Prantl behauptet: Kapieren statt kopieren

Was kann man vom Silicon Valley wirklich lernen? Und welche Rolle spielt die Schweizer Kultur? Kolumnist Urs Prantl hat Antworten.
 
Die Inspiration für meine heutige Kolumne schöpfe ich dankbar aus dem neusten Editorial von Marcel Urech "Auf einem Auge blind", deren Lektüre ich an dieser Stelle sehr empfehle. Er geht dort der Frage nach, ob wir mehr Silicon Valley brauchen, beziehungsweise mehr von dem, was das Silicon Valley so erfolgreich macht. Und, ob wir daher die Erfolgsfaktoren aus dem Silicon Valley nicht (noch besser) kopieren müssten. Er kommt zum Schluss, dass die Schweiz (und die Schweizer IT-Branche) besser die eigenen Stärken und Einzigartigkeit betonen sollte, statt ihr eher fremde Erfolgsfaktoren mehr schlecht als recht zu kopieren. Obwohl Urech mit seiner Kolumne eigentlich schon alles sagt, will ich nochmals in die gleiche Kerbe hauen.
 
Brauchen wir mehr Silicon Valley?
Das Silicon Valley hat die grössten und profitabelsten Unternehmen der Welt hervorgebracht. Daran besteht kein Zweifel. Und, wir wären ja dumm, würden wir uns als Unternehmer nicht anschauen, was diese Firmen so erfolgreich macht. Und dann daraus lernen. Spätestens jetzt dürfen wir aber nicht den Fehler machen und die identifizierten Erfolgsfaktoren – mehr Venture Capital, mehr Mut zum Risiko, mehr Innovationen, mehr Optimismus, etcetera – einfach blind kopieren und mit Gewalt in unsere Unternehmen hineindrücken. Damit werden wir nicht erfolgreich(er), sondern wir werden scheitern. Und zwar so, wie der überwiegende Teil der Startups im Valley übrigens auch scheitern.
 
Culture Eats Strategy for Breakfast
Auch wenn Unternehmen in ihrem Inneren eine eigene Unternehmenskultur begründen, so sind sie doch auch ein fixer Bestandteil der um sie herum herrschenden Gesellschaftskultur. In unserer stark wirtschaftlich geprägten Schweiz, wo sich ausserdem ein Grossteil der Menschen über ihren Job definiert und identifiziert, prägen die Unternehmen die Gesellschaftskultur entscheidend mit. Umgekehrt gilt dasselbe. Jeder Mensch im Unternehmen ist gleichzeitig auch Teil der Gesellschaft und wird daher von deren Kultur geprägt und trägt diese in seine Firma hinein. Lange Rede, kurzer Sinn: Unternehmenskultur und Gesellschaftskultur beeinflussen und prägen sich gegenseitig und bilden im Endeffekt ein untrennbares Ganzes, ein "chemischer Mischmasch".
 
Hier liegt denn auch die Ursache, weshalb es für hiesige Unternehmen keinen Sinn macht (sogar gefährlich sein kann), wenn sie Erfolgsrezepte aus dem Silicon Valley blind kopieren. Gleichzeitig macht es auch keinen Sinn, wenn die Politik dies fordert, wie sie es teilweise tut.
 
Denn das Silicon Valley liegt an der Westküste der USA. Dort herrscht in ganz wesentlichen gesellschaftlichen Kernthemen eine völlig andere Kultur als in Mitteleuropa. Als Folge davon haben sich auch komplett andere Unternehmenskulturen entwickeln. Aus diesen nun einzelne Erfolgsaspekte zu extrahieren und in unsere Unternehmen einzupflanzen, kann nur scheitern. Denn sie finden ausserhalb keinen Rückhalt. Sie schweben quasi im luftleeren Raum. Nicht selten widersprechen sie den herrschenden gesellschaftlichen Konventionen sogar diametral.
 
Diesen Graben kann die beste Strategie nie überwinden. "Culture Eats Strategy for Breakfast" erkannte Peter Drucker schon vor vielen Jahren. Und das gilt unbestrittenermassen auch heute im Zeitalter des digitalen Wandels.
 
Silicon Switzerland: Kapieren und daraus Einzigartiges schaffen
Die Lösung liegt also nicht im "Kopieren", sondern im "Kapieren". Ich will als Unternehmer von den Erfolgreichen im Silicon Valley lernen, ich will sie verstehen und dann das Gelernte mit unseren Werten, Stärken und unseren Alleinstellungsmerkmalen zu etwas Neuem, Einzigartigem verbinden. Idealerweise zu etwas, was sich von den Playern aus dem Silicon Valley klar differenziert und nicht einfach mit ihnen konkurriert.
 
Wie Marcel Urech schreibt, hat die Schweiz dazu einiges zu bieten: "Und die Schweiz? Sie sollte lieber ihre eigenen Stärken betonen, anstatt dauernd auf das Ausland zu schielen. Dieses beneidet uns nämlich um die wirtschaftliche und politische Stabilität, die tolle Infrastruktur und den hohen Bildungsstand der Bevölkerung. Auch unsere demokratischen Mitbestimmungsmöglichkeiten sind in dieser Form einmalig".
 
Spannenderweise sieht das ganz aktuell auch unser Bundesrat Alain Berset so. "Die Digitalisierung sei eine stille, aber gewaltige Revolution, sagte Berset weiter. Bei solch grossen Umbrüchen stelle sich nicht nur die Frage, was geändert werden müsse, sondern auch, was beibehalten werden soll. Zu Letzterem gehöre die gut schweizerische Balance aus Wettbewerbsfähigkeit und sozialem und regionalem Ausgleich, aus Förderung der wissenschaftlichen Spitze und einem sehr guten Bildungssystem," schreibt inside-channels.ch. Ich kann Berset nur beipflichten.
 
Wenn wir das gut machen, dann können wir ein Silicon Switzerland erschaffen, welches Erfolgsaspekte aus der Digitalisierung mit unserer Kultur zu etwas Neuem, Einzigartigen und extrem Nutzen stiftendem verbindet. Basierend auf Verständnis und cleverer Weiterentwicklung und nicht auf blinder Begeisterung und Nachmacherei. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (56) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Mit seiner Mission "wir kreieren zukunftssichere Unternehmen" begleitet er als Strategiementor seit Ende 2011 KMU-Unternehmer aus der ICT auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.