Schweizer E-Commerce-Anbieter sind angespannt und ratlos

Grafik: E-Commerce Report Schweiz 2018.
Der neue E-Commerce-Report Schweiz befragte Anbieter zur aktuellen Situation, Ängsten, Hoffnungen und möglichen Lösungen.
 
Wie geht es dem B2C-E-Commerce in der Schweiz? Der E-Commerce Report Schweiz thematisiert genau dies und zwar aus Sicht der Schweizer Anbieter in Form einer qualitativen Studie. "Qualitativ" heisst, die Anbieter geben in Interviews Auskunft aus ihrer Praxis, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
 
Eine erste Kenntnis, die man ziehen kann, bestätigt andere Aussagen: Der E-Commerce-Markt ist etwa 8,6 Milliarden Franken gross und wächst in der Schweiz, weil Konsumenten vermehrt online bestellen. Allerdings profitieren Schweizer Anbieter davon nur ein bisschen, Amazon, Alibaba und JD.com profitieren drei Mal soviel. Die resultierende Stimmung unter den einheimischen E-Commerce-Händlern nennt der Report "angespannte Normalität".
 
Ein zweites, wichtiges Fazit laut den Autoren: Die Anbieter sorgen sich, dass sich ihre heutigen Kunden noch zahlreicher und öfters abwenden und zu Plattformen von "branchenfremden" Internetanbietern wechseln fürs Shopping. Technologie ist mächtiger als Handels-Knowhow, kann man sagen. Beides kann man erwerben, aber laut den Autoren stockt die digitale Transformation der klassischen Schweizer Handelsunternehmen.
 
Gerade hier stelle man einen Stimmungsumschwung bei den hiesigen Händlern fest. Man befürchtet, dass man zurückfällt in einem Markt, der sich weiter öffnet. Die Schweizer können bislang weder mit Erfahrung, noch mit Logistik, Nähe oder Technologie punkten und das könnte so bleiben. Zehn Faktoren nennt der Report und in allen steckt eine beachtenswerte Gefahr fürs Business und für den hiesigen Markt.
 
Der Ruf der Schweiz als Hochpreisland spielt dabei durchaus eine Rolle: "Seit der Wechselkursfreigabe durch die Schweizer Nationalbank steckt in den Köpfen vieler Leute, im Ausland sei alles billiger, obwohl das in unserer Branche oft nicht stimmt", lässt sich Markus Kwincz von Microspot zitieren. Einmal darf ein E-Commerce-Interessierter raten, wer primärer Angstgegner ist: Genau, Amazon.
 
Falls die Macht des Giganten eine Übermacht sein sollte, könnte den Schweizer ja eine Nischenstrategie das Überleben sichern, oder? "Selbst in Nischenmärkten fühlen sich die Studienteilnehmer nicht sicher, da Amazon ständig in neue Geschäftsfelder expandiert und Mechanismen anwendet, die sich an anderer Stelle schon bewährt haben", charakterisiert der Report die Einschätzung der Anbieter.
 
Marktvorteil Logistik?
Und wen bewundert man hierzulande: Richtig, Zalando ist Vorbild. Technologisch, aber auch im Kundenfokus und im Service ist die Firma führend. Und ihr Kundenbindungs-Programm haben die Deutschen noch gar nicht in die Schweiz gebracht.
 
Etwas anders sieht die Einschätzung gegenüber den Chinesen aus: Sie liefern den Schweizern immer mehr Velos oder Xiaomi-Smartphones. 14 Millionen Kleinpakete kamen 2017 aus Asien in die Schweiz, so die Autoren. Die Chinesen haben das Investitionskapital, sind gerade im Bereich "Mobile" stark und werden ihre Fähigkeiten bei Retouren und ihre Logistik verbessern können. Was dies genau für den Schweizer Markt bedeutet, ist unklar. Die Befragten seien aktuell tendenziell "ratlos".
 
Sicher scheint, dass die Logistik und damit die Geschwindigkeit – Same-Day-Delivery oder Next-Day-Delivery – ein relevanter Vorteil für hiesige Anbieter ist. Primär preisfokussierte Kunden habe man sowieso schon verloren, vermuten laut den Autoren die Interviewten.
 
Entsprechend müsse sich die Denkweise in der Schweiz ändern, findet Competec-Mann Markus Mahler: "Wir müssen mehr auf den internationalen Wettbewerb schauen und nicht als Schweizer gegen Schweizer antreten. Wir sollten mehr in Kooperationen denken und gemeinsam den Schweizer Markt entwickeln und prägen – auch in der Kombination von Stationär und Online. Die Competec-Gruppe wird sich auch in Zukunft dafür einsetzen", lässt er sich zitieren.
 
Daneben wird der Kundenfokus und Zugang zu Endkunden und deren Bindung zentral sein für das Überleben und Gedeihen hiesiger E-Commerce-Anbieter. Die Abschaffung marktverzerrender Begleitumstände von denen beispielsweise China profitiert, würde sicher auch nicht schaden.
 
Hinzu kommt der Ruf nach mehr Mut zu Innovation und Risiko sowie Investitionen in Technologie. "Das Tempo im E-Commerce ist extrem hoch: die Situationen und die Anforderungen verändern sich laufend und fordern eine hohe Agilität, Lern- und Anpassungsfähigkeit", bilanziert Urs Schumacher von Le Shop.
 
Es scheint offensichtlich, dass unter diesen Umständen nicht alle überleben werden.
 
Gerade verabschiedet sich mit Siroop ein relativ neuer Anbieter vom Markt, was man auch unter all den genannten Gesichtspunkten erklären kann. Den Befragten der Studie jedenfalls scheint der Entscheid des Ausstiegs "plausibel".
 
Der Payment Service Provider Datatrans war Auftraggeber des Reports, der Bereich E-Business der Hochschule für Wirtschaft FHNW zeichnet für die 35 Interviews mit "in der Schweiz potenziell marktprägenden E-Commerce-Anbietern verantwortlich", so die Autoren. Unter ihnen sind Verantwortliche von brack.ch, Digitec, Interdiscount, SBB oder auch Zalando. (Marcel Gamma)