Bexio und die Angst vor der Digitalisierung

Kolumnist Urs Prantl über den Kauf von Bexio durch Mobiliar.
 
Die Mobiliar kauft Bexio zu 100 Prozent. Damit sind logischerweise alle anderen Aktionäre raus und Jeremias Meier und seine Mitstreiter werden von Unternehmern zu Angestellten. Das sind die Fakten. Inside-channels schreibt von einem angeblichen Kaufpreis von 115 Millionen Franken.
 
Ich muss zugeben, die Meldung hat mich komplett überrascht. Noch vor wenigen Wochen führte ich ein längeres Gespräch mit dem Bexio-CEO Jeremias Meier über die Strategie seines Unternehmens und veröffentlichte dieses vor knapp einem Monat, zusammen mit meinen Recherchen zu Bexio in meiner Reihe Prantls 5A. Dort stellte ich Bexio das Prädikat "beste Kleinstkundenversteherin" aus und berichtete von ihrer Plattformstrategie: "Jeremias Meier sieht die Zukunft von Bexio in der Plattform-Vision 'One Hub empowering small businesses'. Er erklärt dazu: 'Unsere Bexio-Plattform soll im Endausbau alle für Kleinstunternehmen wesentliche Partner digital verbinden. Seien das Marktplätze, Banken und andere Finanzdienstleister, Treuhänder und Buchhalter oder auch Versicherungen.' Jetzt, einen Monat später, gehört Bexio zu 100 Prozent der grössten Schweizer KMU-Versicherung und damit einem wesentlichen Partner der visionären Bexio-Plattform. Dazu geht mir folgendes durch den Kopf.
 
"Unser Management und wir Gründer bleiben alle im Team und auch Ihre Ansprechpersonen bleiben dieselben" in Verbindung mit der Aussage "der Start-Up-Charakter bleibt erhalten": An der Ehrenhaftigkeit dieser Aussagen zweifle ich nicht. Ich bin mir sogar sicher, dass die Parteien fest daran glauben, ganz besonders die Mobiliar. Alle Erfahrungen aus vergleichbaren Deals sprechen hingegen eine andere Sprache. Aus Vollblutunternehmern Angestellte zu machen, funktioniert in aller Regel nicht. Es mag ein, vielleicht zwei Jahre leidlich klappen, doch dann dreht die Wahrscheinlichkeit einer Fehlfunktion dieser Konstruktion gegen 100 Prozent. Müssen dann – oder sogar früher – Jeremias Meier und seine Mitstreiter ersetzt werden, so ist es um den Startup-Charakter geschehen. Denn dieser mit dem damit verbundenen Groove hängt eins-zu-eins an den Gründungsunternehmern und lässt sich "technisch" nicht am Leben erhalten. Davon bin ich – seit ich zahlreiche IT-Unternehmen und -Unternehmer in ihrer ganzen strategischen und psychologischen Tiefe kennen lernen durfte – absolut überzeugt.
 
Warum der hohe Kaufpreis?
Mobiliar bezahlt angeblich 115 Millionen Franken für Bexio. Bei aktuell gut 15'000 Kunden wären das etwa 7500 Franken pro Kunde. Geht man davon aus, dass ein grosser Teil der Bexio-Kunden bereits Mobiliar-Kunden sind (ich gehe der Einfachheit halber mal von 20 Prozent aus), dann erhöht sich der Kundenpreis sogar auf fast 10'000 Franken. Sollten die 115 Millionen also nur annähernd stimmen, dann kann der "Kundenkauf" bei diesen Preisen nicht der Treiber gewesen sein. Aus Sicht der Mobiliar handelt es sich wohl vielmehr um eine "strategische Akquisition", deren Preis – solange die Mittel da sind – keine Rolle spielt. Die Treiber sind wohl vielmehr "Angst vor den disruptiven Folgen der Digitalisierung des Versicherungsgeschäfts" und die "Angst, ein Konkurrent kommt uns zuvor". Aus Sicht der Gründer kann es fast nur die unglaubliche Höhe des Kaufpreises, und damit ihres eigenen Anteils sein, der zum Verkaufen verleitete. Oder doch – wie Gerüchte schon länger kolportieren – eine drohende Ebbe in der Kasse? Glaubt man der Aussage von Bexio-COO Rouven Mayer "Uns geht es finanziell bestens", so kann die Motivation nur ein zweistelliger Millionenbetrag gewesen sein, Plattform-Vision hin oder her. Womit ich ich bei der Plattform-Strategie angelangt wäre.
 
Plattform-Strategie verlangt Unabhängigkeit
Im Gegensatz zur Welt der Grosskonzerne und Oligopole, herrscht im KMU-Umfeld ein, sagen wir mal "engagierter" Wettbewerb. Dieses Hauen und Stechen wird momentan durch die Digitalisierung zusätzlich angeheizt, da viele Akteure fest glauben, die Businesswelt ordne sich komplett neu. In diesem Wettrennen schnappt sich eine führende Versicherungsgesellschaft DEN Vorzeige-Startup im Umfeld von Business-Software und glaubt anschliessend weiter daran, Bexio zu einer für alle KMU-relevanten Partner (Banken, andere Finanzdienstleister, Treuhänder und Buchhalter, Versicherungen wie Swiss Life und Konsorten) führenden Plattform ausbauen zu können?! Ist es nicht vielmehr so, dass eine vertrauenswürdige KMU-Plattform vor allem ihre Unabhängigkeit pflegen sollte? Als Swiss Life, Baloise, Generali, Elvia oder Zurich und gleichzeitig Partnerin auf der Bexio-Plattform würde ich mich auf alle Fälle ständig fragen, ob ich die gleich langen Spiesse habe, wie die Eigentümerin. Ich meine, mit der Änderung der Eigentümerschaft ist gleichzeitig auch eine grundlegende Änderung der Strategie angesagt. Und zwar eine Strategie, welche primär die Interessen der Mobiliar verfolgt. Ein Strategie-Move wäre bloss dann nicht zwingend angebracht, wenn die Mobiliar ausschliesslich als Finanzinvestorin eingestiegen wäre. Davon habe ich aber nirgends was gelesen.
 
Last but not least – als Bexio-Kunde hoffe ich auf zwei Dinge. Erstens, dass ich nicht bald alle meine Daten zu einer anderen Software zügeln muss und zweitens, dass aus Bexio nicht auch so eine langweilige und uninspirierende – wenn auch gut funktionierende – Plattform wie Ricardo.ch wird, nachdem diese von Tamedia gekauft wurde. Denn, für den Medienkonzern ist Ricardo.ch ausschliesslich eine Geldmaschine und damit Lichtjahre entfernt von ihrem ursprünglichen Groove und Spirit als Digital-Startup. Ereilte Bexio das gleiche Schicksal, würde ich dies sehr bedauern.
 
Urs Prantl (55) arbeitete über 20 Jahre als Softwareunternehmer. Mit seiner Mission „wir kreieren zukunftssichere Unternehmen“ begleitet er als Strategiementor seit Ende 2011 KMU-Unternehmer aus der ICT auf ihrem Weg in eine selbstbestimmte und erfolgreiche unternehmerische Zukunft. Er äussert als Kolumnist für inside-channels.ch seine persönliche Meinung.