OpenText will (irgendwann) gegen Watson antreten

OpenText-Chef Mark Barrenechea an der OpenText-Kundenveranstaltung Enterprise World.
OpenText drängt in neue Anwendungen. Die Schweiz sei dabei ein "Schlüssel zum Weltmarkt", sagen OpenText-Verantwortliche.
 
Das kanadische Software-Haus OpenText will sein Angebotsportfolio kräftig ausbauen. Stand bislang das klassische Content-Management im Mittelpunkt der Produkte und Lösungen, so sollen in Zukunft kognitive Analytics, Branchenlösungen und eine erweiterte Kollaborationsplattformen für neue Umsatzquellen sorgen.
 
ERP-Systeme sind die Klassiker bei der Unternehmenssoftware. CRM kam zwar erst viel später auf und den Markt, schickt sich aber inzwischen an, die zentrale Rolle in Unternehmen zu übernehmen. Das ist einfach zu erklären. Schliesslich sollten in einem gut geführten Unternehmen der Kunde und dessen optimale Unterstützung die oberste Priorität haben. Neuerdings wird ein dritter Bereich immer zentraler: Enterprise Content Management (ECM). Das Thema ist zwar nicht sonderlich neu, aber aufgrund der Einbeziehung von Bilder-, Ton- und Video-Dokumenten sowie den unstrukturierten Daten von den Social-Media-Seiten bekam ECM in jüngster Zeit einen zunehmend höheren Stellenwert. "ECM ist das Herzstück von Prozess-Management und Kunden-Kommunikation, insofern bietet sich eine Integration unserer Plattform mit CRM oder ERP förmlich an", sagt OpenText-CEO Mark Barrenechea über die jüngsten Kooperationen mit Salesforce und SuccessFactors sowie mit SAP und Oracle.
 
Das zunehmende Interesse an ECM hat OpenText, einem Spezialisten auf diesem Gebiet, in den letzten Jahren solide Umsatzzuwächse beschert. Allein im letzten Geschäftsjahr gab es ein Plus von 14 Prozent auf 1,9 Milliarden Dollar. Doch um weiterhin überproportional zu wachsen, müssen neue Märkte erschlossen werden. Und dazu präsentierte Barrenechea jetzt ganz konkrete Vorstellungen. "Wir sind derzeit noch überwiegend ein Plattform-Provider, aber wir wollen ein bedeutender Anwendungs-Provider werden", sagt er über die neue strategische Ausrichtung.
 
Magellan segelt gegen IBMs Flaggschiff Watson
Ausgangspunkt dafür sind die Analytics-Lösungen, die man über die Akquisition von Actuate im Januar 2015 erworben hat. Darauf aufbauend plant man jetzt eine Art Grossangriff. Magellan heisst das neue Produkt, bei dem es sich um ein System für kognitives Computing handelt. Und folglich soll Magellan gegen IBMs Flaggschiffprodukt Watson segeln. "Im Gegensatz zu Watson ist unser Magellan völlig offen ausgelegt, flexibel nutzbar und vor allem sehr viel kostengünstiger", sagte Barrenechea gleich zu Beginn seiner Eröffnungsrede auf der diesjährigen Kundenveranstaltung "Enterprise World".
 
In den anschliessenden Gesprächen mit seinen Topmanagern wurde das dann allerdings etwas relativiert. "Vorerst ist Magellan eher komplementär zu Watson zu sehen. Das heisst, wir fokussieren uns zunächst auf einfachere Problembereiche, für die Watson ohnehin ein Overkill wäre", sagt Katharina Streater, Produkt-Marketing-Chefin für OpenText-Analytics. Doch dann fügt sie noch schnell hinzu: "Später muss man dann mal schauen." Roger Illing, Chef der DACH-Region ist noch vorsichtiger: "Es ist David gegen Goliath, aber man muss eine Vision entwickeln, wenn man überdurchschnittlich wachsen will. Und ich denke, das ist eine gute Messlatte", lautet seine Einschätzung von Magellan im Vergleich zu Watson. Das ganze eilt ja auch nicht, denn die Verfügbarkeit wurde von Barrenechea mit "zweite Jahreshälfte 2017" angegeben, also erst in einem bis knapp anderthalb Jahren.
 
