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Montag, 07.06.2010
Wieder Ärger um Solothurner Open-Source-Strategie

Datenbank-Migration kommt nicht voran. Die Solothurner Geschäftsprüfungskommission will bis Oktober einen Bericht von der Regierung.
 
Die Solothurner Open-Source-Strategie steht wieder einmal im Kreuzfeuer der Kritik. Am Wochenende berichtete die 'Solothurner Zeitung', dass die Geschäftsprüfungskommission (GPK) des Solothurner Kantonsrates die Regierung fragt, ob sie einen "Plan B" habe, "für den Fall, dass das laufende Projekt scheitern sollte". Die GPK verlangt bis zum 1. Oktober einen Bericht über die laufende Einführung der Open-Source-Software. Sie hatte sich bereits Anfang 2010 zu Wort gemeldet.
 
Verzögerungen
Die Solothurner Kantonsverwaltung, die sich vor bald zehn Jahren für die quelloffene Software entschied, gilt zumindest unter Open-Source-Befürwortern als Pionier in der Schweiz. Das Solothurner Amt für Informatik und Organisation (AIO) sieht sich allerdings vermehrt mit Kritik konfrontiert. Vor einem Jahr – im Zuge des Wirbels um die ausschreibungslose Microsoft-Vergabe des Bundes – schaltete sich in Solothurn die kantonale Finanzkontrolle ein.
 
Fraglich ist etwa, ob der Kanton tatsächlich jährlich eine Million Franken spart. Es gab immer wieder Verschiebungen bei der Implementierung. Der Widerstand einiger Anwender im Kanton ist zudem auch nicht von der Hand zu weisen. Fairerweise muss aber gesagt werden, dass viele Linux-Anwendungen problemlos laufen.
 
Vor einem Jahr sagte AIO-Chef Kurt Bader zu inside-it.ch, dass alle Geräte zwar auf Open Source laufen, bislang aber nur 1300 Personen mit der Lösung arbeiten. Bis 2010 sollten dann alle 2000 Verwaltungsangestellten mit Open Source arbeiten. Offiziell heisst es heute, dass die Umstellung bis Ende 2010 erfolgen werde. Die Migration begann 2002 und sollte ursprünglich 2007 abgeschlossen sein.
 
Datenbank-Problem
Momentan hapert es an der Umstellung der Windows-basierten Datenbank "Konsul" auf das Linux-basierte "Ambassador", wie die 'Solothurner Zeitung' schreibt. Weil die zentrale Datenbank zur Bearbeitung von Regierungsratsbeschlüssen nicht migriert werden kann, wird das ganze Projekt blockiert. "Scheitert Ambassador, macht die flächendeckende Einführung von Linux kaum mehr Sinn", wird Finanzdirektor Christian Wanner zitiert. Das Geschäftskontrollsystem gilt als das Herzstück der Linux-Umstellung, da es die Departemente und deren Mitarbeitende am stärksten vernetzt. Gemäss GPK gibt es noch weitere Probleme, so etwa mit dem Scalix Webmail Client und mit dem Ausdrucken von Dokumenten.
 
Nun soll eine Expertise, die nach den Sommerferien fertig sein soll, klären, ob die Migration bis Ende 2010 "zu Ende geführt und langfristig erfolgreich nutzbar gemacht werden kann". (mim)

Kommentare:
Rainer Duffner Widerstrebende Benutzer, die nicht wechseln wollen sind relativ normal.
Wenn man sich nur noch den Usern orientieren würde, käme man aber auch nie voran.
Wie hat es Henry Ford treffend formuliert:
"If I had asked my customers what they wanted, they would have said they wanted a faster horse".
 
Letztlich muss natürlich die Arbeit mindestens genauso effizient erledigt werden können.
Aber wenn man z.B. die ganzen SAP-Einführungen anschaut - da hat sicher am Anfang auch niemand von den Usern "Hurra, endlich!" geschriehen. Aber deswegen hat niemand auf die Einführung verzichtet - weil die Entscheidungsträger einen Mehrwert gesehen haben.
Ist der nicht ersichtlich, gehen ziemlich schnell die Lichter aus in dem Projekt...die wenigsten Firmen leisten sich "IT-Hobbies" nebenher.

