Weltes Welt: Vom Killer keine Spur

Kolumnist Beat Welte über den heiligen Gral des Cloud Computings.
 
Ich weiss nur, dass ich nichts weiss – der berühmte Satz eines griechischen Philosophen fällt mir ein, wenn ich bestimmte Artikel lese. Gefährlich wird es insbesondere dann, wenn Wirtschaftsmedien über IT schreiben. "Nutanix’s Amazon Cloud Killer Delayed by Engineering Issues" lässt sich da bei 'Bloomberg' lesen – später abgemildert, indem "Killer" durch "Rival" ersetzt wurde.
 
Aber immerhin: Nutanix gegen Amazon im Bereich Public Cloud – wow! Das ist ja ganz neu, denkt sich der geneigte Leser, der sich, ganz entgegen dem Trend, bei seriösen Medien wie 'Bloomberg' und nicht im Fake-News-verseuchten Internet informieren will. Aufsehenerregend, denn im Wettlauf um die Public Cloud ist im Moment von Nutanix auch beim besten Willen rein gar nichts zu sehen: Amazon, Microsoft und Google fallen einem da spontan ein, danach kommen noch ein paar Adabeis (wenn auch mit klingenden Namen). Klar: Das Rennen ist noch am Anfang – aber um den Grossen an den Karren zu fahren, ist nach übereinstimmender Expertenschätzung ein hoher zweistelliger Milliardenbetrag notwendig – und den hat Nutanix auf gar keinen Fall.
 
Nun ist Nutanix ein Unternehmen, dem man Grosses zutrauen muss: Das Unternehmen hat 2016 einen höchst erfolgreichen Börsengang hingelegt und lehrt seitdem mit seiner Hyperconverged Infrastructure die Grossen der Branche das Fürchten – es rangiert im Gartner-Quadrant ganz rechts oben. Auch die Kunden lieben das Unternehmen, das nach eigener Aussage bei der letzten Messung einen sensationellen "Net Promoter Score" von über 90 erreicht hat und damit auf dem Olymp der Kundenbeliebtheit angekommen ist. Und schliesslich ist Nutanix auch bereit, sich selbst zu kannibalisieren: Weg von der hyperkonvergierten Hardware, wo man so erfolgreich war, noch mehr hin zu Software – denn Software isst bekanntlich die Welt. Das sind alles Zeichen eines ausserordentlichen Unternehmens – und vielleicht ist an der Schlagzeile doch etwas dran?
 
Jein. Denn Nutanix will Amazon ganz sicher nicht killen, sondern kommoditisieren. Neben einer – sehr beschränkten – Public Cloud zu Backup-Zwecken für bestehende Kunden will das Unternehmen vor allem zur universellen Vermittlungsplattform für Cloud Services werden – die dann eine beliebige Ressource wären wie die Fahrer für Uber: austauschbar, kostengünstig, massenhaft verfügbar. Das nennt sich in der Fachsprache Multi Cloud, und ist nach Hybrid Cloud der nächste grosse Hype der Branche. Ging es bei der Hybrid Cloud vor allem darum, Private Cloud durch Ressourcen aus der Public Cloud zu ergänzen und zu skalieren, will Multi Cloud deutlich mehr: In der Multi Cloud können Services verschiedener Anbieter und auf unterschiedlichen "Fertigungstiefen" (IaaS, PaaS, SaaS) beliebig kombiniert und – vor – allem nahtlos von einer einzigen Management-Oberfläche aus verwaltet werden: Multi-Cloud-Governance, Sicherheit und Compliance über alle Dienste hinweg soll die Wunder-Software Nutanix Xi Cloud Sevices garantieren – wie auch Preistransparenz insbesondere hinsichtlich der "teuren" Public-Cloud-Angebote. Das Unternehmen hat vor einigen Tagen weitere Versatzstücke seiner "bahnbrechenden" Software angekündigt.
 
Das ist natürlich aus Nutzersicht der heilige Gral des Cloud-Computings, und neben Nutanix sind auch andere namhafte Unternehmen an ähnlichen Plänen. Denn wer die Vermittlungsplattform kontrolliert, der hat auch die Kundenbeziehung – die eigentlichen Service Provider wie Amazon werden austauschbar und dürfen sich in Preiskämpfen zerfleischen. Nur sind die Anforderungen an eine solche Vermittlungsplattform enorm hoch – denn Cloud Services, zumal von verschiedenen Anbietern, sind ein bisschen komplizierter zu orchestrieren als Uber-Fahrer.
 
Deshalb darf füglich bezweifelt werden, dass Amazon schon schlaflose Nächte hat, trotz der Killer-Schlagzeile. Denn die durchgängige Umsetzung steht wohl noch in weiter Ferne. Und bis dann haben die Grossen noch viel Zeit, um eigene Strategien zu entwickeln, damit sie nicht auf die Commodity-Schlachtbank kommen. Doch darüber mehr in der nächsten Kolumne. (Beat Welte)
 
Beat Welte war über 25 Jahre in führenden Positionen bei verschiedenen grossen und kleinen IT-Unternehmen tätig. Er arbeitet heute selbständig als Strategie- und Kommunikationsberater – und ist kritischer Beobachter der IT-Branche. Für 'inside-it.ch' und 'inside-channels.ch' kommentiert er monatlich Marktveränderungen, bedeutsame Trends und Ankündigungen.