"Wir stehen vor Goldgräberzeiten!"

Gregor Stücheli. Bild: hc
Inventx-Chef Gregor Stücheli im Gespräch über Outsourcing, das Cloud-Geschäft und die Welt der Fintechs und Banken.
 
Der 220-Mann-Betrieb Inventx ist einer der Gewinner der letzten Jahre. Während etwa Swisscom, B-Source und T-Systems Mühe haben die Kunden zu halten, gewinnt Inventx Kunden. Und auch der Swiss-Life-Deal war ein Coup, denn plötzlich ist Inventx jemand im Cloud-Business. Ausserdem haben die Firmeninhaber mit Proventx ins ERP-Business investiert und scheinen langsam auch hier einen potenten Player aufzubauen.
 
Gregor Stücheli war ab 2004 Schweiz-Chef von T-Systems und hat mit Hans Nagel Inventx 2010 als Abspaltung davon gegründet. Der Betriebswirt sprach mit inside-channels.ch unter anderem über die Bewegung im Outsourcing-Markt, Fintech-Ambitionen und das Gerangel im Cloud-Business.
 
Der Banken-Outsourcing-Markt scheint verteilt. Wird er je wieder in Bewegung kommen?
 
Gregor Stücheli: Der Markt für Fulloutsourcing für Banken in der Schweiz ist gesättigt. Etwa 80 Prozent der Banken, ohne UBS und CS, haben Sourcing-Entscheide getroffen. Ausgenommen sind Julius Bär, Vontobel, Sarasin und einige weitere. Es gibt nicht mehr viele grosse Kunden, die man neu akquirieren könnte. Aber Clientis hat gezeigt, dass Banken den Provider wechseln können. Das zeigt den Banken, dass sie ihrem Outsourcing-Provider nicht ausgeliefert sind und der Markt durchaus spielt.
 
Es fällt schon auf: Wenn ein Projekt nicht so gut läuft, wird über jeden Aspekt berichtet. Wird aber ein Projekt wie das von Clientis ohne Probleme umgesetzt, wird das fast totgeschwiegen. Immerhin haben 25 Banken per Ende 2017 den Provider gewechselt. Die Kunden konnten am 1. Januar Geld von den Bankomaten beziehen und am 3. Januar Börsenhandel betreiben.
 
Das Clientis-Projekt hat gezeigt, dass Banken den Provider wechseln können – das ist gut für uns. Noch mehr Potential für Inventx löst aber die Digitalisierungswelle aus. Es geht nicht mehr nur darum, Finnova oder Avaloq zu betreiben. Das können wir ohnehin. Es geht je länger desto mehr darum, auch die Umsysteme der Fintechs zu betreiben. Sei es Video-Onboarding, eine Identifikationslösung oder Software für Risk-Management: Es gibt etwa 140 Startups in der Schweiz, die Applikationen für Banken entwickeln. Diese müssen integriert und betrieben werden. In diesem Markt sehen wir ein riesiges Wachstumspotential.
 
Hat Inventx das Know-how, um Integrationsdienstleistungen zu erbringen?
 
Gregor Stücheli: Selbstverständlich. Wir haben bereits Integrationsdienstleistungen für Kunden erbracht, deren Kernbankenlösung wir nicht betreiben. So haben wir zum Beispiel die Video-Onboarding-Lösung von CB Financial Services für Raiffeisen aufgebaut und integriert.
 
Und wir haben ein eigenes Produkt für Fraud Detection basierend auf Splunk entwickelt. Der erste Kunde war die Migros Bank. Jetzt ist die Lösung bei Dutzenden von Banken im Einsatz.
 
Ist Inventx also ein Fintech?
 
Gregor Stücheli: Wir sind agil, schnell und innovativ wie ein Fintech. Aber primär sind wir ein stabiler, sicherer Provider. Das ist das Spannungsfeld, in dem wir uns bewegen. Der Dialog zwischen unseren Leuten, die coole neue Lösungen entwickeln, und den Mitarbeitenden, die Bankapplikationen sicher und stabil betreiben, macht unsere Kultur aus.
 
