Schweizer zeigen ihre digitalen Fabriken

Christoph Krammer (Global Managing Director - Technology, Accenture) begrüsst die Besucher am Stand des Beratungsunternehmens; Rechts: ICTswitzerland-Geschäftsführer Andreas Kaelin. (Bild: kjo)
Informatik und Industrie wachsen zusammen: Ein Besuch an der "Hannover Messe".
 
Dem roten Fähnchen folgend, den Kopfhörer für das Funkmikrofon auf Kanal 1 eingestellt, geht es durch die Halle 27 der Industriemesse "Hannover Messe". Die Schweizer Delegation, die für den Tag mit ICTswitzerland und T-Link nach Deutschland gereist ist, wird durch das Stimmengewirr der vollen Gänge geführt, um im Laufe des Tages auf dem weltweit grössten Messegelände die neusten IT- und Industrie-Trends zu entdecken.
 
Das rote Fähnchen bleibt stehen. "X marks the spot", so das auffällige Logo des Partnerlands Mexiko. Carlos Sánchez, Regional Director für Europe und Afrika der Wirtschaftsorganisation ProMexico, gibt einen Einblick in die Industrie- und IT-Wirtschaft Mexikos und beschreibt die Beziehung zwischen dem lateinamerikanischen Land und der Schweiz. Er wird nicht der Letzte sein, der der Delegation erklärt, wie wichtig doch die Schweiz als Handelspartner sei.
 
13 auf Innovation und Forschung und Innovation spezialisierte Schweizer Startups sind Teil des "Swiss Pavilions 'Research & Technology'", erklärt Reto Schoch, mitverantwortlich für die Schweizer Gemeinschaftsstände. "Häufig ist es das erste Mal, dass die Jungunternehmen ihre Produkte am Markt testen", führt Schoch aus, während er die Delegation durch den Stand führt. Schlag auf Schlag dürfen die Reisenden denn auch die neuesten Industrie-Innovationen aus der Schweiz kennen lernen. Darunter eine Art Gehilfe für Muskelschwache Menschen von MyoSwiss. Die Hose, die Textilien mit Robotik-Elementen verbindet, hat das Jungunternehmen jedoch nicht dabei, da man sich noch im Prozess des Copyrights befinde. Der vierbeinige Roboter "ANYmal" von Anybotics sei ein Publikumsmagnet und "hat es sogar in die Spätnachrichten von 'ARD' geschafft", freut sich Schoch. Vermutlich im Zusammenhang mit dem traditionellen Rundgang von Kanzlerin Angela Merkel, denkt sich die Schreibende.
 
Die jungen Forscher, wie auch die Präsentatoren am zweiten "Swiss Pavilion" - der "Digital Factory", freuen sich sichtlich, ihre Produkte und Lösungen vor den zahlreichen Besuchern präsentieren zu dürfen. Es wird zum "Vorbeischauen" an den einzelnen Ecken des Pavilions aufgefordert und mit "es gibt Bier bei uns" gelockt. Doch lässt das Programm kaum grosse Abstecher zu, dem Fähnchen wird weiter gefolgt zu Networking Lunch, Showcases und dem abschliessenden Apero.
 
In je dreiminütigen Pitches dürfen die Aussteller der "Digital Factory" ihre Ideen vorstellen. Mal besser, mal schlechter sind die über das Funkmikrofon auf die Kopfhörer übertragenen Präsentationen zu verstehen, doch das Interesse der Besucher, die seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen sind, ist gross. Gezeigt wird unter anderem eine Alternative zu Power Point von Side Effects, mit der sich komplexe Verfahren visualisieren lassen. Aufmerksam hört die Schweizer Delegation auch Marco Slongo, CMO von Hivemind zu. Das Zürcher Unternehmen setzt gerade ein IoT-Pilotprojekt in Basel um. Bei ThingsBy7 handelt es sich um ein SIX-internes Startup, das sich als Link zwischen E-Commerce-Playern
ANYmal könnte etwa für Inspektionen in gefährlichem oder unwegsamen Gelände eingesetzt werden. (Bild: kjo)
und Smart-Device-Herstellern versteht. "Ihr Haushalt sollte nicht ihr zweiter Job sein", so Ivana Supalova, die eine Welt vorstellt, in der der Kühlschrank einkauft und die Waschmaschine sich selbst darum kümmert, wenn sich das Waschmittel langsam zu Ende neigt.
 
