Das ist die Digitec-Strategie

Digitec-Mitgründer Florian Teuteberg lüftet im Gespräch mit inside-channels.ch das Erfolgsgeheimnis des E-Tailers und sagt, mit welcher Strategie das Wachstum sichergestellt werden soll.
 
Der Online-Händler Digitec ist ein Wunder und ein Schreckgespenst. Ein Wunder, weil es die drei immer noch jungen Firmengründer geschafft haben, in nur 10 Jahren den Schweizer PC- und Elektronik-Handel durchzuschütteln. Sie haben sich gegen grosse Player wie Media Markt und Migros ebenso durchgesetzt wie gegen kleinere, lokale Platzhirsche wie den guten alten PC Hai. Und das in einer Branche, in der Untergänge und Konkurse alles andere als selten sind.
 
Ein Schreckgespenst ist Digitec für den Schweizer IT-Channel, weil das Konzept, im Highend-Geschäft über wenig lukrative aber immer noch kostendeckende Beschaffungsaufträge an profitablere Service-Aufträge zu kommen, immer seltener funktionert. Das eh schon durch den Preiszerfall beschädigte PC-Geschäft ist seitens der Zürcher Online-Händler erst Recht unter Druck geraten.
 
Digitec hat sich lange gegenüber Medien bedeckt gehalten. Doch seit einem Jahr hat die Firma eine professionelle Medienstelle und taucht entsprechend immer öfter in Medienberichten auf. Diesen Februar schafften es die drei Digitec-Gründer sogar in einen längeren Bericht in das Nachrichtenmagazin 10vor10. Über den erzielten Umsatz und sowieso über den Gewinn macht Digitec keine Angaben. Also müssen wir schätzen: Der Online-Händler beschäftigt heute 314 Mitarbeitende und dürfte letztes Jahr etwa 250 Millionen Franken Umsatz gemacht haben.
 
Das Digitec-Geheimnis
Was ist das Geheimnis hinter ihrem Erfolg, wollen wir von Digitec-Mitgründer und COO Florian Teuteberg wissen. Die Antwort fällt differenziert und genau aus: "Es gibt nicht ein Geheimnis, sondern es sind mehrere Faktoren, die für unseren Erfolg verantwortlich sind. Wichtig war und ist sicher die Produktpflege. Unsere Produktmanager sind "Freaks" und sind nahe an den Produkten. Wir hatten in den letzten Jahren immer sehr auf neue Produkte und auf ein gutes, gepflegtes Sortiment geachtet. Und wir sind sehr nahe an den Kunden und kennen deren Bedürfnisse."
 
Der zweite Erfolgsfaktor war ein ausgeklügelter Webshop, sagt Teuteberg. "Wir hatten sehr früh einen vernünftigen Webshop. Den heutigen Shop setzen wir seit 2005 ein. Neu war damals, dass wir ein riesiges Sortiment mit Filtermasken zugänglich gemacht haben."
 
Drittens habe Digitec immer darauf geachtet, das beste Preis-Leistungsverhältnis im Markt zu haben. "Wir sind sehr günstig und bieten mehr Leistung als die anderen. Kunden können sich per Telefon, per E-Mail und im Laden beraten lassen, sie können Waren abholen, wir habe eine hohe Verfügbarkeit und wir bieten Aftersales. Entscheidend ist das Gesamtpaket an Services," so Teuteberg ohne übertriebene Bescheidenheit.
 
Immer knapp am Abgrund vorbei?
Woher der Online-Händler das Geld hat, um das riesige, eigene Lager zu finanzieren, wundert uns weiter. Teuteberg: "Wir finanzieren unser Business selbst. Unser Lager dreht schnell, unsere Kunden bezahlen früh und wir haben die Zahlungsfrist bei den Distributoren. Damit bleibt etwas, um zu arbeiten. Und es ist nicht so, dass wir Liquidität für zwei Monate benötigten."
 
