Hiag Data steigt mit grossem Knall ins Cloud-Business ein

Hanspeter Tinner, COO Hiag Data in Rockstar-Pose
Hiag Data, Microsoft und HPE lancieren gemeinsam die "Network Centric Multi Cloud 4.0". Unter dem seltsamen Begriff versteckt sich die Kombination von Glasfasernetz, einer eigenen Azure-Cloud und Zugang zu den Public Clouds.
 
Der kleine Konferenzsaal in der Samsung-Event-Halle in Dübendorf war gestern bis auf den letzten Platz besetzt. Rund 180 Leute aus den Chefabteilungen des Schweizer Channels kamen zum Launch der "Network Centric Cloud Infrastructure" von Hiag Data. Was sie zu hören bekamen, war tatsächlich beeindruckend. Hiag Data hat zusammen mit Microsoft und HPE einen kompletten Azure Stack aufgebaut und wird die Azure Cloud ab dem 1. April aus der Schweiz heraus anbieten. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte.
 
Denn Hiag Data besitzt in der Schweiz ein eigenes Glasfasernetz. Der ICT-Arm des Immobilienriesen mietet nicht einfach Übertragungskapazität auf den Glasfasern anderer, sondern besitzt eigene. Diese werden gemäss Hiag-Data-COO Hanspeter Tinner auf dem Layer 1 geswitched. Hiag könne deshalb den Kunden die Verbindung zwischen deren Standorten und der Hiag-Cloud zu tieferen Preisen als die Konkurrenz anbieten. Tinner sprach von 650 Franken pro Monat (plus 250 Franken für die Verbindung zum Internet) für ein GB symmetrisch. Ausserdem kann man die Daten "End-to-End", also zwischen den Standorten des Kunden und den RZs von Hiag verschlüsseln. Und über die RZs von Hiag hinaus auch bis in das riesige Peering-Center DE CIX in Frankfurt und von dort in die Microsoft-Cloud in Amsterdam.
 
Hiag Data bietet neben Connectivity, die eigene Azure-Cloud und die Verbindung hin zu Public-Clouds, eine Reihe von weiteren Services, die zusammen mit Partnern entwickelt worden sind. So gibt es bei Hiag AWS-S3-kompatiblen Objekt-Storage (mit Cloudian), private Clouds die auf Windows Server 2016 und Hypervisor aufbauen und branchenspezifiche Lösungen für Healthcare sowie eine Cloud-Plattform für Medien, die man beispielsweise für Video-Postproduktion nutzen kann.
 
In einem ersten Schritt bietet Hiag nicht alle Services an, die mit dem Azure-Stack möglich sind. Weitere sollen laufend dazu kommen, so etwa Backup mit Veeam, MS Elastic SQL oder Managed-PKI von QuoVadis. Auch Container mit Docker und Kubernetes sollen noch 2018 angeboten werden.
 
Alles ist indirekt, alles ist "Ökosystem"
Noch mehr als das Buzzword "Security" hörte man gestern "Ökosystem". Der Begriff wird von den US-Herstellern zur Zeit inflationär benutzt. Hiag Data verkaufe zu "100 Prozent" indirekt, rief Tinner ins Publikum. Im Podiumsgespräch danach relativierte er allerdings: "Wenn Nestlé anklopft, werden auch unsere Knie weich."
 
Microsoft-Schweiz-Chefin Marianne Janik sagte im Gespräch mit inside-channels.ch, die Partnerschaft
Die Roadmap.
mit Hiag und HPE sei zwar nicht exklusiv, aber auf jeden Fall "strategisch relevant" für Microsoft. Hiag Data soll die Rolle eines "Ankers" in einem Cloud-"Ökosystem" spielen. Microsoft selbst werde immer nur den technischen Layer anbieten. Janik: "Ich habe viel Respekt für den Mut von Hiag Data. Der Partner hat sehr viel investiert und sich neu erfunden."
 
