Wie Klara zum digitalen Assistenten für KMU werden will

Klara-CEO Renato Stalder am Launch-Event.
Bislang gab es beim Abacus-Bexio-Sage-Konkurrenten nur Lohnbuchhaltung. Nun kommt die Fibu. Aber Klara hat viel grössere Pläne und investiert Millionenbeträge.
 
Die Schlacht um die Digitalisierung der Schweizer KMU mit Gratis-Software geht in eine neue Runde. Eingeläutet hat sie Klara, ein Startup, das der Axon-Firmengruppe gehört.
 
Das drittjüngste Startup von Axon, 2014 gegründet, launchte Ende 2016 relativ unspektakulär eine Lohnbuchhaltung, als Wiederauferstehung des nie geborenen Swisscom-Axon-Produkts Admino unter neuer Flagge.
 
Man musste bei Klara also nicht bei Null beginnen und konnte auf BPM-Knowhow der früheren Soreco aufbauen und ebenso auf Payroll-Erfahrungen der Axon-Gruppe. Dies erläuterte Axon-Gruppen-CEO Peter Delfosse am Launchevent von Phase zwei von Klara in Luzern.
 
In dieser Phase ist nun eine integrierte Finanzbuchhaltung (Fibu) für einfachere Buchhaltungen von KMU verfügbar. Die Fibu ist laut den Verantwortlichen KI-basiert und lernfähig. Dies geht vom Auslesen von PDF-Rechnungsdaten auf Zahlungsempfänger, Hinweise auf korrekte Verbuchung bis hin zur Zahlungsauslösung und dem Buchhaltungsabgleich.
 
Am Fibu-Launch-Event demonstriert wurden durchgängig digitale, teils manuell ausgelöste, teils automatisierte Standardprozesse anhand einer Swisscom-Rechnung und einem Restaurantspesenbeleg. Nach einem Drag & Drop ins System erfolgte bei der Demo die Datenauslese und Integration in die Buchhaltung innert Sekunden. Ebenfalls gelang die Erfassung von Neukunden oder -lieferanten aus dem Handelsregister per Mausklick.
 
Weitgehende Digitalisierung ermöglichen
Lohn und Fibu sind zwei Elemente, die Klara als eigentlichen "Digitalen Assistenten" etablieren sollen. Man will aber Firmen bis 30 oder 40 Mitarbeitern viele weitere Routineaufgaben abnehmen und erleichtern und automatisieren was möglich ist. Diese Aufgaben betreffen nicht nur die Administration (Löhne, Buchhaltung, Versicherungen, Zahlungen), sondern auch Sales (Offerten, Rechnungen) und Online-Marketing sowie simplere Kundenacquise und -bindungsaufgaben. Auch das Offline-Inkasso via Tablet-Kasse und Six-Terminal launcht man noch in diesem Quartal, wurde angekündigt.
 
Dabei setzt man bei Klara nicht auf ein "best-of-Breed"-Ökosystem, das Tools mehrerer Schweizer Softwarehersteller via API in einer Cloud zusammenführt wie das kürzlich gegründete swiss21.org-Konglomerat. Man baut die Technologie für all diese Routineaufgaben weitgehend selbst.
 
Das könne Klara aus drei Gründen wagen. Erstens habe man Klara aus Sicht von KMU-Prozessen konzipiert und müsse das schon fast selbst umsetzen. Zweitens setze man auf der AXON Ivy-BPM-Engine auf, hat also schon Technologie. Und drittens kann Klara die Technologie und Ressourcen der anderen Axon-Firmen nach Bedarf nutzen. Das geht von KI, Datenvernetzung bis hin zu Geodaten und rund 50 Entwicklern aus dem Axon-Pool in Vietnam, wie Klara-CEO Renato Stalder im Gespräch erklärt.
 
Jetzt muss alles rasch gehen
Mit der Plattform können KMU merkliche Effizienzgewinne verzeichnen, so das Werbeversprechen. Jetzt gilt es, entsprechend Akzeptanz im Massenmarkt von Kleinfirmen zu gewinnen. 20'000 bis 30'000 müssen es bald sein, sind sich Launcheventgäste einig. Bislang habe man mit der Lohnbuchhaltung 6000 Kunden gewonnen, so Axon-CEO Delfosse.
 
