Euro-Krise: Druck auf Preise, Marge und Lohnniveau

Welche Auswirkungen hat die Aufhebung des Euro-Mindestkurses durch die Nationalbank auf die IT-Branche? Inside-Channels hat bei Luc Haldimann, Marc Schnyder und Jean-Marc Hensch nachgefragt.
 
Distribution ist ein hartes Geschäft. Trotz riesigen Umsätzen erzielen Computer-Grosshändler wie Also, Arrow, Ecomedia oder Alltron nur winzige Margen und setzen sich erst noch hohen Risiken aus. Seit gestern die Nationalbank den Euro-Mindestkurs wieder ganz den Märkten überlässt, sind diese Risiken noch gestiegen. Denn Distributoren kaufen in Euro oder Dollar ein und verkaufen in Schweizer Franken. "Die Retailer werden auf die Distributoren zugehen und Preisnachlässe verlangen", so Marc Schnyder in einem kurzen Telefongespräch mit inside-channels.ch. Es gibt in der Schweiz wohl niemand, der den IT-Handel so gut kennt wie Schnyder. Er hat den Distributor Also während einem Vierteljahrhundert zur Nummer eins in der Schweiz gemacht und ist seit gut einem Jahr für die Procurement-Firma Chain IQ verantwortlich. Schnyder erwartet, dass die Preise für Software, Computer und Computer-Zubehör in den nächsten drei bis vier Wochen ins Rutschen kommen. Unter Druck kommen werden vor allem auch die Preise für Güter wie Verbrauchsmaterial oder Netzwerkkomponenten, die man einfach direkt aus dem Ausland – und damit zu tiefen Eurokursen – importieren kann, analysiert der Distributionskenner.
 
Überhaupt werden Firmen unter dem Preiszerfall, der nun zusätzlich durch den hohen Frankenkurs angetrieben wird, leiden. Marge und Deckungsbeitrag werden sinken, während die Fixkosten in Franken anfallen und stabil bleiben. Dieses Phänomen wird auch die Schweizer Niederlassungen von Herstellern unter Druck setzen, so Schnyder. "Längerfristig wird das Geschäft schwieriger und komplexer", so seine wenig erfreuliche Voraussage.
 
Beschleunigt sich der Trend zu "Industrialisierung"?
Nicht nur Hardware-Händler werden unter Druck kommen, sondern auch lokale IT-Dienstleister. Grossfirmen wie UBS lagern nicht erst seit gestern Informatik-Aufgaben in Länder mit tieferen Löhnen aus. Doch könnte sich der Trend zur "Industrialisierung" der IT beschleunigen und verstärken. Die Preise von Schweizer IT-Dienstleistern könnten damit noch mehr unter Druck geraten. Bleibt der Franken teuer, werden Informatik-Dienstleister also noch mehr als bisher gezwungen sein, Near- oder Offshore-Standorte aufzubauen.
 
Swico-Direktor und inside-channels-Kolumnist Jean-Marc Hensch weist auf einen anderen wichtigen Aspekt hin. Internationale Konzerne wie Accenture, IBM oder T-Systems werden interne Projekte weniger in die Schweiz vergeben. "Das wird weh tun," so Hensch. Der Trend zum Aufbau von Off- und Nearshore-Standorten, der bereits durch die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative beschleunigt worden ist, wird sich verstärken. "Man wird verstärkt die Wertschöpfung dort erbringen müssen, wo der Umsatz anfällt," so Hensch. Schwarzmalen will er aber nicht: Eine verschlechterte Konjunktur werde zwar auch der IT-Industrie schaden. Doch "es gibt immer noch einen grossen Nachholbedarf in der Schweiz für die Digitalisierung der Unternehmen."
 
"Unsere Software muss noch schlauer werden"
Luc Haldimann, einer der wenigen Schweizer Softwaremacher, die sich auf dem Weltmarkt tummeln, denkt nicht daran, die Software-Entwicklung seines Startups unblu auszulagen. Und dies, obwohl unblu vom Frankenkurs direkt betroffen ist. Haldimann: "Uns betrifft der Kurs des Frankens direkt, denn wir machen einen grossen Teil unseres Umsatzes international. Man wusste aber, dass die Massnahmen der Nationalbank temporär sind und musste mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses rechnen," so Haldimann zu inside-channels.ch. Trotzdem will unblu die Software-Entwicklung nicht auslagern.
 
Hingegen hat auch unblu die Erbringung von Service und Support nach Bulgarien verschoben. Der Trend zur Auslagerung von allen "Commodity"-Tätigkeiten wird sich gemäss Haldimann verstärken. Und man müsse halt noch "schlauer" programmieren. Unblu achtet zum Beispiel auf einen hohen Automatisierungsgrad, so dass für den Betrieb der Co-Browsing-Lösung (in der Amazon Cloud) nur noch wenig Aufwand (in der teuren Schweiz) anfällt.
 
Druck auf die Löhne
Die Verteuerung des Frankens und damit aller in der Schweiz hergestellten Produkte und Dienstleistungen wird aber auch die Löhne unter Druck setzen. Haldimann: "Ich glaube, wir müssen uns vom Hochpreisland Schweiz verabschieden und Ansprüche ein bisschen zurückbuchstabieren."
 
In der Tat: Je grösser die Lohnunterschiede zwischen der Schweiz und Euroland und Osteuropa werden, desto härter wird die Konkurrenz durch Near-Shore-Standorte und Freelancer.
 
IT-Spezialisten und -Dienstleister in der Schweiz werden vor der Herausforderung stehen, sich gleichzeitig noch mehr zu spezialisieren und damit unentbehrlich zu bleiben und trotzdem breite Kompetenzen zu behalten, um nicht in einem Silo zu versauern. (Christoph Hugenschmidt)
 
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Es dauert maximal 10 Minuten. Und wir haben die Umfrage heute um eine Zusatzfrage zu den Auswirkungen des Euro-Wechselkurses ergänzt.
 
Bitte füllen sie die Ausgaben zu ihrer Firma aus. Wir geben die Daten niemandem weiter, verstehen dann aber die Antworten besser. (hc)