IBM: Schweizer Forscher verändern die Welt

Ginni Rometty, CEO IBM.
In Zürich arbeiten IBM-Forscher an IT-Technologien, die schon in wenigen Jahren die Welt verändern könnten.
 
Ein ganz besonderes Präsentationsformat hatte sich IBM für seine diesjährige Kundenveranstaltung Think in Las Vegas ausgedacht. So gab es am Vortag der eigentlichen Kongresseröffnung eine Art Reise in die Zukunft. Fünf IBM-Forscher präsentierten in jeweils fünf Minuten neue Technologien, die schon in fünf Jahren die Welt verändern werden. Zwei davon kamen vom IBM-Research-Center in Zürich. Andreas Kind sprach über die neuesten Entwicklungen bei der Blockchain-Technologie und den sogenannten Crypto-Ankern, seine Kollegin Cecilia Boschini referierte über ihre Arbeiten auf dem Gebiet der Gitterkryptographie.
 
Mehrdimensionale Algebra-Gitter gegen Quanten-Hacker
Während das allgemeine Verständnis bei der Blockchain-Technologie bereits relativ hoch ist, dürften Boschinis Ausführungen für die meisten der 34'000 Teilnehmer Neuland gewesen sein. Ihr Ansatz für eine neue Stufe der IT-Sicherheit basiert auf einer Art mehrdimensionalen Algebra-Gitter und sei damit allen bisherigen Verschlüsselungsverfahren hoch überlegen. Grund für diese neue Sicherheitsstufe ist das Aufkommen von Quantencomputern.
 
Laut IBM werden diese neuen Super-Supercomputer schon in wenigen Jahren auf den Markt kommen und damit die heutige Form der IT-Sicherheit obsolet machen. "Quantencomputer sind so leistungsstark, dass alle heute bekannten Verschlüsselungen in wenigen Sekunden knacken können", sagte Boschini in ihrer Präsentation.
 
Krypto-Anker gegen Medikamenten-Panscherei
Da Blockchain an sich ja nichts Neues mehr ist, ging Boschinis Kollege Kind überwiegend auf sein Konzept der Crypto-Anker ein. In Verbindung mit Blockchain soll sich damit die Produktpiraterie deutlich eindämmen lassen.
 
Knapp gesagt funktioniert das folgendermassen: Mit dem Einsatz von Blockchain in der Logistik, lässt sich der Weg eines Produktes bis zu seinem Ursprung fälschungssicher zurückverfolgen. Insofern erschwert das bereits die Herstellung und den Vertrieb von gefälschten Produkten. Doch beim Kampf gegen Produktpiraten geht es nicht so sehr um gefälschte Handtaschen oder Schuhe, sondern zunehmend auch um lebensbedrohende Produkte, wie gepanschte Medikamente oder wichtige Ersatzteile, wie Bremsen oder On-Board Computer. Laut Kind wird das Problem der Fälschungs-Identifikation noch dadurch erschwert, dass immer häufiger nur bestimmte Teile oder Stoffe eines Endproduktes nicht dem Original entsprechen. "Die nachgemachten Teile sind äusserlich kaum noch vom Original zu unterscheiden, da man für den äusseren Aufbau echte Komponenten verwendet", so Kind.
 
Um dieses Problem zu lösen will er in alle Komponenten und Werkstoffe so genannte Krypto-Anker integrieren, die wie eine Art Fingerabdruck funktionieren. Mit einem Smartphone lassen sich diese Krypto-Anker erfassen und über eine Cloud gibt es sofort ein Feedback über die jeweilige Komponente.
 
Maersk und IBM: Blockchain in der Logistik
Während das noch Zukunftsmusik ist, sind die Arbeiten an der Business-Nutzung von Blockchain bereits weiter fortgeschritten. So experimentiert der weltweit grösste Container-Shipper, Maersk, gemeinsam mit IBM, um mit Hilfe der Blockchain-Technologie den Papieraufwand beim internationalen Warenversand zu reduzieren.
Die IBM-Think-Konferenz ging vergangene Woche in Las Vegas über die Bühne.
 