Gelassen reagiert Teuteberg auf unsere Frage, nach den Risiken des Geschäfts. Könnte nicht eine Anhäufung von Fehlern von Einkäufern das Business rascher in den Abgrund reissen, als es aufgebaut worden ist? Er und seine Kollegen leben nun seit 10 Jahren mit den Risiken, sagt der Digitec-Mitgründer: "Wir haben uns daran gewöhnt." Klar habe man angesichts der geringen Margen nur beschränkten Spielraum für Fehler. Dennoch: "Alle Produktmanager machen Fehler. Ab und zu legen wir drauf - das ist normal," sagt Teuteberg. Er betont aber auch, dass die Lagerbewirtschaftung sehr im Fokus der Firma steht." Jeder, der seine Lagerbewirtschaft nicht sehr gut im Griff habe, komme früher oder später in Probleme, sagt Teuteberg. Davon, dass sich die Risiken eines "Absturzes" mit der wachsenden Grösse von Digitec vergrössern, will er nichts wissen.
 
Ein Risiko wäre es aber gewesen, hätte Digitec massiv in Lagerautomatisierung investiert. "Voraussetzungen und Produktsortiment haben sich laufend gewandelt. Wir hätten uns jedes Mal falsch entschieden," so die interessante Aussage Teuteburgs.
 
Digitec B2B: Finger weg vom Service-Business
Die gute Nachricht für den Schweizer Channel ist, dass Digitec zwar einen Firmen-Shop aufgebaut hat, aber nicht die geringste Absicht hat, ein VAR zu werden. "Wir bleiben beim Boxmoving. Es soll auch für Firmen einfach sein, bei uns zu bestellen. Ins Service-Geschäft wollen wir hingegen auf keinen Fall."
 
Auf Firmenkunden, die vor Ort Dienstleistungen und Hardware aus einer Hand möchten, werde Digitec halt verzichten, sagt der Co-Chef klipp und klar. Das Firmengeschäft lasse sich auch so ausbauen. Zum Beispiel könnte Digitec B2B das Geschäft mit Verbrauchsmaterial ausbauen, etwa mit automatischen Nachlieferungen.
 
Das Online-Warenhaus als Zukunft
Wer mit Teuteberg spricht, wundert sich nicht lange über den Erfolg der Firma. Der Mann denkt und spricht klar und einfach, ist unaufgeregt und offensichtlich auch bereit, Risiken einzugehen. So erstaunt nicht, dass Teuteberg offen zugibt, dass die steile Digitec-Wachstumskurve abflachen wird und neue Strategien gefragt sind. "Der Umsatz ist im ersten Quartal 2012 schön gewachsen. Aber das Wachstum könnte sich in zwei, vielleicht in fünf Jahren abflachen," sagt der Digitec-Co-Chef.
 
Bis es so weit ist, soll das Online-Warenhaus Galaxus, in dem es Rasenmäher, Mixer, Blumentöpfe, Playstations und seltsamerweise auch einen 64'000-fränkigen HP-Server gibt, zum zweiten Standbein von Digitec geworden sein. Teuteberg: "Wir wollen die Kunden sensibilieren, dass man auch andere Produkte als Elektronik online einkaufen kann. Noch ist es bei der breiten Masse nicht angekommen, dass man auch einen Rasenmäher oder ein Velo bequem im Netz einkaufen kann."
 
Auf unseren Einwand, dass man bereits heute Fahrräder und Gartenwerkzeuge bequem im Web erwerben kann, erklärt Teuteberg das Konzept: "Galaxus ist ein Warenhaus, in dem man alles aus einer Hand bekommen kann. Der Kunde muss nur einmal das Vertrauen zu Galaxus aufbauen und nicht lange ausprobieren, wo er einkaufen soll."
 
Teuteberg bezeichnet das Abenteuer, das erste umfassende Online-Warenhaus in der Schweiz aufzubauen, als grossen Spass. Ein Spass, bei dem es ihm und seinen Kollegen auch darum gehe, etwas Neues zu machen und sich vom Tagesgeschäft nicht abnützen zu lassen. (Christoph Hugenschmidt)