"Das wird sicher eine spannende Frage sein"

Was sagen Schweizer Red-Hat- und IBM-Partner zur Übernahme des Open-Source-Giganten durch Big Blue? Inside-channels.ch hat nachgefragt.
 
IBM kauft Red Hat. Es ist der drittgrösste Tech-Deal der US-Geschichte. Und er kann Auswirkungen auf das Produktportfolio und das Schweizer Business haben. Wie schätzen Schweizer Stakeholder dies ein? Die Reaktionen reichen von Verblüffung bis zu Begeisterung.
 
"Wir waren alle natürlich sehr überrascht", sagt Mark Waber, CEO des Berner Open-Source-Spezialisten Puzzle ITC und Premier Business Partner von Red Hat. Auch Adesso-CEO Hansjörg Süess zeigt sich auf Anfrage verblüfft. Aus Sicht von IBM sei die Übernahme "ein logischer, nachvollziehbarer Schritt vor allem mit Blick auf deren Angebotsportfolio". Auch für den stark wachsenden Open-Source-Anbieter kann der alle überraschende Schritt Sinn machen: "Bestimmt hätte sich das Wachstum über die Zeit verlangsamt. Kann gut sein, dass man dieser Abschwächung vorbeugen wollte. Von daher genauso nachvollziehbar", glaubt Süess.
 
"Für IBM ist diese Übernahme sicher sehr sinnvoll, dadurch sind sie auf einen Schlag einer der Grossen im Open Space Umfeld", so Stefano Camuso, Managing Director von T-Systems Schweiz.
 
"Als jahrelanger Red Hat und IBM Partner sieht Adfinis SyGroup dem Merger gespannt entgegen. Das Red Hat-Portfolio erweitert das IBM-Angebot um interessante neue Lösungen und gerade im Cloudumfeld entsteht rund um Kubernetes- und SAP-Workloads eine sehr spannende Plattform", sagt Nicolas Christener, CEO und CTO bei Adfinis SyGroup. "Wir sind überzeugt, dass das Open Source Ökosystem weiter beschleunigt wird und der Trend hin zu offenen Lösungen auch in sehr klassischen Enterprise Disziplinen weiter gestärkt wird."
 
Martin Gartmann, CSO und Leiter Business Development & Sales bei UMB, sagt: "Das ist eine freudige Nachricht!" Und das ist es aus seiner Sicht, denn UMB hat sowohl bei IBM wie bei Red Hat den höchsten Partnerstatus. "Es ist eine Bestätigung unserer Strategie", so Gartmann.
 
Auch Swisscom zeigt sich positiv: "Wir sehen uns mit unserem Angebot hier gut positioniert", so Swisscom-Sprecher Armin Schädeli.
 
Etwas anders sieht es aus Sicht von Puzzle ITC und Adesso aus: "Für uns als Premier Red-Hat-Partner Middleware stellt sich vor allem die Frage, wie sich die Zukunft in diesem Bereich gestalten und was nebst den Cloud Anwendungen (Openshift) und Linux dann strategisch weiter vorangetrieben wird". Der Puzzle-Chef meint: "Zentral ist, ob das Versprechen zur Weiterführung der Open Source Strategie eingehalten wird. Das hat Red Hat für uns ausgemacht und deshalb waren wir auf einer Linie mit Red Hat. Falls mehr in Open Source Technologien investiert wird, kann dies sogar eine Chance für unsere Kunden und uns sein."
 
"Als Adfinis SyGroup erhoffen wir uns durch die Marktposition von IBM ein weiter beschleunigtes Wachstum in der Adaption von Open Source Lösungen im Enterprise-Umfeld und so eine noch grössere Nachfrage nach unserem Kerngeschäft", hofft Christener.
 
"So kann die Übernahme gelingen"
Zwischenfazit: IBM peppt sein Cloud-Geschäft massiv auf, erhält zeitgemässe Open-Source-Lösungen ins eigene Portfolio und könnte mit der Übernahme auf den Erfolgsweg zurückkehren. Was ist entscheidend für das Gelingen der Übernahme? Wie wichtig ist die Betriebskultur? Von aussen wirkt Red Hat agil und dynamisch, IBM gilt als klassisches US-Unternehmen: Sehr organisiert.
 
Ginni Rometty, IBM-CEO, hat in einer Telefonkonferenz gesagt, sie sei von der Red-Hat-Kultur überzeugt.
 
Sowohl Adesso-CEO Süess wie UMB-CSO Gartmann halten die Kulturfrage und Eigenständigkeit von Red Hat für zentral: "Wenn IBM clever ist, dann lässt IBM Red Hat weitermachen wie bisher", so Süess. "Wenn Red Hat eigenständig bleibt, so kann die Fusion gelingen", so Gartmann. Camuso teilt diese Meinung: "Wir werden die Übernahme von Red Hat gespannt verfolgen, denn hier prallen zwei komplett verschieden Welten aufeinander.
 
Offen ist auch, was aus den teilweise konkurrierenden IBM- und Red-Hat-Produkten wird (auch wenn Rometty und Red-Hat-CEO Whitehurst keine Überlappungen erkennen wollen). Was wird es sein? JBoss oder IBM WebSphere? Der Adesso-CEO wettet auf JBoss. Waber sagt: "Das wird sicher eine spannende Frage sein".
 
Interessant dürfte auch sein, ob die These stimmt, die ein nicht genannt sein wollendes Unternehmen äussert: "Wenn der Zusammenschluss wie geplant zustande kommt, so wird dies den Hyper-Converged-Markt stark beleben". Ob dies so disruptiv sein wird, bezweifelt ein Befragter, der ebenfalls nicht genannt werden will.
 
Im Channel gebe es schon rein aus geschäftlichen Gründen keinen Grund zu Veränderungen, betonten Paul Cormier, Red Hat President Products and Technologies, Und Arvind Krishna, Senior Vice President, IBM Hybrid Cloud an einer Telefonkonferenz.
 
Unverhoffte Chancen in Altstetten
Was nun? Sucht man IBM-Spezialisten? Süess lacht und winkt ab. UMB muss nicht einmal Mitarbeiter-Arbeitsplätze zügeln: "Die IBM- und Red-Hat-Spezialisten arbeiten schon heute vereint in einem Team zusammen". Und Puzzle? "Sicherlich werden wir die Entwicklung genau beobachten und Gespräche mit Red Hat führen", kündigt Mark Waber an. "Gegenüber Open Source-Technologien, welche in unser Portfolio passen und für die ein Marktbedürfnis besteht, ist nichts einzuwenden."
 
Adesso hatte bislang keine so tiefe Partnerschaft mit IBM wie mit Red Hat, und es zeigen sich unverhofft ganz neue Chancen: "Für uns kommt der bevorstehende Umzug ins IBM-Gebäude in Zürich-Altstetten gerade richtig und bringt die notwendige Nähe". Mit 80 Mitarbeitern wird die Firma schon Mitte Dezember an der Vulkanstrasse einziehen, in Büroräume, die IBM nicht mehr benötigt.
 
Mutmasslich hat es bei IBM auch Platz für Red Hat Schweiz, falls denn eine Standortfrage auftauchen sollte. Für manche Red-Hat-Mitarbeiter aber würde dies ein schwieriger Arbeitsweg: Für diejenigen unter ihnen, die von IBM zu Red Hat gewechselt haben.
 
Ganz unklar ist, wie Microsoft und Suse reagieren werden. Die beiden sind ja seit einiger Zeit verbandelt. (Marcel Gamma)
 
Update 30.10.2018: Der Artikel wurde um die Einschätzungen von Stefano Camuso ergänzt.