Von Hensch zu Mensch: Fusioniert doch endlich, IT-Verbände!

Kolumnist Jean-Marc Hensch zeigt auf, was es braucht, damit Verbände zusammenfinden.
 
Kürzlich hat Inside-it.ch über Gerüchte zu einer Verbandsfusion in der ICT-Branche berichtet. Da in diesem Beitrag Swico nicht genannt wurde, kann ich mich unbefangen zum Thema äussern. Denn auch wir werden immer wieder mit der Aussage konfrontiert: "Es gibt viel zu viele Verbände in der ICT-Branche. Warum fusioniert ihr denn nicht endlich?"
 
Dem ist einmal zu entgegnen, dass es so viele Verbände gar nicht sind. Jedenfalls sind es weniger als ein halbes Dutzend. Denn nicht jede Gruppe oder jeder Kleinverein, der im ICT-Umfeld und im Onlinebereich gegründet wird, kann ernsthaft als Verband betrachtet werden, auch wenn er sich so nennt. Eine Organisation muss schon mindestens drei Dinge erfüllen, um sich als Verband zu qualifizieren: Sie muss ein klares Programm haben, sie muss über Leitungsorgane verfügen, die über eine Vollversammlung hinausgehen, und über eine professionelle Infrastruktur. Letzteres setzt natürlich auch ein entsprechendes Budget voraus.
 
Das heisst nicht, dass kleinere Interessengruppen oder Vereine überflüssig sind. Im Gegenteil. Sie leisten in ganz spezifischen Bereichen Erstaunliches – oft mit wenig Mitteln, dafür mit einem grossen persönlichen Engagement. Aber die Ausstrahlung über ihr Interessenspektrum hinaus ist in der Regel eher bescheiden.
 
Schauen wir uns nun an, was für Bedingungen erfüllt sein müssen, damit sich zwei Verbände erfolgreich zusammenschliessen. Zuerst müssen sich diese in gleichen oder benachbarten Märkten bewegen, was innerhalb der digitalen Wirtschaft sicher gegeben ist. Dann brauchen sie aber auch eine ähnliche Mitgliederstruktur. Da wird es schon schwieriger. Sind die Mitglieder Unternehmen? Anbieter oder Anwender? Schulen oder Forschungsinstitute? Oder sind es Einzelpersonen? Einzelmitglieder, die namens des Arbeitgebers mitmachen oder solche, die aus Eigeninteresse dabei sind? Bei Swico zum Beispiel sind grundsätzlich Firmen Mitglieder, aber wir kennen in Fachgremien auch Einzelmitglieder mit Expertenstatus.
 
Die Verbände müssen ferner ähnliche politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Interessen vertreten. Im besten Fall ergänzen sie sich in ihren Dienstleistungen, so dass bei einer Fusion alle Mitglieder von einem grösseren Portfolio profitieren. Eine verkappte Sparübung ist daher nie ein gutes Motiv für einen Zusammenschluss.
 
Damit sind wir beim lieben Geld angekommen. Die vielbeschworenen Skaleneffekte sind oft an einem ganz kleinen Ort. Denn: Eine Organisation wird mit jeder Erweiterung komplexer und auch das Management verursacht mehr Aufwand. Wir erleben das bei Swico. Wann immer neue Gruppen zu uns gestossen sind, mussten wir unsere Strukturen anpassen und verstärken, um den neu Aufgenommenen ein geeignetes Umfeld anbieten zu können. Hier braucht es meiner Meinung nach viel Fingerspitzengefühl. Je grösser eine Organisation wird, umso mehr steigt auch das Risiko, nicht mehr allen Ansprechgruppen gerecht zu werden.
 
Deshalb pflegen wir unsere Fachgremien so intensiv und bieten ihnen die Cozyness, die ein attraktives Vereinsleben ausmacht: Inklusive einem eigenen Leitungsteam, einem eigenen Budget, eigenen Formaten und Traditionen. Und das Ganze eingebettet in einen Verband, der sie mit einem starken Profil nach aussen vertritt und nach innen mit einer leistungsfähigen Infrastruktur unterstützt. Ich bin überzeugt, dass sich kleine Fachgremien und eine grosse Verbandsstruktur – wenn man es richtig macht – gegenseitig befruchten können. Bei Swico sind die Fachgremien zum Beispiel wertvolle Ideengeneratoren für Businessprojekte oder politische Initiativen. Gleichzeitig sind sie auch Kontrollorgane, welche dem Vorstand und der Geschäftsstelle im Sinne eines Reality Checks immer wieder den Spiegel vorhalten.
 
Kommen wir zum Schluss zu den Köpfen. Wenn sich zwei Organisationen zusammenschliessen wollen, sind auch Egos betroffen. Gerade in Organisationen, bei denen eine einzelne Person oder eine kleine Gruppe den Laden schmeisst, kann es schwierig sein, loszulassen und ins zweite Glied zu treten. Es braucht also auch Vorstände, welche sich nicht selbst in den Vordergrund stellen, sondern denen es um die Sache geht. Und es braucht Menschen, die sich freuen, wenn ihr "Baby" in einer neuen Organisation aufgeht und bessere Entwicklungschancen erhält.
 
Und zu guter Letzt gibt es dann noch die juristischen Hürden zu beachten, welche das Fusionsgesetz auch Verbänden auferlegt, die sich zusammenschliessen wollen. Die Formalien sind nicht unüberwindbar, aber doch anspruchsvoll.
 
Bevor Sie also das nächste Mal nach der Fusion von IT-Verbänden rufen, bedenken Sie, dass sehr viele Aspekte zu beachten sind. Ohne einen klaren Mehrwert – besonders für die Mitglieder – macht ein Zusammenschluss einfach keinen Sinn. Auch wenn IT-Journalisten natürlich gerne nach entsprechenden Geschichten lechzen…
 
Jean-Marc Hensch (59) vertritt als Geschäftsführer von Swico die Interessen der Anbieterfirmen aus den Bereichen Hardware, Software, ICT-Dienstleistungen und Unterhaltungselektronik. Er äussert als Kolumnist für inside-it.ch und inside-channels.ch seine persönliche Meinung und twittert als @sosicles.