Weltes Welt: Die Value Cloud

Kolumnist Beat Welte darüber, was Fakebox und die Gurkensortier-Anlage gemeinsam haben
 
Wenn es einen Webservice gibt, der im postfaktischen Zeitalter seine Berechtigung hat, dann ist es die "Fakebox" des kleinen US-Unternehmens Machine Box. Mittels Machine Learning und Docker-Containern lassen sich "Fake News" mit einer überraschend hohen Trefferquote entlarven. Noch bedeutsamer ist aber die Tatsache, dass sich die Anwendung – wie auch alle anderen ähnlichen Services des Unternehmens – "peinlich leicht" entwickeln liess.
 
Denn dieses "peinlich leicht" ist das Entscheidende an der Geschichte. Im meiner letzten Kolumne habe ich über Multi Cloud, den ultimativen Hype im Cloud Computing, geschrieben. Eine Multi Cloud erlaubt es, Cloud Services in verschiedenen Fertigungstiefen (IaaS, PaaS, SaaS) von beliebigen Anbietern zu nutzen, und zwar so, dass sich das Ganze aus Anwendersicht wie eine einzige Cloud verhält. Sind die – sehr beträchtlichen! – Herausforderungen hinsichtlich Sicherheit, Governance und Compliance gelöst, können Anwender die zur Commodity gewordenen Servcies vom kostengünstigsten Anbieter beziehen. Und das ist natürlich eine verlockende Aussicht.
 
Allerdings auch eine beschränkte: Denn es lässt die Effizienz erhöhen – sprich: die Kosten senken – aber einen echten Wettbewerbsvorteil bietet es den Anwendern nicht. Das kann nur eine Cloud, die den Nutzern Mehrwertdienste liefert, die neben der Effizienzsteigerung neue Geschäftsmodelle ermöglichen. Ich würde deshalb einiges darauf wetten, dass nach der Multi Cloud der nächste Hype-Begriff der Branche "Value Cloud" lauten wird – und dass Machine Learning (ML) dabei eine bedeutende Rolle spielen wird. Beispiele gibt es schon heute einige, etwa dasjenige des bereits legendären japanischen Ingenieurs, der seinen Eltern in den Ferien eine selbstlernende Gurkensortiermaschine programmiert hat. Mittels Machine Learning kann diese neun Qualitätsstufen erkennen – das händische Aussortieren, zuvor von der Mutter des Entwicklers übernommen, entfällt. Das Familienunternehmen könnte so – zumindest theoretisch – vom Gurkenproduzenten zum Anbieter von Gurkensortier-Services werden.
 
Wie im Fall der "Fakebox" ist entscheidend, dass die Eintrittshürde für eine solche Machine-Learning-Anwendung in der letzten Zeit entscheidend gesenkt wurde. Im Gurkenbeispiel bezog der Entwickler die Computing-Power aus der Google Cloud, für die Entwicklung setzte er auf das Open-Source-Tool TensorFlow desselben Unternehmens, dem meistverwendeten Tool in dieser Disziplin. Dieses Framework bietet eine solide Grundlage für ML-Anwendungen im Bereich der Bildverarbeitung und Sprache – und ist das beste Beispiel dafür, dass die Künstliche Intelligenz endlich in der Realität angekommen ist.
 
"Peinlich einfach" ist deshalb wichtig, weil gemäss einer Schätzung auch heute erst 0.00000142 Prozent der Menschheit – etwa 10'000 Spezialisten – in der Lage sind, solche Anwendungen zu entwickeln. Entsprechend werden sie vergoldet. Das wird natürlich neue Kräfte anziehen – aber das dauert. Deshalb sind vergleichsweise benutzerfreundliche Werkzeuge wichtig: Neben TensorFlow sind bezeichnenderweise auch die anderen Cloud-Anbieter wie Microsoft, Amazon und IBM höchst aktiv auf diesem Gebiet, es gibt auch sehr viele Open-Source-Projekte.
 
Elastische Kapazität war der Ursprungsgedanke für Cloud Computing. Diese elastische Kapazität möglichst kostengünstig und von einem beliebigen Anbieter zu beziehen, ist der folgerichtige zweite Schritt der Multi Cloud. Die Value Cloud wird der entscheidende dritte Schritt sein: Eine mit Mehrwertdiensten angereicherte Cloud mit Services und Entwicklungsumgebungen im Bereich ML, Analytics, Sicherheit und anderen mehr. Diese bindet Kunden fest an den jeweiligen Anbieter – weil sie in die Lage versetzt werden, relativ schnell, ohne grosse Investitionen und gut skalierbar neue Geschäftsmodelle zu entwickeln und damit in Zeiten erhöhter Veränderungsgeschwindigkeit zu überleben. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche. Für 'inside-it.ch' und 'inside-channels.ch' kommentiert er monatlich Marktveränderungen, bedeutsame Trends und Ankündigungen.