Technologie wird wichtiger und es gibt Stimmen, die sagen, es sei falsch, wenn Banken ihre Kerntechnologien auslagern. Denn Outsourcing mache sie immobil und sie würden die Kompetenzen über ihre Systeme und die Schnittstellen verlieren. Marianne Wildi von der Hypi Lenzburg sagt das ja schon lange.
 
Gregor Stücheli: Frau Wildi hat den richtigen Provider noch nicht kennengelernt. "Kundenorientierung" ist ein abgedroschener Begriff und trotzdem eben sehr wichtig. Wenn sie gelebt wird. Wir machen beispielsweise alle sechs Wochen Mitarbeiterveranstaltungen, zu denen wir auch Kunden einladen. Wir stellen sicher, dass an den Meetings nicht nur über Technik, sondern über die Kunden gesprochen wird. Wer mit einem Provider arbeitet, der sich an den Kunden orientiert, verliert die Agilität nicht.
 
Es ist besser, wenn eine Bank ihre Leute dafür einsetzt, wie sie die Bank verändern können, anstatt sie für den Betrieb der Kernbankenlösung und die Integration von Umsystemen zu "verschleissen". Alle Banken haben Digitalisierungsprojekte, weil sie den Anschluss nicht verpassen wollen. Aber vordringlich sollten sie sich mit der Frage beschäftigen, wie sie das Kundenerlebnis verbessern können. Sie müssen sich fragen, wie sie die Bedürfnisse der Kunden mit neuen Technologien befriedigen können.
 
Dafür müssen Banken aber die neuen Technologien verstehen und wissen, wie man sie einsetzen kann. Wenn man alles auslagert, kennt man die Technologien nicht.
 
Gregor Stücheli: Ich fahre Tesla, weiss aber nicht, wie die Batterie funktioniert. Unsere Leute sollen keine Fachidioten sein. Sie sollen Technologien kennen, doch vor allem sollen sie den Kunden verstehen. Sie sollen vor Ort bei der Bank sein und Vorschläge bringen, wie man zum Beispiel Prozesse automatisieren könnte. Wir wissen nicht genau, wie eine Bank in zehn Jahren aussehen wird. Die Bank selbst weiss es aber auch nicht. Zusammen entstehen die guten Ideen.
 
Sprechen wir über Cloud-Computing. Inventx hat Swiss Life als Cloud-Kunden gewonnen und ist damit plötzlich ein Player im Cloud-Business.
 
Gregor Stücheli: Vor drei Jahren war die Swiss-Life-Spitze in Redmond und hat sich zeigen lassen, wie Cloud-Computing das Business flexibilisieren kann. Swiss Life fragte nach einem geeigneten Provider für eine hybride Cloud. Unter neun Firmen, die Microsoft nannte, war Inventx. Bei Swiss Life hat man uns nicht einmal gekannt. Für den Zuschlag entscheidend war aus meiner Sicht, dass wir rasch Antwort geben konnten und transparent waren. Dass wir offen sagten, was wir können, was wir testen müssen und was nicht möglich ist. Für uns ist ein zentraler Wert, dass Kunden uns als Partner sehen, dem sie voll und ganz vertrauen können.
 
Nun wird Microsoft eine eigene Azure-Cloud in der Schweiz bauen. Warum braucht es Euch denn noch? Microsoft wird doch sicher günstiger anbieten.
 
Gregor Stücheli: Nie. Und ausserdem geht es nicht nur um den Preis. Ich finde es super, dass Microsoft mit einer eigenen Cloud in den Markt kommt. Die werden Lärm machen, bis der letzte IT-Mensch in der Schweiz Azure kennt. Microsoft wird die Cloud in der Schweiz richtig marktfähig machen.
 
Marianne Janik sagte mir sehr deutlich, dass Microsoft auf niemanden in Sachen Preisen Rücksicht nehmen wird.
 