Theo Schmidt Dieser Artikel bringt etwas mehr Licht:
http://www.pro-linux.de/news/1/15764/solothurn-probleme-stark-uebertrieben.html
Fazit: es gibt einige wenige Probleme, die bereits gelöst wurden oder werden. Die Verwaltung spart schon seit Jahren 1,5 Mio. Franken pro Jahr durch die Migration.

Steiner Reto Herr Schmidt
Die Lizenzgebühren sind nicht der Hauptkostenfaktor! Hinzu kommt noch, dass wir in der Schweiz nicht genügend Fachkräfte haben, um überhaupt einen vergleichbaren Entwicklungsgleichstand zu MS aufzubauen. Dafür ist die Schweiz doch ein wenig zu klein! Also rein hypothetische Annahmen sind für mich keine Argumente. Was Sie hier zum Vergleich bringen, ist in der Realität beinahe unmöglich. Klar bezahlen auch Kleinunternehmen Steuern in der Schweiz, aber wie viel im Vergleich? Glauben Sie mir, mir wäre es auch lieber, die Schweiz wäre in der IT-Branche so erfolgreich wie MS, Apple usw., aber dem ist nicht so und es gibt auch keine Anzeichen, dass wir es einmal sein werden. Open Source wird da auch nicht so schnell was ändern und mehr Steuereinnahmen wird Open Source uns auch nicht bescheren. Mehr Arbeitskräfte wird Open Source uns auch nicht bringen, wenn überhaupt würde es höchstens eine Umverteilung geben, d.h. mehr Open-Source-Fachkräfte, dafür weniger MS. Der Markt ist bei uns gesättigt. Die Hauptentwicklung von Open-Source-Produkten ist auch im Ausland und daran wird sich auch nichts ändern. Genauso ist es falsch, wenn hier suggestiert wird, dass die Einnahmen der in der Schweiz verkauften Lizenzen nur in die USA fliessen, dafür wird auch hier Steuern bezahlt. MS unterstützt in der Schweiz zahlreiche Forschungen und hat noch kleinere Unternehmen, die auf den ersten Blick nicht zu MS gehören. Ich versteh Ihre Überlegungen sehr gut, aber bei genauerer Betrachtung ist es doch nicht so realistisch.

Theo Schmidt > Ob man nun Microsoft Produkte nutzt, oder Open Source macht
> bezüglich der Steuern und somit finanziellen Nutzen für den Staat,
> kaum wenn nicht sogar den gegenteiligen Unterschied.
 
Das ist nicht richtig. Nehmen wir mal an, es wird für beide Varianten gleich viel ausgegeben. Den grössten Teil der Arbeit machen Leute in der Schweiz, ob bei Microsoft oder anderen Firmen. Bei proprietärer SW, ob von Microsoft oder Adobe, etc., sind ein Teil der Kosten aber Lizenzkosten, welche grösstenteils ins Ausland fliessen. Zwar kann eine FOSS-Lösung auch Lizenzen für ebenfalls amerikanische Firmen wie Redhat oder IBM enthalten, aber ihr Anteil ist geringer und es kann jederzeit auf völlig freie Varianten gewechselt werden, wo dann 100% der Ausgaben in der Schweiz bleiben könnten.
 
> Kleine IT-Firmen zahlen in der Schweiz oftmals kaum Steuern, wegen
> ihres geringen Umsatzes.
 
1) Eine so kleine Firma wird kaum an einer kantonalen IT beteiligt sein.
2) Selbst meine 50% Mini-Einzelfirma zahlt Steuern.
3) Was nicht versteuert wird, bleibt grösstenteils in der Schweiz.

Reto Steiner Microsoft bezahlt auch in der Schweiz Steuern und hat ca. 215 Arbeitnehmer, die auch in der Schweiz wohnhaft sind und Steuern bezahlen, zuzüglich noch die Steuern, die Microsoft direkt als Firma bezahlt. Zählt man noch die externen Firmen, die direkt für Microsoft arbeiten, hinzu, kommt man schnell auf über 1000 Steuerzahler in der Schweiz. Rechnet man noch die Administratoren und Supporter dazu, beläuft sich die Zahl der Steuerzahler, die indirekt durch Microsoft hier in der Schweiz einen Job haben, wahrscheinlich im fünfstelligen Bereich. Ob man nun Microsoft-Produkte nutzt, oder Open Source macht bezüglich der Steuern und somit finanziellen Nutzen für den Staat, kaum wenn nicht sogar den gegenteiligen Unterschied. Da Microsoft eine sehr erfolgreiche Firma ist. Kleine IT-Firmen zahlen in der Schweiz oftmals kaum Steuern, wegen ihres geringen Umsatzes.