Mit der grossen Kelle
HPE-Partner-Manager Andreas Mebold sah man gestern den Stolz auf die für Hiag gebaute Lösung an. "Ich kenne kein Angebot in der Schweiz, das mit dem heute gezeigten vergleichbar ist." Welches Gewicht man bei HPE der Hiag-Story gibt, sieht man auch daran, dass Roland Frehner nach "Dübi" kam. Er ist bei HPE weltweit für das Business mit Service-Providern, also Telkos, verantwortlich. Gemäss Frehner haben im März 2017 15 Firmen begonnen, zu lernen wie man einen eigenen Azure Stack aufbaut. Und vier davon sind aus der Schweiz, so Frehner.
 
Hiag rührt mit der grossen Kelle an. Gemäss Mebold konnte HPE für die auf ProLiant-Servern aufbauende Cloud 12'500 SSDs liefern.
 
Schweigen über die eingesetzte Technologie
Man hat gestern viel von "End-to-End-Security", "Secure and Private Cloud Connect" und "Secure & Private Global Cloud Connect" gesprochen. Welche Verschlüsselungstechnologie und welche Verschlüssler Hiag einsetzt, wollte Tinner aber nicht sagen. Man verschlüssle "auf dem Layer 1 und auf dem Layer 2", sagte Tinner. Auf der Webseite von Hiag Data werden Adva und der Adva-Partner Dacoso genannt. Adva stellt Netzwerkkompenten für Fiberglas-Netze und auch Verschlüssler her.
 
Hiag ist reich und kann sich gescheiterte Projekte leisten
Man hat gestern bei der Präsentation der "Network Centric Multi Cloud 4.0" in Dübendorf den Mund sehr voll genommen. Eindrücklich war nicht nur, was man den anwesenden Channel-Playern (auch viel Konkurrenz war da) versprach, sondern auch, mit welcher Leichtigkeit Hiag über die Vergangenheit hinweg ging.
 
Das Projekt sei aus einem gescheiterten Immobilienprojekt hervorgegangen, sagt Hiag-Data-Chef Martin Durchschlag gleich zum Einstieg. Schliesslich wollte man in Biberist in der ehemaligen Papierfabrik ein riesiges Rechenzentrum für Colocation mit 100 MW Stromversorgung bauen. Das Projekt sei nicht zustande gekommen, aber man habe viel über Colocation gelernt, sagte Durschlag. Aktuell ist Hiag physisch im RZ von Interxion und im ehemaligen RZ von AXA in Winterthur untergebracht. Das RZ in Biberist baut man nun offenbar für eigene Zwecke. Es soll später dazukommen.
 
Vom einst geplanten riesigen Rechenzentrum in der ehemaligen Alufabrik in Menzikon sprach gestern niemand mehr. (hc)

Unser Kommentar:

Schweizer Cloud-Markt wird aufgemischt
 
Wer in der Schweiz eigene Cloud-Infrastrukturen aufgebaut hat, dürfte diese Woche nachdenklich geworden sein. Am Mittwoch kündigte Microsoft an, in der Schweiz eigene Cloud-Infrastrukturen aufzubauen. Man wird den lokalen Anbietern, die Microsoft-Cloud-Software (Office 365, Skype for Business, ...) aus einer eigenen Infrastruktur heraus vermieten, ein (wenn nicht das) Verkaufsargument wegnehmen.
 
Und Hiag Data, finanziell von einer sehr potenten Mutter gestützt, bringt ein All-in-One-Angebot, das nicht so einfach zu konkurrenzieren sein wird.
 
Microsoft-Schweiz-Chefin Janik war in einem kurzen Gespräch sehr klar. Microsoft werde preislich keine Rücksicht auf Partner mit eigenen Infrastrukturen nehmen. Für Partner gebe es genug Business-Chancen als Managed Service Provider.
 
Der lokale Cloud-Markt wird aufgemischt. Wer eigene Infrastruktur teuer aufgebaut hat, könnte in Schwierigkeiten geraten. "Wir müssen uns unser Geschäftsmodell gut anschauen," sagte mir ein Manager eines sehr erfolgreichen Schweizer Outsourcing-Players gestern. (Christoph Hugenschmidt)