Neben den "Jungen" zeigen sich auch die "Alten"
Während die "Jungen" um Aufmerksamkeit hoffen, unbedingt eine Visitenkarte der Schreibenden wollen, ist es bei den "Alten" nicht immer ganz so einfach. "Also wenn sie etwas zitieren wollen, machen wir das besser schriftlich", so eine Antwort auf die Frage, was denn Digitalisierung für das Unternehmen bedeute.
 
Beinahe im Gänsemarsch, noch immer mit Kopfhörern ausgestattet, geht es weiter zu SAP. "Wir schaffen das Fliessband ab", sagt Ralf Lehmann, Solution Management Digital Manufacturing. Der ERP-Hersteller zeigt an der Messe unter anderem eine mobile, smarte Werkbank, die als Alternative zu einem Fliessband zum Einsatz kommen könnte. Einen Fokus legt Lehmann auch auf den "Digitalen Zwilling", über den sich Systeme, Maschinen und Prozess über den gesamten Lebenszyklus hinweg überwachen und analysieren lassen können.
 
Neben SAP gehört auch Accenture zu den Partnerunternehmen der Messe-Reise von ICTswitzerland. Der IT- und Outsourcing-Berater zeigt in Hannover wie künstliche Intelligenz, neue Prozesse oder Sensoren Design- und Produktionsabläufe verändern können. Die Zusammenarbeit von Mensch und künstlicher Intelligenz wird anhand eines Design-Prozesses für das Innenleben eines Flugzeugs gezeigt. Eine Software, mit Bildern von Hotel-Lobbys gefüttert, analysiert die Räume und generiert Vorschläge und Modelle, der Mensch beurteilt diese und trifft die Entscheidungen.
 
Die Schweiz und Deutschland sind wichtige Handelspartner für einander. Sowohl für Importe als auch für Exporte liegt die Schweiz für Deutschland klar in den Top-10. Ein Drittel der Schweizer Importe stammen aus Deutschland. 152 Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften Schweizer Firmen in Deutschland. Dies nur einige Fakten des Gesandten der Schweizerischen Botschaft in Deutschland, Viktor Vavricka, der stellvertretend für die Botschafterin Christine Schraner Burgener, die Schweizer Delegation begrüsst. Die Botschafterin selbst ist gerade zu Besuch in der Schweiz. "Passend", raunt es im Saal.
 
Die Hannover Messe verbindet Industrie und Informatik und hat sich in den vergangenen Jahren zu einer durchaus gewichtigen Konkurrenz zur CeBIT entwickelt, wie einer der Teilnehmer sagt. ICTswitzerland-Geschäftsführer Andreas Kaelin beurteilt die Delegationsreise an die Industriemesse, die dieses Jahr zum ersten Mal in dieser Form durchgeführt wurde, als Erfolg. "Nächstes Jahr werden wir ein grösseres Flugzeug brauchen."
 
Vor der Rückreise darf noch ein letztes Mal genetworked und mit einem kalten Bier angestossen werden. Doch schon bald weist ein letztes Mal das rote Fähnchen den Weg durch das emsige Treiben in der Halle, zwischen pitchenden Unternehmen und vorbei an den Aufsehen erregenden Robotern zum wartenden Bus. (Katharina Jochum)
 
Interessenbindung: Die Autorin wurde von ICTswitzerland und T-Link zur Delegationsreise eingeladen (Flug, Transfer, Messeticket).