Surseer Comparex revoltiert gegen deutschen PC-Ware-Konzern

Praktisch die gesamte Belegschaft von Comparex Schweiz kündet und wird von Bison übernommen. Ex-Chef Karl Hoppler sieht alles ein bisschen anders und staunt über Fenaco.
 
Gestern müssen sich beim Surseer IT-Dienstleister Comparex Schweiz (ehemals PC-Ware Systems Schweiz) dramatische Szenen abgespielt haben. Wie 'computerworld.ch' heute berichtet, haben die gesamte Geschäftsleitung sowie der grösste Teil der 80 anwesenden Mitarbeitenden gekündigt. Sie haben vom Surseer Softwarehersteller Bison eine Job-Garantie erhalten. Bison ist zu 30 Prozent an Comparex Schweiz beteiligt und ist zusammen mit dem eigenen Mutterunternehmen Fenaco der grösste Kunde. Die restlichen 70 Prozent von Comparex Schweiz gehören dem deutschen PC-Ware-Konzern. Dieser wiederum gehört seit vergangenem Jahr mehrheitlich der österreichischen Raiffeisen Informatik.
 
Raiffeisen Informatik wollte Strategie-Änderung
Sowohl Comparex-Schweiz-Chef Oliver Schalch als auch Bison-Chef Rudolf Fehlmann bestätigen auf Anfrage von inside-channels.ch die Darstellung von 'computerworld.ch'. Fehlmann erklärt das Geschehen: "Als im vergangenen Jahr der neue PC-Ware-Besitzer Raiffeisen Informatik das bisherige Management in Deutschland rund um Unternehmensgründer und CEO Knut Löschke in die Wüste schickte, fingen die Unsicherheiten in der Schweiz an." Obwohl der deutsche PC-Ware-Konzern in Leipzig noch Ende 2009 beteuert habe, dass sich in der Schweiz nichts ändere, wollte man gemäss Fehlmann neuerdings doch noch das Geschäft in der Schweiz neu aufstellen. Fehlmann, der zusammen mit PC-Ware-Konzernchef Klaus Elsbacher (Präsident) und Bison-Schweiz-Urgestein Karl Hoppler im Verwaltungsrat von Comparex Schweiz sass, sei über die geplante Strategieänderung zum Teil nicht informiert gewesen. Am vergangenen Montagabend sei ihm dann der Kragen geplatzt. "Ich trat per sofort als Verwaltungsrat zurück", so Fehlmann.
 
Unterschiedliche Darstellung der Ereignisse
Was hatte der PC-Ware-Konzern vor? Gemäss Fehlmann sollte die Schweizer Niederlassung in die Strategie von Comparex Europa integriert werden. Höhermargige Geschäfte mit Grosskunden und mit Fokus auf Rechenzentren stünden im Zentrum. Niedrigmargige Field Services hätten hingegen mit der neuen Strategie an Bedeutung verloren. Laut 'computerworld.ch' machten Gerüchte die Runde, es sollen in der Schweiz massiv Stellen abgebaut werden. Gemäss Fehlmann wäre für den nächsten Freitag eine Verwaltungsrats-Sitzung geplant gewesen, an der die neue Strategie besprochen worden wäre.
 
Nicht nur Fehlmann als Vertreter des grössten Kunden, auch das gesamte Management in der Schweiz um Oliver Schalch (der vor wenigen Tagen gegenüber inside-channels.ch noch ein äusserst rosiges Bild der Lage gezeichnet hatte) fand offenbar am Dienstagmorgen, dass es unter dem Dach von PC-Ware beziehungsweise Raiffeisen Informatik nicht weitergehen kann. "Mein Rücktritt war der sprichwörtliche Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte", so die Darstellung Fehlmanns.
 
Karl Hoppler, langjähriger Chef von Bison Systems (später PC-Ware und heute eben Comparex), der heute nur noch als Verwaltungsrat von Comparex Schweiz aktiv ist, stellt die Vorgänge in Sursee allerdings anders dar. "Schalch wurde fristlos gekündigt," sagte Hoppler zu inside-channels.ch. Schalch und Fehlmann hätten "den Spiess umgedreht", so Hopplers Darstellung der Ereignisse.
 
Belegschaft will geschlossen zu Bison wechseln
Am Dienstagmittag trat die gesamte Geschäftsleitung zurück. Thomas Knuchel (Director Retail & Screen Solutions), Dieter Wahlen (Director Sales), Markus Amrein (Director IT-Services) sowie Michel Schmid (CFO Commercial Director) haben noch eine Kündigungsfrist, CEO Schalch hingegen ging per sofort. Als den PC-Ware-Mitarbeitenden um 13 Uhr mitgeteilt wurde, dass das Management gekündigt habe und die Möglichkeit für alle Angestellten bestünde, zu Bison zu wechseln, habe es Applaus gegeben, so Fehlmann: "Sie waren froh, dass die Unsicherheit endlich vorbei war".
 
Gemäss 'computerworld.ch" soll jeder der Anwesenden ein vorgefertigtes Kündigungsschreiben sowie einen neuen Arbeitsvertrag erhalten haben, den man nur noch zu unterzeichnen brauchte. Bison garantiere allen 200 Mitarbeitenden von PC-Ware Systems Schweiz (Sursee, Basel, Bern und Winterthur) eine Stelle, sagt Fehlmann. Zurzeit sehe es so aus, dass die gesamte Belegschaft geschlossen zu Bison wechsle. Laut 'computerworld.ch' haben bis Mittwochmorgen 150 Mitarbeitende ihre Kündigung eingereicht.
 
Das unabhängige Lizenzgeschäft unter dem Namen PC-Ware Schweiz in Dietikon (mit 20 Angestellten) ist vom "Aufstand" nicht betroffen.
 
"Ein gefährliches Spiel"
Zurzeit leitet Peter Jung vom PC-Ware-Konzern die Schweizer Niederlassung von Comparex. Es darf aber angenommen werden, dass – wenn aus Sicht von Bison alles wie geplant über die Bühne geht – Oliver Schalch als CEO zurückkehrt. Er geniesst in Sursee nach wie vor Anerkennung. Gemäss Fehlmann wird es kein organisatorisches Zusammengehen von Bison und Comparex Schweiz geben. Er stellt sich ein ähnliches Gebilde vor, wie es heute besteht. Für Fehlmann ist momentan aber entscheidend, dass die Angestellten nicht mehr zittern müssen.
 
In der Sicht von Karl Hoppler spielen die Leute rund um Fehlmann und das Comparex-Management aber ein "sehr gefährliches Spiel". Zudem müssten alle Comparex-Angestellten ausser Schalch eine dreimonatige Kündigungsfrist einhalten und die Kundenbeziehungen gehörten immer noch Comparex Schweiz.
 
Hoppler: "Ich staune, dass der Fenaco-Konzern, der vor ein paar Jahren immerhin 17 Millionen Franken für die Firma erhalten hat, das Spiel mitmacht."
 
Der deutsche PC-Ware-Konzern konnte auf Anfrage von inside-channels.ch noch keinen Kommentar zum Geschehen abgeben. "Wir prüfen die Angelegenheit noch und werden zu gegebener Zeit informieren", heisst es aus Leipzig. (Maurizio Minetti / Christoph Hugenschmidt)