Thomas Failer will den Milliardenmarkt

Thomas Failer, Foto: zVg
Die ehrgeizigen Pläne der Kreuzlingers Software-Herstellers Data Migration Services.
 
Schweizer Software-Hersteller gelten oft als zu bescheiden und zu wenig ehrgeizig. Thomas Failer, Inhaber und VRP des Kreuzlinger Softwareherstellers Data Migration Services, kann man diesen Vorwurf nicht machen. In der jüngsten Pressemitteilung ist davon die Rede, man wolle "weltweiter Marktführer" werden und stehe vor einem "grossen Wachstumsschub". Die Kreuzlinger Firma habe den Umsatz letztes Jahr um 40 Prozent gesteigert und wolle auch in den kommenden Jahren mindestens so viel Wachstum hinlegen, sagte Failer diese Woche an einer Medienveranstaltung in Zürich. Der Umsatz direkt und über Partner habe letztes Jahre 25 Millionen Franken betragen, heisst es.
 
Wer so grosse Erwartungen weckt, hat entweder gute Gründe oder möchte seine Firma möglichst rasch verkaufen. Uns scheint das erstere der Fall. Denn Data Migration Services peilt mit der Lösung JiVS einen rasch wachsenden, attraktiven und weltweit existierenden Markt an.
 
Was ist und macht JiVS?
JiVS gibt es unterdessen in der fünften Version. Die Lösung kann dafür eingesetzt werden, Applikationen, insbesondere SAP R/3 und SAP ERP, "stillzulegen". Mit JiVS kann man die Daten, die in den alten Anwendungen in riesigen Halden vor sich hin schlummern, abspeichern und unveränderbar machen und den Zugriff auf sie, sowie ihre Findbarkeit für viele Jahre hinaus garantieren.
 
Die Kundenliste von Data Migation Services ist eindrücklich. Man findet darauf Grossfirmen wie den Brauereikonzern ABinBev, GE und ABB, Bühler, SRG und SBB oder die Commerzbank. Neu hat sich auch Lafarge Holcim für JiVS entschieden. Und JiVS wird von Gartner gemäss dem Hersteller als "ideale Lösung" für Application Retirement empfohlen.
 
JiVS enthält ein Java-Frontend. Als Datenbank wird meistens Microsoft SQL eingesetzt, als Application Server wird Tomcat benützt.
 
Rasch wachsender Markt mit wenig Konkurrenz
SAP will bekanntlich die Unterstützung für die heutige Generation der Business Sofware, SAP ECC, 2025 einstellen und die Kunden so zwingen, auf S/4HANA zu migrieren. Weil S/4HANA auf neuen Datenmodellen aufbaut, empfiehlt es sich, das System "auf der Grünen Wiese" aufzubauen und die alten Lösungen abzustellen. Das ist zudem kostensparend. An dieser Stelle kommt Data Migration Services ins Spiel, da die Daten der alten Applikationen zugänglich bleiben müssen, ohne dass man Lizenzen für die alten SAP-Systeme bezahlen will.
 
Failer rechnet mit einem Marktpotential von zwei Milliarden Franken bis 2030. Mit zum Wachstum soll die neue Datenschutzverordnung der EU sorgen. Denn sie schreibt vor, dass Daten nicht nur sicher gespeichert werden sollen, sondern auch komplett löschbar sein müssen.
 
Lösungen für Application Retirement sind eine Nische, sagt Failer. Entsprechend wenig Konkurrenz ist unterwegs. SAP hat eine eigene Lösung und es gibt auch Produkte von Informatica und Open Text (ehemals Ixos), die man dafür einsetzen kann. Mit JiSV kann man aber auch die Daten von anderen Produkten wie Baan, JDE, Oracle EBS oder Lotus Notes sichern, wenn man diese los werden will, sagte Failer. Interessant ist der gar nicht so kleine Nischenmarkt auch deshalb, weil auf viele Jahre hin wiederkehrende Erträge anfallen. So ist die eidgenössische Finanzverwaltung ein Kunde. Die Vertragsdauer ist 16 Jahre (!).
 
Partner entscheidend
Data Migration Services hat den gleichnamigen Beratungs-Arm, Data Migration Consulting, 2011 an T-Systems verkauft. Failer hat dann einige Jahre für T-Systems gearbeitet und ist nun zum Kreuzlinger Software-Hersteller zurückgekehrt. Geschäftsführer ist seit April 2015 Tobias Eberle. Eberle war zuvor unter anderem bei Saperion und beim Konkurrenten Open Text (Ixos).
 
Data Migration Services konzentriert sich mit nur gerade rund 20 Mitarbeitenden auf die Entwicklung der Lösung JiVS. Implementiert wird JiVS von Partnern. Neben T-Systems konnten die Kreuzlinger auch den Grosskonzern DXC (ehemals CSC und HP Services/EDS) gewinnen. Auch der SAP-Migrationsspezialist SNP ist ein Partner. Kleinere Partner sind etwa Detecon und Uniserv.
 
"Wachstumshorizont drei bis fünf Jahre"
Die Argumentation von Failer und Eberle ist durchaus plausibel. Doch warum haben die beiden ihre sehr ehrgeizigen Pläne öffentlich gemacht? Will Failer die Firma verkaufen? Seine Antwort: "Wir haben die Möglichkeit, nun in grösseren Schritten zu wachsen. Auch Firmen zuzukaufen kann ein Thema werden. Ein Verkauf der Firma ist hingegen zur Zeit für mich keine Option."
 
Durch den Verkauf von Data Migration Consulting an T-Systems habe er zudem genug Mittel, um das Wachstum aus eigenen Kräften zu finanzieren, sagte Failer offenherzig.
 
Noch interessanter könnte das Business für die Kreuzlinger Firma werden, wenn es ihr gelingen würde, ihre Lösung als OEM-Produkt von anderen Herstellern vertreiben zu lassen. Failer: "Dann wird es noch spannender". (hc)