Schweizer Software-Branche leidet…

Aus der im Auftrag des Branchenverbands ICTswitzerland von der Universität Bern erstellten Studie "Swiss Software Industry Survey" (SSIS) geht hervor, dass die Schweizer IT-Anbieterfirmen mit einer Verlangsamung des Wachstums und einer sinkenden Profitabilität rechnen, aber im grossen Stil zusätzliche Fachkräfte suchen und dies auch im internationalen Markt.

 
Dies zeigte die Präsentation des vierten SSIS. An der Studie haben 534 Firmen aus 21 Kantonen teilgenommen. Sämtliche Fragen, auch freiwillige, haben 335 Firmen beantwortet. Befragt wurden Standard-Software-Anbieter, Custom-Software-Anbieter, Integratoren, Consultants sowie Technologie- und Service-Provider aus der Schweiz.
 
In einer Bildergalerie zeigt inside-channels.ch einige der wichtigsten Resultate und nennt Thesen und Spekulationen dazu. (mag)
 
Interessenbindung: inside-channels.ch ist Medienpartner des Swiss Software Industry Survey. Er ist die Fortsetzung des Swiss Software Industry Index, der vom Berner Beratungshaus Sieber & Partner zusammen mit uns entwickelt worden war.

Die Profitabilität sinkt
Ein grosser Stimmungsdämpfer zuerst: Die Profitabilität (EBIT-Marge) der Schweizer Softwarefirmen rutschte vom Vorjahresniveau von 9,1 Prozent auf neu 6,7 Prozent ab. Das Schrumpfen gilt für alle Teilbranchen der Software-Industrie, nur die Anbieter von Standard-Software (inklusive SaaS) arbeiteten profitabler als im Vorjahr.

 
ICTswitzerland sagt, die EBIT-Marge sei 2017 schon niedrig, ergo unbefriedigend gewesen. Allerdings basiert die Einschätzung nicht auf einem deklarierten, spezifischen Referenzsystem wie dem Vergleich mit ausländischen Software-Märkten oder anderen Branchen. Es handelt sich um die Einschätzung des Dachverbands und Statements von Teilnehmern von Branchen-Workshops, so ein Studienautor.
 
Das weitere Schrumpfen der Margen kann unterschiedliche Gründe haben, aber Analysen bietet die Studie in dem Sinne nicht. Zum einen dürften Lohnsteigerungen für speziell gesuchte Fachleute verantwortlich sein, zum andern der oft beklagte Preisdruck, den grosse Anwender und die öffentliche Hand auszuüben scheinen. Es dürfte weitere Gründe geben.

Consulting in der Krise?
Schaut man sich die EBIT-Margen nach "Sub-IT-Branchen" an, so fällt auf, dass die Margen ganz unterschiedlich sanken. Am meisten betroffen sind Consulting-Firmen, deren Profitabilität 2017 noch überdurchschnittliche 11,5 Prozent betrug, nun aber auf durchschnittliche 6,7 Prozent abgesackt ist.

 
Custom Software-Hersteller fielen gar unter den aktuellen Branchenschnitt auf 5,5 Prozent Marge, während sie im Vorjahr laut SSIS 2017 praktisch normale Industrie-Margen eingefahren hatten.
 
In obiger Grafik zeigt sich, dass die Erosion nicht bloss Consulting-Firmen betrifft, sondern auch Consultants als Geschäftsfeld aller Software-Firmen. Gerade 5,9 Prozent ist die EBIT-Marge mit den einstigen Margenstars (2017: 11,8 Prozent).
 
Die deutlichen Dämpfer seien nicht auf unterschiedliche Studienteilnehmer 2017 und 2018 zurückzuführen, so Studienautor Thomas Huber. Es seien keine Ausreisser dafür verantwortlich.
 
Es lohnt sich, insbesondere den Zustand des Schweizer Consultings im Auge zu behalten: Es ist der grösste Umsatzbrocken der hiesigen Software-Industrie und ist auch als Geschäftsfeld von Software-Firmen ein bedeutender Umsatzlieferant, wenn nicht sogar je nach Firma der bedeutendste. Die Probleme im Segment und Berufsfeld zeigten sich auch in anderen Aspekten der Studie.

Consultants im Umsatz-Fokus
Welche Mitarbeiter tragen wieviel zum Erlös bei? Auch hier hat der SSIS aktuelle Zahlen: In der gesamten Software-Industrie blieb der Umsatz auf Mitarbeiter umgerechnet in etwa stabil bei 222'000 Franken. Wie in früheren Jahren verzeichneten die Custom-Software-Anbieter den niedrigsten Umsatz pro Mitarbeiter, während an der Spitze Mitarbeiter von Software-Integratoren und Technologie- und Service-Providern liegen. Sie sind rund 50 Prozent lukrativer geworden für Arbeitgeber.

 
Den grössten Einbruch verzeichneten im Kontext der EBIT-Margen nicht überraschend die Consultants. 2017 zeigte der SSIS einen Umsatz von 330'000 Franken pro Consultant. Sie lagen damit an der Spitze aller Mitarbeiter. Dieses Jahr sind es aber gerade noch rund 239'000 Franken, also erheblich weniger. Thesen zu den Gründen sind schwierig: Hat man viele Consultants eingestellt, die nun nicht genügend verrechenbar sind? Verzichtet man auf Beratung und stürzt sich in Goldgräber-Manier gleich in die Umsetzung von Ideen?

Langsameres Umsatzwachstum
Beim Umsatz wird von den Studien-Teilnehmern für 2019 noch ein Wachstum von fünf Prozent erwartet. Das sei verglichen mit den Angaben aus der Vorjahresstudie ein um neun Prozentpunkte langsameres Wachstum, so die Autoren.