Neben
So verglich Barrenchea Magellan mit Watson. Der kleine Haken: Magellan kommt frühestens in einem Jahr auf den Markt.
der anspruchsvollen Technologie ist Magellan aber auch noch in einem anderen Aspekt ein bedeutender Schritt für OpenText, denn damit steigt man in das Geschäft mit vertikalen Branchenlösungen ein. Welche Branchen das am Ende genau sein werden, ist noch nicht ganz klar. Doch ganz oben sollen die Branchen stehen, in denen man mit ECM bereits stark vertreten ist, beispielsweise in der Finanzwelt.
 
ECM, Social Media, Kollaboration und Sprachabfrage unter einem Hut
Die zweite grosse Neuankündigung wurde nicht minder grossblumig vorgestellt. "Unser Projekt Bandaroo wird die Arbeitswelt komplett verändern", rief Barrenechea den rund 2000 Teilnehmern aus über 40 Ländern zu. Bei Bandaroo handelt es sich bislang aber nur um ein Projekt, also noch keine Produktankündigung. In der Präsentation und der kurzen Demo war zu erkennen, dass es vor allem um Kollaboration, Social Media und Projekt Management gehen wird. Insgesamt besteht Bandaroo aus den fünf Modulen OpenText Core, Social Communities, Channels, Bots und Projekt-Management-Tools.
 
Bei OpenText Core handelt es sich um das klassische ECM-Produkt, das natürlich als Basis-Technologie zum Einsatz kommen wird. Auch die Nutzung von Social Media in Verbindung mit ECM ist nicht neu und wurde folglich nur am Rande gestreift. Die meiste Zeit widmete man sich den Engagement-Komponenten "Channels" und "Bots". Channels sind hier vordefinierte Informations-Plattformen, auf denen sich die Mitarbeiter beispielsweise darüber informieren können, wer an welchem Projekt arbeitet oder wer mit wem bei einem bestimmten Thema in Kontakt steht. Firmenchannels enthalten offizielle Bekanntmachungen oder Pressreleases. Für neue Projekte oder Problemdiskussionen können stets neue Channels angelegt werden oder nach deren Abschluss auch wieder geschlossen werden. Die Bots sind sprachbasierte Abfrage-Systeme, ähnlich zu Siri und Cortana. Insgesamt ähnelt Bandaroo den Angeboten von Asana, Slack und Jive, wobei OpenText mehr Augenmerk auf die Einbindung der bestehenden Firmen-Dokumente legt.
 
Schweiz als bedeutender Schlüsselmarkt
Auch in der Schweiz ist das klassische ECM-Geschäft eine bedeutende Umsatz-Säule für OpenText. "Wir sind ja schon seit Jahrzehnten erfolgreich in der Schweiz vertreten, und zwar vor allem dort, wo es um Kollaboration und Integration im SAP-Umfeld geht", sagte Illing in einem Gespräch mit inside-it.ch. So würden viele OpenText-Produkte auf den SAP-Preislisten stehen und folglich gebe es auch viele gemeinsame Installationen. Das liegt aber auch daran, dass beide Unternehmen, die gleichen Zielmärkte in der Schweiz ansprechen. "Unsere Kunden stammen überwiegend aus der Chemie und der Finanzwelt", sagt Illing und er kann namentlich auf Roche, Novartis und UBS verweisen, wo die weltweit umfangreichste Dokumenten-Management-Anwendung im Einsatz ist. Diese global tätigen Grosskunden sind für OpenText ganz besonders attraktiv, da über den zentralen Einkauf praktisch der gesamte Weltmarkt erreicht werden kann. "Bei einem globalen Schweizer Automatisierungs-Unternehmen werden wir jetzt ein weltweites Engineering-Dokumenten-System installieren", sagt Illing über die aktuellen Projekte, an denen auch ersichtlich ist, dass man in weitere Branchen vordringen will.
 
Cloud-Interesse steigt deutlich an
Interessant ist hierbei auch, dass es laut Illing eine deutliche Verschiebung in Richtung Cloud-Computing gibt. "Unser derzeit grösstes Cloud-Projekt ist in der Schweiz, aber auch in Österreich und Deutschland gibt es immer mehr Cloud-Anfragen.". Illing sieht als Grund für den Meinungswechsel den verstärkten Druck zur Digitalisierung. "Ob gross oder klein - alle stehen unter massiven Druck", weiss er aus seinen Vertriebsgesprächen zu berichten. In der Schweiz selbst betreibt OpenText allerdings kein eigenes Rechenzentrum. In Europa gibt es OpenText-RZs in in Deutschland, den Niederlanden und im Vereinigen Königreich. (Harald Weiss)