieser Integration zu nennen. Zudem kann man Oberflächen leicht konfigurieren. Ist das nicht das, was "Digital Natives" wollen?
 
Meine These: Die Zeiten, in denen es für die "local heroes" der KMU-ERP-Anbieter relativ einfach war, Kunden von Microsoft wegzulocken, sind vorbei. (Christoph Hugenschmidt)