Roger Bochinski Sehr geehrter Herr Stürmer
 
Ich bin sicher kein Mensch, der grundsätzlich nur für MS oder gegen Open Source ist. Ich bin ein Pragmatiker und versuchte stetig Vor- und Nachteile objektiv und unabhängig zu beurteilen. Was ich aber bestimmt bin, ist jemand der unsachliche Ansichten, Sachverdrehungen und Zurückhaltung von Fakten nicht akzeptiert.
 
Das Migrations-Projekt des Bundes auf Vista ist nicht wie hier in Solothurn an technischen Problemen gescheitert, sondern weil Bundesagestellte gleich Windows 7 haben wollten. Auf Grund von Beschwerder einiger Departemente. Wenn der Bund weiter an der Vista-Strategie festgehalten hätte, sowie von Anfang an geplant, hätte es KEINE Verzögerungen, technische Probleme, oder Mehrkosten gegeben. Nur muss man hier fairnesshalber auch hervorheben, als die Planung begann, war Windows 7 gar noch nicht fertiggestellt. Der Bundesrat hatte nachträglich weitere 4 Millionen für die Migration auf Windows 7 gutgesprochen. Dies ist für 19000 Clients/Rechner. Es entstanden aber keine Mehrkosten für Lizenzen.
Die zusätzlichen Projektkosten sollen aus Einsparungen bei den beteiligten Departementen finanziert werden. Damit ist Fakt, dass unter dem Strich es uns nicht mehr kostet, sondern es mit einer sinnvollen Kostenverteilung geregelt wurde. Die zeitliche Verzögerung beträgt aber nicht Jahre wie in Solothurn, sondern lediglich einige Monate. Bis dahin können aber die Bundesbeamten mit XP ohne Probleme weiterarbeiten und haben keine Druckprobleme, Mail usw.!
 
In Solothurn stellt die Akzeptanz ja nur eines von vielen Problemen dar. Aber im Gegensatz zum Bund nimmt man dort den Arbeiter nicht ernst, sondern verurteilt ihn lieber öffentlich als Querulanten. Wenn man nur solch geringfügige Probleme hätte, wie die Akzeptanz, dann würden die Solothurner das Projekt bereits als einen riesigen Erfolg feiern, aber davon ist man offensichtlich sehr weit entfernt. Was das schlussendlich dem Steuerzahler noch kosten wird, wage ich gar nicht zu prognostizieren. Über die Zeit brauchen wir ja gar nicht mehr zu diskutieren, man ist ja jetzt schon Jahre im Rückstand.
 
MfG
Roger Bochinski

Mathias Arndt Dieses Beispiel zeigt doch nur eins: In Zukunft sollten IT-Projekte der öffentlichen Hand ausschließlich auf Open Source basieren. Denn von Microsoft wird sicher nicht auf Migrationsmöglichkeit, sondern eher auf Geheimniskrämerei, bei der Implementierung gesetzt.
 
Dass Open-Source-Projekte genau so teuer oder teurer werden (mittelfristig gesehen), ist doch klar. Aber warum Mio. über Mio. CHF nach Redmond überweisen, wenn diese doch in der lokalen IT-Struktur viel besser verwendet werden können (Arbeitsplätze und Firmen, die Steuern zahlen).

Theo Schmidt Es scheint mir, das Problem in diesem Beispiel ist die Windows-basierte Datenbank "Konsul" und nicht Linux oder Freie Open Source Software. Ob die Migration termingerecht verläuft oder nicht, der Kanton Solothurn wird langfristig gerade weniger von solchen Abhängigkeiten geplagt sein als andere Kantone, die das noch vor sich haben, sogar ohne Systemwechsel.

