"Was heisst ökonomisch?"

Patrick Burkhalter (r) im Gespräch (Foto: Hans Jörg Maron)
Patrick Burkhalter tritt als VRP von Ergon zurück. Im Gespräch zieht er Bilanz und bezieht Stellung zu Outsourcing, Lohnsenkungen und der neuen E-ID.
 
Jetzt tritt Patrick Burkhalter bei Ergon tatsächlich ab. Drei, vier Jahre früher als geplant, – aber wie geplant – schickt der langjährige CEO, Mit-Aktionär und VRP "sein" Kind in die Freiheit, um mögliche Interessenkonflikte zwischen seinen VR-Mandaten zu vermeiden. 90 Minuten Zeit hat er für die Fragen von inside-it.ch. Kann er nun auch frei von der Leber sprechen? Versuchen wir es.
 
Es ist unvermeidlich, mit der speziellen, laut klassischen Managern eigenartigen Ergon-Betriebskultur zu beginnen. Wie urteilt Burkhalter heute, nach 31 Jahren bei Ergon, über Mitarbeiter-Gleichstellung, Lohn-Transparenz, Mitbestimmung und Erfolgsbeteiligung? Wäre Ergon heute als klassisch geführte Firma nicht dreimal so gross? Wie Elca beispielsweise? "Grösse oder Wachstum war nie ein Ziel. Anderes ist uns wichtiger: Wieviel Freude haben die Mitarbeiter, wie zufrieden sind die Kunden? Wenn wir das erreichen, dann ist Wachstum eine Konsequenz."
 
Hat die Betriebskultur sich denn positiv auf Qualität der Arbeit und die Führung der Firma ausgewirkt? "Ich finde auf jeden Fall. In unserer Kultur sind die Leute gewohnt, mitzudenken. Die Teams machen fast alles selbst und benötigen wenig Führung. In einem Projekt ist das Ziel klar – 'wir wollen das Ding bis zu einem Termin zum Laufen bringen' – aber wie das Team dahin kommt, entscheidet es selbst. Sie sind daraufhin getrimmt, effizient und mit der nötigen Qualität zu arbeiten. Ausserdem arbeiten die Leute gerne bei uns und sie bleiben lange. Wir haben Leute, die sind über 20 Jahre bei uns. Deren Erfahrung ist wichtig, aber man muss auch junge Leute in die Teams mischen, die ihre Ideen und ihr neues Wissen einbringen", erläutert der 56-Jährige. "Wir haben nicht das Problem, dass wir die über 50-Jährigen nicht mehr brauchen können, ausser vielleicht bei den Managern wie mir", er lacht.
 
Vorbilder gab es für dieses Modell nicht, "es ist einfach passiert, weil 1992 durch einen Buy-out die acht Angestellten zu Unternehmern wurden. Als wir etwa 20 Mitarbeiter waren, merkten wir, die Transparenz und die Mitbestimmung unterscheidet uns von andern". Betriebskultur als USP, ganz nebenbei entwickelt. Er ergänzt: "Auf dem Platz Zürich gibt es drei Firmen, die ähnlich aufgestellt sind: Netcetera, AdNovum und Ergon. Aber alle drei haben eine andere Firmenkultur. Jede Firma zieht mit ihrer Kultur die Leute an, die sich in dieser wohl fühlen. Darum haben wir sehr wenig Fluktuation zwischen diesen Firmen."
 
"Wir haben dafür die Löhne substanziell gesenkt"
Wechseln wir also aufs ökonomische Parkett. In der Schweizer Informatik geht es seit Jahrzehnten nur in eine Richtung: aufwärts. Nur gerade beim Platzen der Internet-Bubble und beim Euro-Franken-Schock konnten viele Schweizer IT-Manager die Krisenresistenz ihrer Firma, ihrer Werte und ihr Management-Geschick wirklich unter Beweis stellen.
 
Gibt es Dinge, die wegen der Firmenkultur ökonomisch falsch liefen? "Was heisst 'ökonomisch'?" fragt Burkhalter zurück. "Aus Sicht aller Stakeholder, der Aktionäre, der Kunden und Mitarbeiter lief wenig falsch. Vor dem Platzen der Internet-Bubble war ich unsicher, ob unser System krisenresistent ist. Seither weiss ich, dass es dies ist. Wir haben nach der Bubble-Phase unseren Umsatz innert drei Jahren halbiert, vorher war die Auslastung hoch und die Margen noch höher und dann brach alles ein. Wir haben in dieser Zeit niemanden entlassen, dafür die Saläre substanziell gesenkt. Dies unter einstimmiger Zustimmung der Mitarbeiter! Sie haben dies mitgetragen und deshalb konnten wir investieren und mit den nicht ausgelasteten Mitarbeitern vieles ausprobieren. Dies wiederum half, dass wir schneller wieder hochkamen."
 
Die Ergon-Werte Mitbestimmung und Erfolgsbeteiligung, das wird klar, können für einen Mitarbeiter auch starke Eigenverantwortung und Risikobeteiligung bedeuten. "Die Franken-Euro-Krise haben wir weniger gemerkt. Der Preisdruck von Schweizer Kunden nahm etwas zu. Die Krise machte aber deutlich, dass man aus der Schweiz praktisch nur Software-Produkte
exportieren kann, keine Dienstleistungen."
 
Schaut man sich die Geschichte von Ergon an, so hat sich die Kundenbasis bis heute verbreitert. Während im Jahr 2000 laut Burkhalter etwa 80 Prozent des Umsatzes aus der Finanzbranche stammte, ist es heute rund ein Viertel. Hauptgeschäft ist immer noch das Bauen von Individualsoftware für Kunden in verschiedenen Branchen. Nicht verändert hat sich, dass Burkhalters Ergon keine Standorte in Polen, Portugal oder offshore aufgebaut hat. Was sagt er dazu? "Unser USP ist die Kundenähe. Wir machen die Projekte, die enge Zusammenarbeit verlangen und nicht so weit spezifizierbar sind, dass der billigste Anbieter sie umsetzen kann."
 
