Prantl behauptet: Alles, was digi­talisiert werden kann, wird digi­talisiert

...und zwar bald. Ein Drittel der Schweizer KMU glaubt nach wie vor, die Digitalisierung gehe sie nichts an. Das ist eine fatale Fehleinschätzung. Gleichzeitig glaubt fast die Hälfte der KMU, dass ihnen die Digitalisierung mehr Chancen als Risiken bietet. Sie irren sich. Wieso das so ist, diskutiert Urs Prantl in seiner heutigen Kolumne.
 
"Alles, was digitalisiert werden kann, wird digitalisiert". Diese Feststellung ist alles andere als neu. Wer nach dieser Aussage googelt, findet sofort hunderttausende Ergebnisse. Was mich aber stutzig gemacht hat, war die kürzlich veröffentlichte CS-Studie "Verschlafen viele hiesige KMU die Digitalisierung", die unter anderem feststellt, dass ein Drittel der befragen KMU glaubt, die Digitalisierung betreffe sie in absehbarer Zeit nicht. Zusätzliche 24 Prozent stimmen dem teilweise zu.
 
Dieses Ergebnis ist alarmierend, sind doch die Zeichen für die immer schneller um sich greifende Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche (egal ob B2C oder B2B) mehr als überdeutlich. Den Schuss müsste also – so könnte man meinen – mittlerweile jedes Unternehmen gehört haben. Zieht die Studie hingegen das Fazit "die Wettbewerbsfähigkeit von Schweizer KMU ist gegeben und nachhaltig" und "die Schweizer KMU-Landschaft ist trotz steigender globaler Konkurrenz solide aufgestellt", so finde ich dies – gelinge gesagt – reine Augenauswischerei.
 
"Die Digitalisierung betrifft uns in absehbarer Zeit nicht", ist eine komplette Fehleinschätzung. Es ist auch nicht so, dass die Digitalisierung erst kommt, sie ist schon da. Mittlerweile auch für alle Ignoranten und Skeptiker unübersehbar in vielen Branchen wie Handel, Tourismus, Finanzdienstleistungen, bei den Druckereien und Verlagen etc. Und, dort wo sie noch nicht (für alle sichtbar) angekommen ist, wird sie so sicher wie das Amen in der Kirche bereits sehr bald auch angekommen sein.
 
Dahinter liegt die simple Erkenntnis, dass die Digitalisierung ein Nutzen- und Effizienzpotential um Faktoren beinhaltet. Dieses Potential hat sie schon zigmal unter Beweis gestellt. Für mich drängt sich da unweigerlich der Vergleich zum Cloud-Computing auf, dessen extremes Nutzenpotential den schnellen Durchbruch ebenfalls bereits früh erkennen liess.
Das obige Ergebnis mit dem einen Drittel an Ignoranten glaube ich sofort, und entspricht auch weitgehend meinen Beobachtungen und Erfahrungen. Was ich aber schlicht nicht glauben kann, ist die Studienaussage, dass für 45 Prozent der befragten Unternehmen die digitale Entwicklung insgesamt mehr Chancen als Risiken bietet. Dahinter steckt, so meine ich, reiner Zweckoptimismus.
 
Platt gesagt, bietet die Digitalisierung eigentlich nur für Startups eine wirkliche Chance. Sie müssen auf keine Historie und kein bestehendes Geschäft Rücksicht nehmen und können von Beginn an auf der grünen Wiese vollständig digital agieren. Wohingegen etablierte Unternehmen immer über ein analoges Geschäft verfügen, welches ihnen heute den Ertrag für ihre Existenz liefert. Daraus auszubrechen, und mit neuen digitalen Produkten, Dienstleistungen und Services das eigene angestammte (meist noch profitable) Geschäft zu attackieren, gelingt in neun Komma neun von zehn Fällen nachweislich nicht. Hauptgründe hierbei sind die Führung und die Kultur im Traditionsunternehmen, die naturgemäss mit dieser Herausforderung nicht umgehen können. So wird dann meist so lange gewartet, bis der Zug schon abgefahren ist. Solche Fälle werden sich in den kommenden Jahren signifikant häufen, davon bin ich überzeugt.
 
Viele werden mir jetzt entgegnen, dass die Digitalisierung vor allem auch die Prozesse deutlich effizienter und damit konkurrenzfähiger macht. Gerade hiervon profitieren die Traditionsunternehmen stärker als Startups. Ergo bietet die Digitalisierung eben doch für das Gros der Firmen eine Chance und weniger ein Risiko. Die Digitalisierung der Geschäftsprozesse würde ich jedoch weniger als das Ergreifen einer Chance bezeichnen, sondern als eine schlichte Notwendigkeit und somit vielmehr als die Lösung eines akuten Problems. Da dies momentan sowieso die ganze Konkurrenz tut, bleibt dem einzelnen Unternehmen, rein aus Gründen seines eigenen Wettbewerbserhalts, keine andere Wahl als mitzutun.
 
Unter Chancennutzung verstehe ich vielmehr den Approach, das angestammte Geschäft und das darunter liegende Geschäftsmodell digital zu reformieren. Also keine Heizungen mehr, sondern "Wärme" zu verkaufen, keine Autos mehr, sondern "Mobilität", keine ERP-Software, sondern "funktionierende Prozesse", keine Hardware mehr, sondern "Speicherplatz" und "Rechenleistung" und vieles mehr.
 
Jetzt erst geht es ans Eingemachte, und erst jetzt entstehen neue Geschäftsmodelle mit komplett neuen Lösungen, die dafür geeignet sind, Alleinstellungsmerkmale zu schaffen und dabei ganze Branchen zu disruptieren. Prozesse zu digitalisieren hingegen benötigt bloss Technik, die sich jeder kaufen kann. Damit hebt sich kein Unternehmen längerfristig vom Wettbewerb ab, sondern hält sich bloss ausreichend fit, um überhaupt überleben zu können.
 
Wer die Digitalisierung für sein Unternehmen ernst nimmt, der sollte über folgendes nachdenken.
 
Erstens: Die Digitalisierung ist bereits voll da und sie betrifft mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch mein Unternehmen, egal in welcher Branche. Ich muss mich eingehend damit beschäftigen, denn meine Kunden wollen und brauchen den Nutzen, der durch die Digitalisierung zusätzlich erschlossen werden kann.
 
Zweitens: In meinem Unternehmen lassen sich (momentan) folgende Dinge digitalisieren: Die Geschäftsprozesse (daran führt aus Wettbewerbsgründen ohnehin kein Weg vorbei) und die Produkte, Dienstleistungen und Services. Letztere haben einen direkten Impact auf das Geschäftsmodell und werden intern – das ist fast sicher – auf erbitterten Widerstand stossen. Doch gerade hier liegen die echten Chancen der digitalen Welt. Wer übrigens in seinem Unternehmen hier den Hebel ansetzen will, wird um eine ebenfalls disruptive Führung, die den oben erwähnten Widerstand "brechen" kann, nicht herumkommen. Doch darüber ein anderes Mal mehr. (Urs Prantl)
 
Urs Prantl (55) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Mit seiner Mission „wir kreieren zukunftssichere Unternehmen“ begleitet er als Strategiementor seit Ende 2011 KMU-Unternehmer aus der ICT auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.