"20 Prozent der heutigen Transportkosten entfallen auf die Dokumenterstellung und Weiterverarbeitung", sagte Michael White, Projektleiter des Joint Ventures von Maersk und IBM in seiner Präsentation. Doch bekanntermassen ist die Blockchain-Technologie noch nicht überall vollends akzeptiert. Auch viele Analysten sind bei ihrer Einschätzung von Blockchain noch sehr zurückhaltend.
 
Das liege vor allem am Negativ-Image, das durch die Krypto-Währung Bitcoin entstanden ist. "Die technischen Probleme von Blockchain sind bescheiden im Vergleich zu den kulturellen und emotionalen Barrieren", sagt Dwight Klappich, Vice President bei Gartner. Er meint, dass derzeit 90 Prozent des Widerstandes gegen Blockchain auf irrationale Beweggründe zurückzuführen sei. Er vergleicht den gegenwärtigen Blockchain-Hype mit dem RFID-Hype vor 15 Jahren. "Als Walmart die Einführung von RFID-Etiketten für alle Lieferanten zur Pflicht machte, glaubten alle, das sei der Durchbruch. Doch Walmart stellte das Projekt schnell wieder ein, und selbst heute ist RFID noch nicht als Mainstream-Etikett anzutreffen", lauten seine Bedenken.
 
Watson, Watson über alles
Weitere Bereiche, über die man IBM gerne redet, sind Watson und die Cloud. Watson ist das absolute Top-Thema bei IBM. Seit dem man vor sieben Jahren mit Watson einen TV-Quiz gewonnen hat, baut IBM-CEO Ginni Rometty dieses KI-System zum Kernelement ihrer Unternehmens-Strategie aus. Zumindest nach aussen hin erscheint dieser Weg bislang konsequent. Man könnte fast glauben, dass IBM niemals etwas mit Hardware, Betriebssystemen oder Middleware zu tun hatte.
 
Was Watson anbelangt, so spricht man bei IBM in Anlehnung an Moore und Metcalfe bereits von "Watsons Law". Danach sollen schon bald die 80 Prozent der Daten, die bislang ungenutzt sind, analysierbar sein und aktiv zum Unternehmenserfolg beitragen. "Wir bieten jetzt AI-Tools an, die sich als eigenständige Ebene in jede Art von Anwendungen einbetten lassen", so Rometty weiter. Als herausragendes Beispiel verweist sie auf die eben bekannt gegebene Kooperation mit Apple. Hierzu kündigte man die beiden Tools "Watson Services for Core Machine Learning" (ML) und die "Cloud Developer Console for Apple" an.
 
Darüber hinaus präsentierte man einen ganzen Strauss an neuen Watson-Anwendungen, die von der Plankton-Forschung in der Tiefsee bis hinauf zur Astronauten-Unterstützung in der ISS-Raumstation reichen.
 
Drei Elemente sind es, die dabei in verschiedenen Ausprägungen zum Einsatz kommen: Erstens, das Cloud- und API-basierte Watson-System; zweitens, sehr moderne Machine-Learning-Algorithmen und drittens, eine komplexe Spracherkennung.
 
Bei den vielen Anwendungsbereichen, die IBM derzeit für Watson anpeilt, übersieht man sehr schnell das, was nach kurzer Zeit wieder verworfen wurde. So fokussierte man sich nach dem TV- und PR-Erfolg mit Jeopardy auf Anwendungen in der Medizin. Mit verschiedenen Krankenhäusern, Ärzten und Apotheken wurden Projekte im Bereich Diagnose und Früherkennung gestartet. Davon ist so gut wie nichts übrig geblieben. Auch bei Banken und Versicherungen gibt es unterschiedliche Aussagen über den praktischen Nutzen von Watson.
 
Nicht nur bei den Aufgaben, sondern auch hinter den Watson-APIs hat sich viel getan. "Von der ursprünglichen Technologie, die bei dem TV-Quiz zum Einsatz kam ist nicht mehr viel übrig geblieben", sagt Ruchir Puri, IBM Fellow und Chef Architekt des Watson-Systems. Das, was noch genutzt wird, sind vor allem die Parsing-Technologien der Spracherkennung. "Die heutigen Analyse-Tools wurden alle erst vor kurzem entwickelt", so Puri weiter. (Harald Weiss, Las Vegas)