Gregor Stücheli: Das ist ok. Wir dürfen einfach nicht teurer als Microsoft sein. Wir waren auch im Swiss-Life-Case nicht wirklich teurer, als die Microsoft-Cloud im Ausland. Grosskonzerne haben viele Overhead-Kosten.
 
Wir bauen für unsere Kunden hybride Lösungen. Ein Kunde kann neunzig Prozent der Workload bei Microsoft haben und zehn Prozent bei uns.
 
Es wird genug Potenzial im Markt für Microsoft, aber auch für uns geben. Wir haben die letzten zwei Jahre gelernt, wie man Applikationen in eine Cloud bringt. Dieses Know-how wird sehr gesucht sein. Wir sind bereits daran, mit fünf Firmen Proof of Concepts für die Migration in die Cloud zu erarbeiten. Wir hoffen, dass wir die eine oder andere dieser Firmen als Kunden gewinnen können.
 
Dann hat Inventx eher ein Wachstumsproblem?
 
Gregor Stücheli: Hoffentlich! Wir können nur beschränkt wachsen, denn wir können maximal 30 bis 50 neue Leute pro Jahr einstellen. Es ist nicht einfach, Fachleute zu finden, die zu unserer Firmenkultur passen.
 
Muss Inventx Infrastruktur abschreiben, weil die Kunden in die Schweizer Microsoft-Cloud migrieren werden?
 
Gregor Stücheli: Nein. Grossfirmen brauchen gewisse Servicelevels und ich bin nicht sicher, ob ein Konzern wie Microsoft diese bieten kann. Ich denke, es gibt immer eine Nische für uns. Wenn der Kunde merkt, dass wir für ihn mitdenken und Tag und Nacht für ihn da sind, gibt es einen Markt für uns. Mehr noch: Der Markt beginnt sich erst zu entwickeln. Wir stehen vor Goldgräberzeiten!
 
Das Swiss-Life-Projekt hat uns sehr viel Schub verliehen, aber auch Clientis: Wir haben bewiesen, dass Banken mit ihrer Kernbankenlösung bei uns am vorgesehenen Tag live gehen. Und wir haben gezeigt, dass wir eine hybride Cloud-Umgebung on time und on budget realisieren können.
 
Sprechen wir über Proventx. Microsoft wird auch Dynamics 365 in der Schweiz selbst betreiben. Gut oder schlecht für die Schwesterfirma von Inventx?
 
Gregor Stücheli: Super! Proventx muss nicht Standardprodukte anbieten. Wir müssen die Kunden verstehen. Bei Proventx ist es die Industrie, bei Inventx Banking. In unserer Cloud können die Fintech-Applikationen betrieben werden, kombiniert mit Office 365 von Microsoft. Ein Cloud-Provider muss sich auf Branchen spezialisieren und den Kunden helfen zu entscheiden, welche Produkte er lokal und welche global beziehen will. Ich denke, wir sind in einer guten Position.
 
Letzte Frage: Sie haben nun Inventx und Proventx mit aufgebaut. Beide Firmen haben Erfolg. Wie lange machen Sie es noch?
 
Gregor Stücheli: Wenn 60 das neue 40 ist, dann habe ich noch ein langes Leben vor mir. Ich bin sozusagen knapp aus dem Teenager-Alter heraus und das Leben beginnt erst richtig. Ich hoffe, ich kann noch zwanzig bis dreissig Jahre mitmachen. Ich will aber nicht auf dem Sessel kleben. Wenn meine Leute sagen, dass sie mich nicht mehr brauchen, dann gehe ich sofort. Aber heute haben wir eine enorm gute Mannschaft und ich habe auch Zeit für andere Ideen, die sich aus der Digitalisierung ergeben. Zum Beispiel für das Startup Locatee, das wir mitfinanzieren. Solange ich bei solchen Projekten mitarbeiten kann, sehe ich keinen Grund, aufzuhören. (Gespräch: Christoph Hugenschmidt)
 
Interessenbindung: Inventx ist ein Werbekunde unseres Verlags.