Das Ziel seien laut Businessplan 43'000 Klara-Kunden bis 2021, ist zu hören. Im Vergleich dazu peilt swiss21.org bis 2020 50'000 Kleinfirmen an.
 
Das rasche Wachstum ist überlebenswichtig für Klara. Neben den technischen Features und zeitgemässem "Look & Feel" lockt man wie auch die Konkurrenten damit, die Klara-Basisversion sei kostenlos. Damit richtet man sich aktuell primär an technikaffine Kleinfirmen, genannt werden Werber, Architekten oder Startups. Aber die Axon-Gruppe ist auch heute schon stark in der Gastrobranche vertreten. Auch sie dürften Besuch von Aussendienstlern erhalten.
 
Aber rasch wachsen muss Klara auch, um überhaupt KMU-Nutzer zu finden. Um das Versprechen "digitaler Assistent" einzuhalten, müssen unbegrenzt Versicherungen und Banken andocken können und wollen. Sonst ist für Unternehmer der Wechsel nicht interessant.
 
Die heutigen 6000 Kunden entlocken den Grossbanken noch kein "Wow!". Aber immerhin ist die Valiant Bank ein Vorreiter. Bei dieser kann der Unternehmer Zahlungen ab sofort direkt aus der Buchhaltung ins E-Banking übermitteln, beziehungsweise sein Konto und die offenen Buchhaltungspositionen synchronisieren, so eine separate Mitteilung der Bank.
 
Und was interessiert die Banken daran? Die Partnerschaft mit Klara sei zum einen Kundenbindung, zum andern Teil diverser Open-Banking-Aktivitäten, sagte Valiant-GL-Mitglied Christoph Wille im Gespräch. Die Anbindung von Klara-Konkurrent Bexio sei geplant.
 
Geld verdient die Bank mit Klara keines, beziehungsweise nur wenn sie ein Produkt verkaufen kann, aber Kosten entstehen an der Schnittstelle zur eigenen IT.
 
Versicherungen sind USP und Einnahmequelle
Für Klara selbst ist Anbindung von Banken und externen Datenquellen wie dem Handelsregister wichtig, aber noch interessanter sind Versicherungen. Dies, weil Klara-Konkurrenten aktuell den Papierkrieg mit Versicherungen nicht beseitigt haben. Bereits ist die Suva an Bord, aber auch Mobiliar mit ihren vielen KMU-Kunden ist dabei.
 
Die Versicherungen sind zudem wichtige, fest eingeplante Einnahmequellen für Klara: Sie erzielen Effizienzgewinne durch den digitalisierten Verkehr mit Versicherten und entlöhnen dafür Klara mit Geld. Gleichzeitig lernen Versicherungen etwas über die Digitalisierung im Allgemeinen und bei KMU im Speziellen, so ein Versicherungsvertreter im Gespräch. Irgendwann sollen dann neuartige Versicherungsprodukte für Klara-Nutzer entstehen. Aber das ist noch Zukunftsmusik.
 
Wie lange halten Investoren durch?
Aktuell zählt Klara in der Schweiz rund 50 Mitarbeiter, darunter 20 Aussendienstler, so Jens Margraf, Chief Product Officer. Diese sind bei zwei Klara-Firmen tätig, die zusammengeführt werden sollen. Mit den Entwicklern in Vietnam, den Axon-Firmen und den Axon-Investoren kann Klara theoretisch rasch wachsen und rasch neue Features rausbringen. Vorderhand muss Axon kräftig in Klara investieren: Etwa eine halbe Million Franken werde monatlich "verbrannt", bestätigen Stalder und Margraf.
 
Wie lange halten das die Axon-Investoren durch? Klara ist noch ein kleines Pflänzchen, das wohl fünf Jahre Finanzspritzen benötigen dürfte. Axon-Gruppen-CEO Delfosse zeigt sich aber überzeugt, die Investoren hätten die nötigen Mittel und die Geduld. (Marcel Gamma)