 
Auf Subbranchen heruntergebrochen gibt es einige "Neo-Pessimisten". So hatten die Custom-Software-Anbieter laut letztjährigem SSIS für dieses Jahr noch 13,6 Prozent Umsatzwachstum, prognostiziert, sind es für 2018 nach der diesjährigen Studie noch 6,7 Prozent Wachstum. Dennoch bleiben sie ziemlich zuversichtlich, 2019 sollen es 8,8 Prozent mehr werden.
 
Standard-Software-Entwickler hatten 23,3 Prozent erhofft, aber fahren wohl nur 6,8 Prozent Wachstum ein. Das drückt auf die Stimmung, 2019 sollen es noch vergleichsweise bescheidene 5,7 Prozent werden.
 
Und die Consultants? Natürlich sind sie pessimistisch: 4,6 Prozent dieses Jahr und gerade mal 1,3 Prozent nächstes. Aber…

Mitarbeiter gesucht und dies rasch
… aber gerade im scheinbar gebeutelten Consulting werden Leute gesucht, in keinem Software-Bereich sind die Personalausbaupläne grösser (7,2 Prozent mehr 2018 und 2019 will man 16,7 Prozent mehr Consultants haben). Dahinter folgen Technologie- und Serviceprovider mit 8,2 Prozent Aufstockung des Headcounts in diesem Jahr und fast 20 Prozent nächstes Jahr.

 
Insgesamt werden Leute gesucht, im In- wie im Ausland. Bislang zeigen Studien, dass die Umsatzerwartungen etwa im Gleichschritt mit dem Personalwachstum waren. Dieses Jahr erwartet die Branche zum ersten Mal seit Studienbeginn (2014) nur ein moderates Umsatzwachstum, aber will viel mehr Leute einstellen. Thesen sind auch hier schwierig zu beweisen. Zwei Interpretationsmöglichkeiten sind uns eingefallen: Erstens könnte die IT-Branche bislang nicht die nötigen Leute gehabt haben, um zu wachsen. Oder zweitens, die Branche wird personalintensiver. Dritte Möglichkeiten gäbe es wohl ebenso.
 
Interessant sind die Absichten, noch stärker im Ausland Personal zu rekrutieren als in der Schweiz. Um 19,3 Prozent sollen die Beschäftigtenzahlen im Ausland wachsen 2019. Im Inland will man nächstes Jahr 13,5 Prozent mehr Leute beschäftigen. Das beschleunigte Wachstum gehe aber nicht auf Kosten der Schweizer: "Wer im Ausland wächst, der wächst auch in der Schweiz", so eine Aussage der Autoren an der Studienpräsentation.

Ausland wird immer attraktiver
Lange Zeit ging es der Branche mit Fokus Heimmarkt gut. Aber wer Leute im Ausland sucht, der glaubt auch ans Ausland. Darauf deuten nicht nur Rekrutierungspläne, sondern die höchsten, je gemessenen Umsatzanteile hin, die Schweizer Firmen im Ausland erzielen. 25 Prozent des Umsatzes machen hiesige Softwarefirmen im Ausland (2017: 14,5 Prozent). Dabei konzentrieren sich auf Märkte im nahen Ausland. Deutschland war schon früher wichtig und bleibt es auch, Österreich und Italien werden bedeutender, ebenso Luxemburg. Nur gerade zehn Umsatzprozente stammen nicht aus Europa, und in den USA läuft es wohl harzig: Stammten 2017 noch 9,9 Prozent der Exportumsätze aus den USA, so sind es jetzt noch 3,2 Prozent.

 
Die Studie liefert auch Antworten, wie Schweizer ins Ausland gehen: Sie exportieren primär eigene Leute in internationale Projekte und dies bevorzugt nach Deutschland. Laut Studie ist dies in etwa 30 Prozent der Fälle nicht erfolgreich. Aber davon lassen sich die Schweizer nicht entmutigen. 43,1 Prozent versuchen es ein zweites Mal, während acht Prozent einen Vertriebspartner suchen.

Sourcing bleibt wichtiges Standbein
Wenn Schweizer Firmen sourcen, dann zuerst unter Eidgenossen und dann im Nearshore-Radius von 3000 Kilometern. Osteuropa hat im Vergleich zum Vorjahr an Beliebtheit verloren, liegt aber immer noch auf Rang zwei mit 17,6 Prozent der Firmen. Stark angestiegen ist das Interesse an "Western Europe" (Frankreich, Portugal, Holland etcetera) mit 10,8 Prozent der Firmen, die von dort Leistungen beziehen.

 
Gut zu wissen: Auch Kamerun und Afghanistan tauchen auf der Länderliste von Sourcing-Ländern auf. Das klingt etwas ambitioniert und man wüsste gerne mehr über die Erfahrungen dieser Firmen (sie werden nicht namentlich genannt).
 
Eine Erkenntnis laut den Studienautoren: "Wenn eine Schweizer Firma etwas nicht gerne sourct, aber es tut, dann wird sie dies primär in der Schweiz tun". Längerfristige Trends – kommt man vom Off- und Nearshoring mit blauen Flecken in die Schweiz zurück? – kann man nicht aus den Zahlen herauslesen. Die Frage wurde in früheren Studien noch nicht so detailliert gestellt, darum
 
Auch müsse der Exportmarkt und der Sourcingmarkt nichts miteinander zu tun haben, so eine These. In gewissen Regionen – China wurde angesprochen – muss man tendenziell eher mit Einheimischen in den Markt eintreten, in Europa ist das weniger der Fall, aber auch dies sind Thesen und Einzelerfahrungen aus Gesprächen, nicht aus der Studie. (Marcel Gamma)