Grossbanken, so darf man interpretieren, sind also weniger interessant als dereinst und Diversifikation eine der strategischen Lehren.
 
Kann man denn im kleinen Heimmarkt Schweiz einen Grosskunden überhaupt ersetzen? Klar. Die Digitalisierung – "ein Schimpfwort" laut Burkhalter – bringe mit sich, dass Software immer wichtiger und komplexer werde und alles durchdringe. "Dadurch braucht es immer mehr gute Leute, die dies auch engineeren können und damit dem Kunden einen Wettbewerbsvorteil erarbeiten können. Ich habe selten so eine spannende Zeit erlebt wie heute. Internet of Things, Augmented Reality, Machine Learning, Artificial Intelligence, Sicherheit, Blockchain und Kryptowährungen. Hinter jeder dieser Technologien verbergen sich unzählige Chancen und wir sind mittendrin."
 
Genau hier liege der Vorteil für Schweizer Software-Dienstleister. "Die Schweiz ist einerseits ein sehr kleiner Heimmarkt für Produkthersteller, aber andererseits ist es ein sensationeller Standort wegen der vielen international tätigen Firmen für Dienstleister wie Ergon."
 
"Ich will meine E-ID nicht auf der Cumulus-Karte"
Was haben denn die Verbände dafür geleistet, kann man den ICTswitzerland-Vorstand fragen. Anders als man ihn kennt, bleibt er diplomatisch, doch deutet er seine Positionen an. Er fordert die Konsolidierung der Verbandslandschaft wie viele andere auch. Einen Berufsverband für die Informatiker, je einen Branchenverband für Anbieter und Anwender, alles unter einem Dachverband sei vermutlich eine Utopie, aber die Fusion von Simsa und Swico sei ein wichtiger erster Schritt. Informatikausbildung in allen Aspekten müsse ein zentrales Thema der Verbände sein und bleiben, findet der Uni-Zürich-Absolvent in Wirtschaft und Informatik. Und man könnte doch überlegen im Begriff "ICT" den Buchstaben "C" als "Communication" oder auch "Telekommunikation" wegzulassen. Denn auch Telekomfirmen machen vor allem IT.
 
"All diese verschiedenen Verbände und Positionen kommen bei ICTswitzerland zusammen", sagt er. "Und es ist klar, dass die Meinungsbildung nicht ganz einfach ist. Man muss auch nicht immer einig sein. Die Bauern sind es auch nicht, aber sie treten gemeinsam auf".
 
Allerdings läuft es gerade bei der Meinungsbildung im Dachverband suboptimal, findet Burkhalter. Das Geldspielgesetz mit seinen Netzsperren wäre ein prädestiniertes Thema für ICTswitzerland gewesen. "ICTswitzerland hätte zusätzlich zur Nein-Parole aufklären können, was die Konsequenzen von Netzsperren sind, jetzt macht das der Swico im Rahmen seiner Unterstützung des Referendums."
 
Ein weiteres kontroverses Branchenthema ist E-Voting. "Wie jede Software kann E-Voting nie ganz sicher sein, vielleicht aber genügend sicher. Falls tatsächlich ein Hacker eindringen und die Resultate massiv manipulieren kann, so muss man eine E-Voting-Lösung ablehnen. Wenn die potentiellen Schäden dasselbe Ausmass wie beim brieflichem Abstimmen haben, dann könnte E-Voting eingeführt werden. Das ist kein technischer, sondern ein politischer Entscheid." Er bilanziert "es wäre schön, wenn ICTswitzerland solche Dinge trotz der kontroversen Meinungen thematisieren könnte."
 
Wenn wir schon dabei sind – was hält er von der neuen E-ID, welche Private etablieren sollen? “Ich persönlich will meine E-ID nicht auf der Cumulus-Karte. Die E-ID ist eine Aufgabe des Bundes, so wie der Bund auch einen Pass herausgibt. Ich befürchte, dass die E-ID, so wie sie jetzt aufgestellt ist, ein Rohrkrepierer wird. Wenn nicht innerhalb von zwei bis drei Jahren genügend Benutzer und Angebote das System verwenden, dann wird es das gleiche Schicksal erleiden, wie die SuisseID. Das ist eine grosse Herausforderung."
 
Jede Branche ist besser organisiert als die IT. Hängt dies nicht damit zusammen, dass sich die CEOs nicht für Politik interessierten oder keine Zeit dafür hatten? "Die Branche war sich gar nicht daran gewöhnt, überhaupt reguliert zu werden. Und da sie keine Wirtschaftsförderung braucht, musste man auch nicht über Politik nachdenken. Nun merkt man, dass rundherum Gesetze entstehen, welche die Branche betreffen."
 
Zum Schluss des Gesprächs erklärt er dann den Stand der Nachfolgeregelung bei Ergon. Sie laufe wie geplant, so Burkhalter: Theodor Graf, Chief Financial Officer, wird sein Nachfolger als VRP und Hans-Jürg Schneider übernimmt als COO die Aufgaben des CFO.
 
Er selber bleibt Ergon und der Branche nach seinem Ausstieg als VRP als Ergon-Fellow weiterhin erhalten. "Ich geniesse, was ich hatte und was ich habe". Man nimmt Burkhalter die gute Laune ab, als er aus der Redaktion marschiert. (Marcel Gamma)

Interessenbindung: Ergon ist Technologiepartner unseres Verlags.