Matthias Stürmer Lieber Herr Bochinski
 
Danke für Ihre aufschlussreiche Argumentation. Da frage ich mich einfach, warum das Microsoft Vista Migrationsprojekt des Bundes so kläglich gescheitert ist, dass die Zeitplanung nicht eingehalten werden konnte, der Bundesrat persönlich neue Millionen-Nachkredite sprechen musste, unterdessen bereits Windows 7 eingeführt wird und damit vier verschiedene Betriebssystem-Versionen beim Bund im Einsatz sind etc. Ist es vielleicht so, dass auch Windows-zu-Windows-Migrationen nicht so problemlos sind, wie Microsoft und deren Anhänger uns versuchen weis zu machen?
 
Aber schlussendlich ist es auch lächerlich, ein Einzelbeispiel nach dem anderen aufzuzählen und dabei die eigentliche Ursache der Problematik zu übersehen. Hängt das ganze am Ende nicht einfach damit zusammen, dass kurzfristig nicht Open Source vs. proprietäre Software den Erfolg eines IT-Projekts bestimmt, sondern die ganz üblichen Faktoren wie Planung, Projektmanagement, Kommunikation etc. zentral sind? Oft habe ich das Gefühl, dass bei all diesen Diskussionen den einzelnen Technologien zu viel Aufmerksamkeit geschenkt wird und die Menschen dahinter, die den Erfolg oder eben Misserfolg eines IT-Projekts mehrheitlich ausmachen, vergessen werden.
 
Abgesehen davon bietet Open Source Software nach wie vor für den Kunden vorteilhaftere Bedingungen als proprietäre Software. Für alle, die eine Ahnung von Software-Lizenzen haben, ist das schlichtweg ein Fakt und keine Glaubenssache.
 
Freundliche Grüsse,
 
Matthias Stürmer

Adrian Schweizer Open Source Software macht sowieso keinen Sinn, ohne ein entsprechendes Entwicklerteam dabeizuhaben, das bei Bedarf nicht zufriedenstellend arbeitende Komponenten anpassen kann. Dass dies im Endeffekt etwas kostet, sollte auch klar sein. Dafür bekommt man die Kontrolle über seine Software und kann auch sicherheitstechnisch endlich mit der Arbeit beginnen.

Roger Bochinski Hier wollten sich einige einfach profilieren und suchten sich dazu die nötigen Ja-Sager. Es war doch von Anfang an klar, dass bei einer solch grossen Migration nicht alles so laufen wird, wie es uns vorgegaukelt wurde! Was in Solothurn abgeht, ist extrem peinlich und für Open Source eine sehr schlechte Werbung! Diese Probleme hätten bei einer seriösen Planung nicht geschehen dürfen, da gibt es kein Wenn und Aber.... dafür genügend Ausreden! Auch wenn mit gewissen Problemen immer gerechnet werden muss, die erst in der Umsetzung ersichtlich werden, war hier in Solothurn klar gepfuscht, wenn nicht sogar mit Absicht Tatsachen verschwiegen worden, oder schöngeredet ohne dass man wirklich eine Ahnung hatte, wie man es bewerkstelligen will! Es ist auch ein Blickpunkt wie es in der Wirklichkeit ist, wenn man nur dem Zeitgeist folgt und das Anti-Microsoft-Gehabe um jeden Preis mitmachen will. Genauso wie in München, zeigt sich einmal mehr, dass mit Open Source doch nicht alles so einfach umsetzbar ist und wer jemals ernsthaft glaubte, dass sich ein Umstieg finanziell rechnen würde, hat einfach keine Sicht für die Realität. Open Source ist für uns sehr wichtig und in vieler Hinsicht sicherlich eine sehr gute Alternative, aber es ist nicht der "Heilige Gral" wie es gerne von den Open-Source-Enthusiasten dargestellt wird. Fakt ist und bleibt, dass grosse Migrationen von Windows auf Open Source in der Gegenwart immer mit extrem grossen Problemen verbunden sind und das Hauptargument der finanziellen Vorteile sich ins Gegenteil entwickelt. Da hilft es auch wenig, wenn ein Teil reibungslos funktioniert, aber das Gesamtpaket nicht brauchbar ist.