SAP-Anwender fordern, rätseln und kritisieren

Ralf Peters. Bild: DSAG
"Auf Vordenken programmiert - Intelligente IT macht den Unterschied" lautet das Motto der Technologietage der SAP-Anwender­vereinigung DSAG. 2300 Besucher diskutieren dort, wie Software die Digitalisierung steuert, und wie SAP deren Stabilität verbessert.
 
Digitalisierung als Ziel: "Unternehmen müssen verstärkt in die Technologie investieren, in das Know-how ihrer Mitarbeiter und in deren Bereitschaft, die neuen Wege zu gehen", erläutert Ralf Peters, DSAG-Vorstand Technologie. Die Technologiebegriffe im Rahmen der Digitalisierung reichen von Cloud-Computing bis hin zu Industrie 4.0.
 
Parallel zum Standardbetrieb müssen Unternehmen laut Peters immer schneller neue Geschäftsprozesse realisieren. Dadurch geraten agile Entwicklungsansätze in den Fokus. "Die dafür nötige Geschwindigkeit lässt sich mit klassischen ERP-Systemen kaum noch leisten. Die IT muss dennoch schneller und flexibler werden, um in immer kürzeren Zyklen neue Features anbieten zu können." Ergänzende Cloud-Lösungen seien ein gutes Vehikel, um die neuen Ansätze mit wenig Aufwand in bestehende IT-Landschaften zu integrieren. Der Vorteil dabei: bestehende IT-Gesamtkonzepte müssen nicht angefasst werden.
 
Eine Cloud-only-Strategie lehnen SAP-Kunden ab
Beim Thema Cloud sind die Prioritäten von SAP und der Anwender nicht deckungsgleich: Während SAP gerne so viele Applikationen wie möglich in die Cloud schieben will, halten Anwender an ihren jahrelang aufgebauten Inhouse-Systemen fest und erweitern diese fallweise um Cloud-Module. Der Einsatz von SAP-Cloud-Anwendungen nimmt laut DSAG zwar zu, aber es sei wichtig, dass bei der Weiterentwicklung des SAP-Portfolios aus der "Cloud-first-" keine "Cloud-only-Strategie" wird. Zumindest temporär sei in Zukunft eine Zweigleisigkeit von Cloud und On-Premise-Lösungen nötig. "Um Projekte mit der SAP Cloud Platform und hybriden Landschaften zu realisieren, braucht es hybride Szenarien, gut ausgebildete Berater und neue Qualifizierungsmöglichkeiten der entsprechenden Basisteams", erläutert Peters.
 
Bei Enhancement Packages hakt die Qualität
Hybride Ansätze könnten Unternehmen nur dann umsetzen, wenn die Qualität der Software stimmt. Das ist aktuell laut Peters bei SAP nicht immer der Fall. So mussten in der Vergangenheit oft Enhancement Packages zeitaufwendig nachgebessert werden. "Solche Nachbesserungen erzeugen einen erhöhten Aufwand und einen Geschwindigkeitsverlust", kritisiert der DSAG-Technologievorstand. "SAP sollte hier die Qualitätsschraube noch etwas fester anziehen."
 
SAP Leonardo bündelt Internet of Things und Blockchain
"Um in die Digitalisierung einzusteigen, benötigen Unternehmen zum einen Daten, und zum anderen eine Plattform, auf der sie die Informationen mit den bestmöglichen Technologien analysieren können", formuliert Björn Goerke, President SAP Cloud Platform und Chief Technology Officer bei SAP, die Marschrichtung. Die von der SAP favorisierte IT-Architektur umfasst
Björn Görke. Bild: DSAG
zwei Ebenen: standardisierte Geschäftsabläufe in SAP S/4HANA und agile innovative Anwendungen in der SAP Cloud. Innovationsbausteine wie Machine Learning, Internet of Things und Blockchain bündelt SAP unter der Dachmarke Leonardo. Das technologische Fundament für SAP Leonardo ist die SAP Cloud.
 
Die SAP-Anwender können bislang mit Leonardo noch nicht allzu viel anfangen. Ausweislich der Investitionsumfrage finden 48 Prozent der Schweizer Unternehmen das Portfolio SAP Leonardo zwar interessant, allerdings fehlen bislang entsprechende Projekte in den Unternehmen. 17 Prozent der Befragten planen den Einsatz, von Leonardo, und 34 Prozent kennen das Portfolio nicht oder haben es nicht verstanden. "Die Zahlen zeigen, dass die Schweizer Unternehmen durchaus an Leonardo interessiert sind", erläutert Christian Zumbach, DSAG-Vorstand für die Schweiz. "Bei einer besseren Information durch die SAP könnte das Interesse deutlich höher ausfallen".
 
Das neue Lizenzmodell steht noch aus
Ein möglicher Bremsklotz für die Akzeptanz von Leonardo ist das Lizenzmodell. Stattet ein Unternehmen beispielsweise Kühlgeräte mit Sensoren und Internetanschluss aus, um über Leonardo ein Szenario für Predictive Maintenance abzubilden, so ist nach den aktuellen Bestimmungen jedes Kühlgerät ein SAP-User. Die DSAG hatte im vergangenen Jahr ein neues Abrechnungsmodell gefordert für Prozesse, die einen hohen Durchsatz bei geringer Wertschöpfung haben. Idealerweise solle die Abrechnung nach dem Pay-Per Use-Prinzip erfolgen. Bernd Leukert, SAP-Vorstand für Produkte und Innovation, hatte auf dem DSAG-Kongress im September des vergangenen Jahres angekündigt, dass die SAP an einem neuen Lizenzmodell für Leonardo und das Internet of Things arbeite. Aus dem genannten Erscheinungsdatum 2017 ist nichts geworden. Björn Goerke hat nun eine Ankündigung diesbezüglich für die Sapphire in Aussicht gestellt, die im Juni in Orlando stattfindet. Immerhin funktioniert das Pay-Per-Use-Pricing bereits für die SAP-Cloud-Entwicklungsumgebung, wie Goerke in seiner Keynote demonstriert hat.
 
Mangel an IT-Spezialisten behindert SAP-Projekte
Genauso wichtig wie die Entwicklung stabiler Software ist es, die nächste Generation von IT-Spezialisten für die Arbeit mit SAP-Lösungen zu begeistern. "Es hat sich noch nicht überall herumgesprochen, dass bei SAP ähnlich wie bei Google und Apple auch App-Entwicklungen in der Cloud möglich sind", erläutert Peters. "Dabei haben SAP Fiori und Ansätze aus der SAP Cloud Platform durchaus das Potenzial, Studenten und Berufseinsteiger positiv von SAP zu überraschen." DSAG und SAP arbeiten gemeinsam bei Aktionen wie etwa der University Alliance, dem SAP Learning Hub sowie themenbezogenen Events daran, der kommenden IT-Generation die Arbeit mit SAP-Lösungen schmackhaft zu machen. (Jürgen Frisch)
 
(Interessenbindung: Wir sind Medienpartner der DSAG Technologietage.)